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Der Schienenpakt - die Bahn soll zentrales Transportmittel des 21. Jahrhunderts werden

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 28.09.2020


Viel Geld für den Bahnverkehr

Der hoch verschuldeten Deutschen Bahn steht eine bessere Zukunft bevor. Da die Schiene als besonders umweltfreundliches Transportmittel gilt (schon heute haben erneuerbare Energien am Stromverbrauch in Deutschland einen Anteil von über 40 Prozent), soll sie nach dem Willen der Bundesregierung zu einem Hauptverkehrsträger des 21. Jahrhunderts werden. Hierfür haben Deutsche Bahn AG, Bundesverkehrsministerium und Transportverbände den sogenannten Schienenpakt beschlossen. Der Vertrag bildet damit die Fixierung der im Masterplan Schienenverkehr vorgestellten Maßnahmen.

Der Schienenverkehr in Deutschland soll künftig leistungsfähiger werden, mit mehr Zugverbindungen und weniger Verspätungen. Die Zahl der transportierten Personen soll bis 2030 verdoppelt werden, für den Schienengüterverkehr ist eine Erhöhung des Marktanteils auf 25 Prozent anvisiert (aktuell sind es unter zehn Prozent). Um diese Zahlen zu erreichen, müssen neue Bahnstrecken gebaut und das Reisen mit der Bahn attraktiver werden. Hierfür und für alle anderen nötigen Investitionen will der Bund künftig drei Milliarden Euro jährlich zur Verfügung stellen. Für später sind vier Milliarden Euro genannt. Ein zusätzliches Programm in der Höhe von 40 Millionen Euro ist für die Modernisierung kleinerer Bahnhöfe eingeplant. Von dem Programm sollen rund 400 Bahnhöfe in den Regionen profitieren. (1)


Deutschlandtakt - der Fahrplan soll verlässlich wie ein Uhrwerk werden

Zentrales Element des Schienenpakts ist der sogenannte Deutschlandtakt. Gemeint ist hiermit ein deutschlandweiter Fahrplan, der es den Fahrgästen und den Güterversendern ersparen soll, für jede Zugfahrt erst in den Fahrplan gucken zu müssen. So sollen beispielsweise die Verbindungen zwischen großen Städten einen zentralen Zeittakt bekommen. Der Kunde weiß dann beispielsweise, dass er, egal in welcher Stadt, alle 30 Minuten verlässlich einen Zug wohin auch immer nehmen kann. Auch der Regionalverkehr wird an den Knotenbahnhöfen eine halbstündige Taktung bekommen. Die Vision hat auch eine Metapher bekommen: Der Zugverkehr in Deutschland soll einem Uhrwerk gleich ohne Unregelmäßigkeiten ablaufen, inklusive fester Abfahrtszeiten für wichtige Strecken und Bahnhöfe.

Der Deutschlandtakt soll die Nutzerfreundlichkeit der Bahn damit deutlich steigern. Darüber hinaus sorgt er dafür, dass die gewaltigen Investitionen ein Planungsgerüst bekommen. So werden sich zukünftige Streckenbauten immer daran orientieren, den zentralen Fahrplan zu erfüllen. Bisher wurden die Fahrpläne an die bestehende Infrastruktur angepasst. Der Deutschlandtakt dreht das Prinzip um, Schienenbau und Modernisierungen müssen sich an den Vorgaben des Fahrplans orientieren. Schon in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts sollen in allen größeren Städten im Halbstundentakt Fernzüge ankommen und, zusammen mit besseren Anschlüssen, die Reisezeit verkürzen. Als erste neu getaktet wird die Strecke Hamburg-Berlin, und dies schon im Dezember. Allerdings ist noch nicht klar, ob das ehrgeizige Vorhaben gelingt.

Die einheitliche Fahrplangestaltung kommt in erster Linie dem Personenverkehr zugute, soll aber auch dem Schienengüterverkehr nützen. So ermöglicht eine zentral gesteuerte Streckennutzung, auch dem Güterverkehr attraktive Fahrzeiten zuzuweisen. Bisher fahren die meisten Güterzüge nachts - was regelmäßig Proteste der um den Schlaf gebrachten Anlieger hervorruft.

Eine Hauptfrage für die Umsetzung des Schienenpakts wird bleiben, ob der Finanzminister die nötigen Mittel gewährt. Dies ist wohl fraglich, denn der Schienenpakt kommt - haushalterisch - zur Unzeit. Gerade hat sich der Bund für die Abmilderung der Corona-Folgen milliardenschwer verschuldet, was in den Zeiten nach der Pandemie Haushaltsdisziplin verlangt, denn dann wird auch die Schuldenbremse wieder gelten.

Darüber hinaus haben viele Haushaltsexperten Zweifel daran, ob man ausgerechnet der Deutschen Bahn noch einmal so massiv unter die Arme greifen sollte. Als die Bahn vor 26 Jahren in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, wurden ihr vom Besitzer - dem Bund, der heute alle Aktien hält und darum immer noch Besitzer ist - für einen unbeschwerten Neustart 34 Milliarden Euro Schulden erlassen. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen erneut 20 Milliarden Euro Schulden angehäuft und damit die von den Haushaltspolitikern gesetzte Grenze überschritten. Die Coronakrise sorgt gerade dafür, dass dieser Schuldenstand noch einmal stark wächst. Schon vor dem Schienenpakt war darum geplant, der Bahn mit zehn Milliarden Euro aus dem akuten Dilemma herauszuhelfen. Die Deutsche Bahn bleibt damit ein Schuldenmacher erster Güte. Kritiker des Schienenpakts raten daher davon ab, den Konzern weiter zu päppeln und fordern stattdessen mehr Wettbewerb auf der Schiene - der nach ihrer Ansicht schon alleine zu mehr Effizienz führen würde.

Auf der anderen Seite ist die deutsche Staatsbahn unerlässlich dafür, das Klimapaket der Bundesregierung umzusetzen und so den bedrückenden Klimawandel aufzuhalten. Das Klimapaket war erst vor einem Jahr auf den Weg gebracht worden, als die Fridays-for-Future-Demonstrationen unangenehm wurden und Greta Thunberg auf allen Kanälen gegen etablierte Politiker feuerte. Sowohl das Klimapaket als auch der Schienenpakt sind damit erst in Gang gekommen, als die Straße Druck ausübte und die öffentliche Meinung stark beeinflusste. Sollte die Deutsche Bahn also demnächst wieder pünktlich kommen - dies gelingt zeitweilig nur 70 Prozent der Züge - darf der zufriedene Bahnkunde seinen Dank in erster Linie an all die Schüler richten, die für eine bessere Klimapolitik die Schule schwänzten. (2), (3), (4), (7), (8)





Fallbeispiele


Katastrophale Halbzeitbilanz

Die Corona-Pandemie hat der Deutschen Bahn katastrophale Halbjahreszahlen beschert. Der Umsatz sank im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um 11,8 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro, das operative Ergebnis lag bei minus 1,8 Milliarden Euro. Nach Steuern und Abgaben beträgt der Verlust sogar 3,7 Milliarden Euro. Nach eigenen Angaben steckt der Konzern damit in der schlimmsten finanziellen Krise seit seinem Bestehen.

Die Verkehrsleistung des Gesamtkonzerns sank in den ersten sechs Monaten um satte 44 Prozent, die der Gütersparte DB Cargo um 13 Prozent. Die beförderte Menge der Güterbahn schrumpfte um 5,4 Prozent auf 122,4 Millionen Tonnen, das operative Ergebnis lag bei minus 132 Millionen Euro. Schon 2019, als von Corona noch nichts zu sehen war, hatte die Gütersparte 488 Millionen Euro Miese eingefahren. Die transportierte Menge schrumpfte dabei noch stärker als im aktuellen Krisenjahr.

Ein Lichtblick im laufenden Jahr ist für die Deutsche Bahn alleine die Logistiksparte DB Schenker. Der Unternehmensbereich konnte sein operatives Ergebnis trotz Corona um 16,8 Prozent steigern. (5), (6)



Zahlen & Fakten


Trotz der katastrophalen Finanzlage wird die Bahn dieses Jahr brutto 5,6 Milliarden Euro in neue Züge und Ausbauten investieren. Ausgerechnet im angeblich schlimmsten Krisenjahr nimmt die Bahn damit so viel Geld in die Hand wie noch nie. Auch erstaunlich: 19.000 Mitarbeiter hat die DB AG in diesem Jahr neu eingestellt und damit ebenfalls eine Rekordmarke gesetzt.

Die Zahl der Reisenden lag im ersten Halbjahr bei 663 Millionen. Das waren 37 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Zumindest pünktlicher waren die leeren Züge: Im ersten Halbjahr kletterte der Anteil der zur angegebenen Zeit einrollenden Lokomotiven auf 83,5 Prozent.

Ein großer Anteil der aktuellen Verluste geht auf die Bahn-Tochter Arriva zurück. Das Unternehmen wurde von Corona besonders stark gebeutelt, da es in den Corona-Hotspots Großbritannien, Italien und Spanien aktiv ist. Alleine Arriva steuerte zum Gesamtverlust 1,4 Milliarden Euro bei. (5), (6)



Weiterführende Literatur:

(1.) Schienenpakt steht
aus Verkehrs Rundschau, Heft 28/2020, S. 12-13

(2.) Schienenpakt / Wo es beim Zukunftsplan für die Bahn noch knirscht
aus Handelsblatt online vom 30.06.2020

(3.) Schienenpakt / Diese strittigen Punkte gibt es noch vor Scheuers Schienengipfel
aus Handelsblatt online vom 11.05.2020

(4.) Ein Masterplan für den Deutschlandtakt
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2020, Nr. 150, S. 17

(5.) Nur DB Schenker darf sich freuen
aus Verkehr Nr. 36-37, 11.09.2020, S. 4 - 5

(6.) Logistik soll DB Cargo Mehrverkehr bringen
aus DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung, Heft 39/2020, S. 12

(7.) Schienenverkehr / Warum die Bahn eine Aktiengesellschaft bleiben soll
aus Handelsblatt online vom 30.06.2020

(8.) Europäisches Bahnnetz kommt nicht voran
aus Thüringer Allgemeine - Eisenach vom 24.08.2020 Seite 5

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 28.09.2020
Dokument-ID: s_tra_20200928

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