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Der Maschinenbau gibt sich eine neue Strategie - auch bei der Finanzierung

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 28.02.2011


Mehr Flexibilität und niedrigere Kosten

Die herben Auftragseinbrüche für den Maschinenbau insbesondere im Jahr 2009 haben dazu geführt, dass die Unternehmen ihre bisherigen Strategien überdenken. Angestrebt wird unter anderem mehr Flexibilität, die es erlauben soll, Krisensituationen zukünftig besser abfedern zu können. Zudem wird daran gearbeitet, die Fixkosten zu senken. Insgesamt stellen sich die 6 000 deutschen Maschinenbauer darauf ein, dass Marktschwankungen heute heftiger ausfallen als in früheren Jahren. Dafür wollen sie Vorsorge treffen. (1)


Kein Grund zur Besorgnis

Zugleich darf sich der Maschinenbau allerdings auf die Fahne schreiben, die Finanz- und Wirtschaftskrise trotz heftiger Nackenschläge sehr gut bewältigt zu haben. Zu hektischem Aktivismus besteht darum kein Grund. So haben die Unternehmen während der Krise weder großflächig Entlassungen vorgenommen, noch wurde das Eigenkapital aufgezehrt. Dies ist der Grund, warum die Maschinenhersteller derzeit blendend dastehen. Der Branchenverband VDMA prognostiziert für 2011 einen Produktionsanstieg um zehn Prozent. Sollte sich die Einschätzung erfüllen, liege die Branche am Ende des Jahres nur noch neun Prozent unter dem Niveau des Rekordjahres 2008. Der VDMA spricht von einer beispiellosen Aufholjagd. (2)


Forschung und Entwicklung sollen noch stärker werden

Ihren technologischen Vorsprung haben die Unternehmen in der Krise behauptet - auch wenn die chinesischen Konkurrenten stark aufholen. Die starke Fokussierung auf Forschung und Entwicklung (F&E) bleibt damit ein gewichtiger Wettbewerbsvorteil der deutschen Hersteller. Zudem hat sich gezeigt, dass eine offensive Strategie mit immer neuen Innovationen vor Krisen schützt. Dreißig Prozent der kleineren und 41 Prozent der größeren Maschinenhersteller sehen die Entwicklung neuer Produkte als den besten Weg zur Krisenvermeidung. Besonders im Fokus stehen dabei solche Technologien, die mit den weltweiten Megatrends korrespondieren, wie etwa Klimaschutz und Ressourceneffizienz. (1), (2)


Unzufrieden mit den Banken

Die Entwicklung neuer Technologien kostet allerdings viel Geld. In dieser Hinsicht kommt eine weitere Erfahrung zum Tragen, die die Maschinenhersteller während der Krise machen mussten. Die Firmen wurden hier von den Banken häufig im Stich gelassen, was Finanzierungsprobleme nach sich zog. Der deutsche Maschinenbau hat sich darum zum Ziel gesetzt, von der Kreditvergabepraxis der Banken unabhängiger zu werden. Hierzu zählt die gezielte Stärkung des Eigenkapitals wie auch die befristete Hereinnahme von Beteiligungskapital. Ein anderer, jetzt öfter eingeschlagener Weg zur Stärkung der eigenen Finanzausstattung ist die Konzentration auf besonders ertragreiche Produkte. (1)


Zu wenig Kredite - und zu spät

Die Zurückhaltung der Banken gegenüber den Finanzierungswünschen mittelständischer Maschinenhersteller wird von den Unternehmen schon lange beklagt. Neu ist allerdings, dass Kreditanträge seit der Finanzkrise besonders langsam bearbeitet werden. Dauerte es früher Wochen, bis die Institute über einen Kreditantrag entschieden, so gehen inzwischen Monate ins Land. Der Grund ist die Finanzlage der Banken, die oft selbst noch unter den Folgen der Krise leiden und darum betont vorsichtig bei der Kreditvergabe vorgehen. Für viele Maschinenhersteller ist die Finanzierung eines Auftrags hierdurch kaum noch kalkulierbar. Von einer Kreditklemme wollen die Firmen aber nicht sprechen. (3)


Intransparente Kreditvergabe

Überdies beklagen die Unternehmen die fehlende Transparenz bei der Kreditvergabe. Oft bleibe es völlig unklar, warum ein Kredit mal abgelehnt, beim nächsten Mal aber bewilligt werde. Zudem führe die Angst der Banken, die falsche Kreditentscheidung zu treffen, zu oft abenteuerlichen Versuchen, in die Geschäftspolitik des Maschinenbauers hineinzureden, so der VDMA. (3)


Keine Angst vor Heuschrecken

Die frühere Furcht der deutschen Wirtschaft vor sogenannten Heuschrecken hat deutlich abgenommen. Dies gilt sogar für den traditionell eher konservativen Mittelstand. Finanzinvestoren gelten nun nicht mehr als Blutsauger, sondern als willkommene Alternativen zum Bankkredit. Ausschlaggebend dafür ist auch, dass die Investoren häufig bessere Konditionen bieten als die Banken. (3)





Fallbeispiele


Heidelberger Druck zahlt Staatshilfen zurück

Wie gut die deutsche Wirtschaft einschließlich des Maschinenbaus die Krise bewältigt hat, zeigt sich auch an der nur geringen Inanspruchnahme der vom Staat zur Verfügung gestellten Gelder. 115 Milliarden Euro umfasste das Konjunkturpaket II, gebraucht wurden von den Unternehmen gerade einmal 14 Milliarden Euro. Insgesamt erhielt der Maschinenbau mit 17 Prozent die meisten Mittel aus KfW-Sonderprogrammen, gefolgt vom Fahrzeugbau mit 16 Prozent. Dabei blieben die Namen der Unternehmen, die sich unter die Arme greifen ließen, meist geheim. Bekannt geworden ist jedoch der Fall des Druckmaschinenherstellers Heidelberg. Der angeschlagene Weltmarktführer ließ sich insgesamt 850 Millionen Euro aus dem Staatstopf auszahlen, hat das Darlehen aus dem Sonderprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für große Unternehmen Ende 2010 jedoch vorzeitig vollständig getilgt. Das Unternehmen hat sich kürzlich ausdrücklich bei der KfW für die Finanzierungshilfe bedankt. (5), (6)


Mittelstandsbank: Eine Kreditklemme hat es nie gegeben

Der Bereich Mittelstandsbank der Commerzbank hat sich als wichtiger Mittelstandsfinanzierer etabliert. Der Unternehmensbereich finanziert Unternehmen zwischen 2,5 Millionen Euro und 500 Millionen Euro Umsatz. Viele Kunden sind familiengeführte Unternehmen, die nicht am Kapitalmarkt tätig sind. Eine aktuelle Studie der Mittelstandsbank zeigt, dass es eine Kreditklemme während der Krise im damals behaupteten Umfang nie gegeben hat. Lediglich 13 Prozent der befragten Unternehmen und hätten in den vergangenen zwei Jahren die Kürzung oder Einstellung einer wichtigen Kreditlinie hinnehmen müssen. (7)



Zahlen & Fakten



Nicht alle Teilbranchen starten durch

Vom aktuellen Aufschwung des Maschinenbaus profitieren nicht alle Teilbranchen in gleichem Umfang. So befinden sich Bau- und Baustoffmaschinen sowie die Druck- und Papiertechnik auf einem nur zaghaften Erholungskurs. Die Hersteller von Hütten- und Walzwerkeinrichtungen, Automationstechnik und Bergbaumaschinen hingegen haben ihre früheren Bestmarken schon wieder übertroffen. (2)


Banken bleiben auf Krediten sitzen

Die gute Ausstattung des Mittelstands mit Eigenkapital führt derzeit dazu, dass die Banken trotz des Wirtschaftsbooms auf ihren Krediten sitzen bleiben. Einer Studie der KfW-Bankengruppe zufolge nahmen Unternehmen und Selbstständige in Deutschland von Juli bis Ende September 2010 knapp neun Prozent weniger Darlehen in Anspruch als im dritten Quartal des Vorjahres. (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Maschinenbauer ziehen Konsequenzen aus der Wirtschaftskrise
aus VDI NR. 03 VOM 21.01.2011 SEITE 8

(2.) Maschinenbauer erhöhen die Drehzahl / VDMA erhöht Prognose - Auslandsnachfrage füllt die Auftragsbücher - Nettorendite steigt auf 3 Prozent
aus Börsen-Zeitung, 11.02.2011, Nummer 29, Seite 9

(3.) Entscheidung von Banken oft unerklärlich / Maschinenbauer beklagen lange Bearbeitungszeiten
aus Berliner Zeitung, Ausgabe 298 vom 21.12.2010, S. 12

(4.)Firmen verschmähen Bank-Kredite / Unternehmen greifen für Investitionen lieber auf eigenes Geld zurück
aus Westfalen-Blatt vom 29.12.2010

(5.) Staatshilfe nur zu gut einem Achtel genutzt / 14 Mrd. Euro aus Deutschlandfonds für Unternehmen - Maschinen- und Fahrzeugbau erhalten am meisten
aus Börsen-Zeitung, 29.12.2010, Nummer 251, Seite 10

(6.) Heidelberger Druckmaschinen tilgt KfW-Darlehen vorzeitig
aus Börsen-Zeitung, 29.12.2010, Nummer 251, Seite 10

(7.) Finanzieren durch die Krise / Die Mittelstandsbank bewertet bei der Kreditvergabe die Zukunftsfähigkeit ihrer Kunden
aus CHEManager 21/2010

R.Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 28.02.2011
Dokument-ID: s_mas_20110228

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