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Das Diesel-Urteil - Fahrverbote und die Folgen

AUTOMOBIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 26.03.2018


Bundesverwaltungsgericht hält ein Fahrverbot für zulässig

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat Ende Februar entschieden, dass Städte, in denen die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten werden, Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge verhängen dürfen. Geklagt hatte die Deutsche Umwelthilfe, eine private Verbraucherschutzorganisation. Zuvor hatten sich mehrere Städte geweigert, Fahrverbote zu verhängen. Sie verwiesen darauf, dazu nicht berechtigt zu sein. Die Entscheidung hat Signalwirkung für viele Städte. Vorgesehen sind Übergangsfristen und eine phasenweise Einführung von Fahrverboten. Außerdem soll es Ausnahmeregelungen etwa für Handwerker geben. Eine finanzielle Ausgleichspflicht ist dagegen nicht vorgesehen. (1), (2), (5)


Fahrverbot dürfte kurzfristig nicht kommen

Das Bundesverwaltungsgericht selbst verhängt keine Fahrverbote und ordnet sie auch nicht an. Aber Stuttgart, Düsseldorf und 16 andere von der Deutschen Umwelthilfe verklagte Kommunen stehen nun stärker unter Druck, ihre Luftreinhaltepläne umzusetzen und die Stickoxidgrenzwerte einzuhalten. Sie könnten nun festlegen, in welchen Straßen Fahrverbote gelten sollen und wer genau Ausnahmegenehmigungen bekommt. Da die Behörden damit länger beschäftigt sein dürften, wird es kurzfristig kein Fahrverbot geben. Insgesamt 70 deutsche Städte kämpfen mit zu hohen Stickoxidwerten. Bei einem Fahrverbot sind potenziell fast zehn Millionen Halter betroffen, deren Autos stark an Wert verlieren würden. (1)



Trends

Der Anteil der Diesel-Fahrzeuge an den Neuzulassungen geht zurück. Im Februar sank der Diesel-Anteil im Vergleich zum Vorjahresmonat um knapp elf Punkte auf 32,5 Prozent. Keine Rolle spielte dabei das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das Städten Fahrverbote für Diesel ermöglicht, um die Stickoxidbelastung zu senken. Es fiel erst am 27. Februar. (7), [Abb. 1]

Der Dieselantrieb ist in vielen Unternehmen seit Jahrzehnten der Favorit. Von den rund 4,8 Millionen zugelassenen Dienstwagen hierzulande tanken mehr als 80 Prozent Diesel, errechnete die Deutsche Automobil Treuhand (DAT). Daran wird auch das Urteil über grundsätzliche Diesel-Fahrverbote erst einmal nichts ändern. Einen harten Ausstieg aus dem Dieselantrieb plant bisher kaum ein Unternehmen. Die meisten wollen zunächst abwarten, wie sich die Entscheidung der Richter konkret auswirkt. (8)

Das Diesel-Urteil könnte viele Autohändler in die Insolvenz treiben. Die Hersteller dürften mit Subventionen ihren Händlern zur Seite springen. 2017 kam es zu 640 Insolvenzen in der Branche - ein Plus von 9,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. (6)

Der auf die Ermittlung von Restwerten spezialisierte Schwacke erwartet nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts weiter sinkende Preise für Dieselfahrzeuge. Verunsicherte Kunden greifen nun verstärkt zu Benzinern. (4)

Die Preise für gebrauchte Dieselautos sinken schon seit Längerem. Laut "Dieselbarometer" des Marktforschungsunternehmens Deutsche Automobil Treuhand (DAT) kosteten im vergangenen Dezember drei Jahre alte Selbstzünder im Schnitt 52,6 Prozent des Neulistenpreises. Ein Jahr zuvor waren es noch 56 Prozent. Gebrauchte Benziner hingegen haben im gleichen Zeitraum 0,8 Prozentpunkte an Wert gewonnen. (6)

Die Standzeiten bei den gebrauchten Dieselfahrzeugen haben zugenommen. Demnach verlassen diese im Schnitt nach 102 Tagen den Hof des Händlers - fünf Tage später als vor einem Jahr. Benziner hingegen werden im Schnitt nach 89 Tagen verkauft. Insgesamt stehen mehr als 300 000 Euro-5-Dieselautos bei den Händlern. (6)



Fallbeispiele

Etwa jedes dritte in Deutschland zugelassene Fahrzeug ist ein Diesel. Von diesen erfüllen gegenwärtig 17,7 Prozent die Euro-6-Norm. Die meisten anderen könnten von Diesel-Fahrverboten betroffen sein. Die größte Gruppe, 39,3 Prozent (das entspricht fast sechs Millionen Autos), erfüllen nur die Norm Euro 5, die seit 2009 gilt. Sie könnten nachgerüstet werden. Von den älteren Euro-4-Dieseln sind noch 3,5 Millionen unterwegs. Bei ihnen ist eine Nachrüstung technisch wie wirtschaftlich in den meisten Fällen nicht sinnvoll. (2), [Abb. 2]

Die von vielen Politikern und vom ADAC geforderte Hardware-Lösung, mit der die meisten Euro-5-Diesel mit Katalysatoren so nachgerüstet werden könnten, dass sie deutlich weniger Stickoxide ausstoßen, lehnen die Autohersteller bislang ab. Sie bieten lediglich Software-Updates an, deren Verbesserungspotenzial Experten jedoch für gering halten. Um nachzuweisen, dass eine Hardware-Nachrüstung älterer Euro-5-Diesel möglich ist, hat der ADAC inzwischen vier Modelle von Spezialfirmen umrüsten lassen. Nachmessungen ergaben, dass damit der Stickoxidausstoß selbst unter ungünstigen Bedingungen um 50 Prozent reduziert werden kann. Die Kosten für die Umrüstung sollen zwischen 1 400 und 3 300 Euro betragen. (1), (2), (9)

Mehr als drei Viertel der Diesel-Besitzer in Deutschland lehnen es ab, Nachrüstungen an der Abgas-Hardware ihrer Autos selbst zu bezahlen. Für den Fall von Fahrverboten droht mehr als die Hälfte dieser Verbraucher mit einer Klage gegen den Hersteller. Dies geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor. Zwölf Prozent der Befragten wären damit einverstanden, eigenes Geld in eine Erneuerung der Abgasanlage zu investieren, falls dies technisch machbar ist und sich so ein Fahrverbot für das eigene Fahrzeug abwenden lässt. (10)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Dieselanteil bei den Neuzulassungen
JahrPkw-Neuzulassungendavon DieselDieselanteil in %
20132.950.0001.400.00047
20143.040.0001.450.00048
20153.210.0001.540.00048
20163.350.0001.540.00046
20173.440.0001.340.00039

Quelle: Kraftfahrtbundesamt (KBA) Entnommen aus: Handelsblatt Nr. 042 vom 28.02.2018 Seite 004 (5)
Abbildung 2: Dieselanteil nach Herstellern
Hersteller20172016
Jaguar/Land Rover9193
Daimler6066
BMW Group5962
Renault4850
VW-Konzern4652
PSA (Opel)4044
Toyota613

Quelle: Manager Magazin Entnommen aus: manager-Magazin.de vom 01.03.2018 (9)

Weiterführende Literatur:

(1.) Bundesverwaltungsgericht erlaubt Diesel-Fahrverbote
aus sueddeutsche.de, 27.02.2018

(2.) Das Diesel-Urteil von Leipzig und die Folgen
aus SUPERillu vom 08.03.2018, Nr. 11, S. 18-20

(3.)Die Zeit läuft für die Dieselfahrer
aus automobilwoche.de vom 27.02.2018

(4.) Restwertspezialist zum Fahrverbotsurteil: Schwacke erwartet weiter sinkenden Preis für Dieselautos
aus automobilwoche.de Newsletter Feed, 27.02.2018

(5.) Eine Frage der Verhältnismäßigkeit - Das Bundesverwaltungsgericht hat grundsätzlich den Weg für Fahrverbote für ältere Dieselfabrikate frei gemacht.
aus Handelsblatt Nr. 042 vom 28.02.2018 Seite 004

(6.) Nach Diesel-Urteil: Händler werden Autos nicht los - Gebrauchte Fahrzeuge verlieren noch einmal deutlich an Wert - Nachrüstungen gefordert
aus Hannoversche Allgemeine Zeitung Ausgabe Wunstorf vom 02.03.2018 Seite 1

(7.) Diesel-Motor stottert immer mehr - Automarkt Anteil bei Neuzulassungen sinkt im Februar auf 32,5 Prozent
aus Nordwest-Zeitung Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 03.03.2018 Seite 23

(8.) Abwarten und weiter Diesel tanken
aus Handelsblatt Nr. 044 vom 02.03.2018 Seite 026

(9.) Wie die Autohersteller zur Diesel-Zukunft stehen
aus manager-magazin.de vom 01.03.2018

(10.) Klagen drohen - Jetzt beginnt der Aufstand der Dieselfahrer
aus Handelsblatt online vom 17.03.2018

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 26.03.2018
Dokument-ID: s_aut_20180326

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