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Das Briefmonopol fällt - Chance für die bunten Briefträger in Deutschland

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 05/2007 vom 22.05.2007

Beitrag

Ende 2007 fällt das Briefmonopol in Deutschland weg. Rund 700 Unternehmen haben die Lizenz zum Briefversand erhalten. Der Marktführer Post AG muss einiges unternehmen, um gegen die neuen Wettbewerber bestehen zu können. Für den Markt und den Verbraucher bringt der Wegfall des Monopols zahlreiche neue Entwicklungen.

Das Briefmonopol fällt weg

Nach derzeitiger Gesetzeslage endet das Monopol der Post AG auf den Briefversand bis 50 Gramm Ende 2007. Spätestens bis 2009 werden in allen EU-Staaten die Monopole der Versender fallen. Für die Anbieter von Postversendungen, unter anderem auch die Post AG, öffnet sich damit ein überaus interessanter Markt für das Zustellgeschäft. [Abb.1] In zahlreichen Ländern wie Frankreich regt sich Widerstand gegen diese Planungen. Die deutsche Politik hält am Vorhaben fest. Wirtschaftsminister Glos und auch die Bundeskanzlerin sehen in einem Wettbewerb klare Vorteile für die Verbraucher. Dagegen sehen Arbeitsminister Müntefering und Finanzminister Steinbrück einen unfairen Wettbewerb, wenn Frankreich und Italien sich der Entwicklung verweigern sollten. (3)


Ein langer Weg zum offenen Markt

Die historische Entwicklung zur Öffnung des Briefmarktes blickt auf zahlreiche Einzelschritte zur Umsetzung mit politischer Unterstützung zurück:

- 1995 die Deutsche Post wird in die Bereiche Post AG, Telekom AG und Postbank AG aufgeteilt
- 1997 mit dem Postgesetz wird die Beendigung des Briefmonopols für 2002 beschlossen
- 2002 die Regierung verlängert das Briefmonopol bis Ende 2007
- 2003 die ersten Anbieter nutzen die Senkung der Monopolgrenze von 200 auf 100 Gramm
- 2006 die Monopolgrenze wird abermals nun auf 50 Gramm gesenkt
- 2007 zum Jahresende fällt das Briefmonopol in Deutschland weg (3)

Noch dominiert die Post AG den Briefmarkt

Die Deutsche Post AG dominiert derzeit das deutsche Briefgeschäft. Mit einem Marktanteil von 90% und 70 Millionen Briefen im Tagesversand erwirtschaftet das vormals staatliche Unternehmen seit 2001 12,3 Millionen Euro Vorsteuergewinne. Mit den anderen Geschäftsbereichen Paket-, Luft- und Seefracht sowie Postbank, beschäftigt die Post AG 520 000 Mitarbeiter. (3), (5)

Billig Konkurrenz macht Druck

700 Konkurrenten stehen in den Startlöchern für die Zustellung der Post in Deutschland. In der Summe erreichen die Marktanbieter bereits einen Anteil von 10%. Als ernsthafte Wettbewerber werden die Pin Group und TNT Post Deutschland eingestuft. Beide Unternehmen arbeiten an einem flächendeckenden Netz zur Zustellung der Sendungen. Die Pin Group, ein Zusammenschluss der Verlage Holtzbrinck, Axel Springer und WAZ, plant einen Umsatz von 350 Millionen Euro 2007. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 7 000 Mitarbeiter. TNT Post Deutschland, ein Tochterunternehmen der niederländischen Post, kooperiert mit dem Paketzusteller Hermes und verfügt über 13 000 Paket Shops in der Republik. Das Unternehmen kommt mittlerweile auf einen Marktanteil von rund 2% und strebt die 10% Marke an. Dafür sollen die Paket Shops zukünftig neben Paketen auch Briefe annehmen. (2), (3), (5)

Postkonzerne treten in verschärften Wettbewerb ein

Elektronische Medien und die Öffnung der Briefmärkte werden den Postkonzernen bis 2015 Gewinneinbußen in Höhe von bis zu 30% bescheren. Die derzeitigen europäischen Marktführer Deutsche Post (24%), La Poste (20%) und Royal Mail (19%) werden zudem mit den neu entstehenden Wettbewerbern zu kämpfen haben. Der europäische Markt für Brief-, Express- und Paketpost mit einem Volumen von 90 Milliarden Euro liefert mit einem 60% Anteil im Briefgeschäft die höchste Rendite für die etablierten Unternehmen. Nur neue Geschäftsmodelle und die genaue Abstimmung auf die Bedürfnisse der Kunden gelten als Sicherungsmaßnahmen für die Zukunft. (4)

Die Profiteure der Zukunft

Klare Nutznießer der Marktöffnung werden die Endverbraucher, aber auch die Firmenkunden der Briefversender sein. Zahlreiche innovative Zustellungsformen planen die Wettbewerber. Pünktliche Morgen-Zustellung an einem Geburtstag, Abend- und Sonntagszustellung sowie das Überbringen außer Haus sind einige der neuen Ideen, die Verbraucher erfreuen sollen. Zudem werden die Preise sinken. Fachleute sehen einen Preiskampf für den deutschen Markt in den kommenden Jahren. Auf diese Weise werden die neuen Zusteller auf einen Anteil von 20% und mehr versuchen zu kommen.

Ein enormer Druck wird auf die Arbeitnehmer in der Post und bei den neuen Briefversendern lasten. Die Gewerkschaften befürchten durch den anstehenden Preiskampf ein Lohndumping. Durch Rationalisierungsmaßnahmen werden zudem Arbeitsplätze mittelfristig wegfallen. Gefährdet sind nach Aussagen der Gewerkschaft ver.di rund 32 000 Stellen bei der Deutschen Post AG.

Für alle Unternehmen bringt die Öffnung des europäischen Marktes neben Risiken auch enorme Chancen. Dieses Paradoxon zeigt sich aktuell in den Niederlanden. Dort tritt die Deutsche Post als Wettbewerber zum Marktführer TNT auf und wird selbst von TNT im heimischen Markt zukünftig stark bedrängt. Beide Unternehmen müssen lokal einen gleichen Effekt hinnehmen. Die Umsatzrendite im Briefgeschäft wird sinken. TNT meldete Ende Februar einen Rückgang von 19,6% auf 18,7%. Einem Trend können sich jedoch alle Briefversender nicht entziehen: Immer mehr Menschen setzen auf die elektronische Übermittlung von Nachrichten per E-Mail oder SMS. (7), (8), (10)



Fallbeispiele



Stellenabbau bei TNT
Bis zum Jahr 2010 will der niederländische Express- und Postkonzern TNT NV rund 7 000 Stellen abbauen. Die Niederländer reagieren mit dieser Maßnahme auf die Entwicklungen auf dem heimischen Briefmarkt. Dort hat sich der Gewinn um 6% auf 199 Millionen Euro vor Steuern im 4. Quartal nochmals verringert. (8), (9)

Verlage stellen Sonntags zu
Mit einem dreimonatigen Pilotprojekt testen Der Spiegel und die Deutsche Post die Zustellung der Zeitschrift am Sonntag. Ab Juni wird in Düsseldorf und ab August in Hamburg das Magazin über 200 Zusteller an die Abonnenten verteilt. Die Post versucht mit diesem Feldtest mehr Kundennähe und Service für den anstehenden Wettbewerb zu demonstrieren. Rechtlich ist die Zustellung derzeit nur für tagesaktuelle Medien zulässig. Für die Verteilung werden nach Mitteilung der Post nur Entlastungskräfte eingesetzt. Auf Seiten der Verlage ist das Interesse an der Sonntagszustellung groß. (1), (2)

Postmaschinen-Hersteller hoffen auf Neugeschäft
Der Fall des Briefmonopols weckt Hoffnungen auf höheren Absatz für die Hersteller von Briefsortier-, Frankier- und Kuvertieranlagen. Die Marktführer Böwe Systec und der U.S. Konkurrent Pitney Bowes sehen vor allem Chancen in Nischen wie Vorsortierung und kleineren Anlagen. Ein weiteres Wachstum sieht die Direktmarketing-Branche mit der Öffnung des Zustellmarktes. Bereits bis 2005 hatte der Markt für die direkte Zustellung von Werbung an Adressaten seit 1997 von 17 Milliarden auf fast 32 Milliarden Euro zugelegt. (6)

Zahlen & Fakten

Abbildung 1: Briefsendungen bis 1 000 Gramm pro Einwohner im internationalen Vergleich in 2004



Quelle: Bundesnetzagentur

Entnommen aus: IWD, 05.10.2006, S. 4

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Pilotprojekt in Düsseldorf und Hamburg, HANDELSBLATT online 20070509 12:19:22
aus HANDELSBLATT online 09.05.2007 12:19:22

(2.) O.V., Post hofft auf EU-Hilfe gegen Billig-Konkurrenz, WirtschaftsWoche online vom 20070508, 15:59:37
aus WirtschaftsWoche online vom 20070508, 15:59:37

(3.) O.V., BRIEFMARKT - Endspurt in den Wettbewerb, Focus, 14.05.2007; Ausgabe: 20; Seite: 216-219
aus Focus, 14.05.2007; Ausgabe: 20; Seite: 216-219

(4.) O.V., Europäischer Postmarkt - Der Wettbewerb wird härter, HANDELSBLATT online 20070507 16:46:54
aus Focus, 14.05.2007; Ausgabe: 20; Seite: 216-219

(5.) Höfinghoff, Tim, Bunte Briefträger rücken der gelben Post zu Leibe, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17, S. 38
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17, S. 38

(6.) Ertinger, Sebastian, Postmaschinen-Hersteller warten auf den Markt , Handelsblatt Nr. 074 vom 17.04.07 Seite 14
aus Handelsblatt Nr. 074 vom 17.04.07 Seite 14

(7.) Storn, Arne, Adieu, liebe Post, DIE ZEIT Nr.12 vom 2007-03-15, Seite 23
aus DIE ZEIT Nr.12

(8.) O.V., Orange und Gelb, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2007, Nr. 80, S. 18
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2007, Nr. 80, S. 18

(9.) O.V., Post-Konkurrent TNT entlässt Mitarbeiter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2007, Nr. 80, S. 15
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2007, Nr. 80, S. 15

(10.) O.V., Briefmonopol, Spiegel Online, 14.05.2007
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2007, Nr. 80, S. 15

M.Klems

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 05/2007 vom 22.05.2007
Dokument-ID: s_tra_20070522

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