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Buchhandel - Stagnation und sinkende Käuferzahlen

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 30.07.2018


Umsatz im deutschen Buchhandel schrumpft leicht

Im deutschen Buchhandel ist der Umsatz 2017 um 1,6 Prozent auf 9,13 Milliarden Euro zurückgegangen. Im traditionellen stationären Buchhandel, der mit 4,3 Milliarden Euro immer noch fast die Hälfte des Gesamtumsatzes erzielt, lag das Minus bei zwei Prozent. Zudem ist der Aufwärtstrend bei den E-Books gestoppt. 2017 gab es hier ein Minus von 1,4 Prozent. Der Online-Handel kam dagegen auf ein Plus von 1,5 Prozent. Ein Problem für die Branche ist, dass die Zahl der Buchkäufer kontinuierlich schrumpft. In den vergangenen vier Jahren waren es addiert fast 18 Prozent. Insgesamt hält sich der Branchenumsatz seit Jahren konstant über der Marke von neun Milliarden Euro. (1), [Abb. 1]


Zahl der Buchkäufer auf Talfahrt

Auf dem deutschen Markt gibt es immer weniger Buchkäufer. 2017 waren es mit 29,6 Millionen gut vier Prozent weniger als ein Jahr zuvor, seit 2013 liegt das Minus bei 6,4 Millionen oder 17 Prozent. Die Buchlektüre geht vor allem bei den 20- bis 49-Jährigen zurück. Sie nutzen verstärkt das Internet, schauen Filme und Serien etwa auf Netflix oder verbringen viel Zeit in sozialen Netzwerken. Die Umsatzzahlen des Buchhandels bleiben nur deswegen stabil, weil die Ü-60-Generation Jahr für Jahr mehr liest und noch mehr für die Bücher bezahlt. (1), (2)


Monopolkommission stellt Buchpreisbindung infrage

Die Monopolkommission hat empfohlen, die Buchpreisbindung zu kippen. Sie sei ein schwerwiegender Markteingriff, dem ein nicht klar definiertes Schutzziel gegenüberstehe. Es sei fraglich, ob die Preisbindung einen kulturpolitischen Mehrwert schaffe. Die Buchbranche läuft gegen diese Einschätzung Sturm. Der Börsenverein des Buchhandels verweist auf die Entwicklung in Großbritannien, wo die Preisbindung vor Jahren abgeschafft wurde. Dort gebe es kaum noch Buchhandlungen, und die Buchpreise seien wesentlich höher als in Deutschland. Hierzulande hätten bei einer Aufhebung der Preisbindung vor allem kleinere Buchhändler das Nachsehen. Sie wären dann einem ruinösen Preiskampf gegen Ketten und Branchenriesen wie Amazon ausgesetzt. (1), (4), (11)





Fallbeispiele

Mit einem Umsatz von 90 Millionen Euro gehört Osiander zu den vier großen Buchhandelsketten in Deutschland. Das Unternehmen aus Tübingen zählt zu jenen, die auch in einem schrumpfenden Markt das Stationärgeschäft forcieren. Osiander konzentriert sich dabei auf die Übernahme bestehender Buchgeschäfte in Kleinstädten und Stadtteilen. Entsprechend ist Osiander seit 2002 von vier auf nunmehr rund 50 Geschäfte gewachsen. Ein Erfolgsfaktor ist die konsequente Kundenorientierung. So werden Bücher ohne Kassenzettel umgetauscht, selbst dann, wenn sie beim Wettbewerb gekauft wurden oder leicht beschädigt sind. Zehn Prozent des Umsatzes kommen aus dem eigenen Webshop. Der sei als Handelsplattform zwar weniger rentabel als die stationären Ladengeschäfte, aber viele Kunden nutzten ihn zur Orientierung vor einem Ladenbesuch. (7), (10)

Auch für Thalia, mit 220 Geschäften die Buchhandlung mit dem größten Filialnetz in Deutschland, sind Übernahmen ein Expansionsmittel. Ein Beispiel ist das Familienunternehmen Wittwer aus Stuttgart, das jetzt unter das Dach von Thalia geschlüpft ist. Über Details wurde Stillschweigen vereinbart, noch steht die Genehmigung dieser Transaktion durch das Bundeskartellamt aus. Wittwer begründete den Zusammenschluss mit der Digitalisierung und dem geänderten Medienverhalten der Leser. (3)

Der Buchhändler Weltbild kommt nicht zur Ruhe. Einst gehörte die Firma der katholischen Kirche und musste schließlich Insolvenz anmelden. Vor vier Jahren stieg dann das Düsseldorfer Familienunternehmen Droege als Investor ein. Seitdem gab es immer wieder Konflikte zwischen der Gewerkschaft und dem Betriebsrat einerseits sowie dem Management andererseits. Nun soll dem Betriebsratsvorsitzenden gekündigt werden. Es ist von "Mobbing" und "egoistischen" Chefs die Rede. Darüber hinaus ist Weltbild dabei, sein zweites Standbein, das Non-Media-Geschäft, zu stärken. Neben Blumen und Spielen kann man bei Weltbild seit 2017 auch Schmuck kaufen. Weltbild hat rund 140 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie 1 350 Mitarbeiter. Im Geschäftsjahr 2016/17 (30. Juni) hat das Unternehmen 425 Millionen Euro umgesetzt. Neben der Hauptmarke Weltbild gehören auch der Online-Händler buecher.de und das moderne Antiquariat Jokers zu dem Unternehmen. (8), (9)

Vor allem die kleinen Buchhändler auf dem Land haben Probleme. In den rund 20 Buchhandlungen und -verkaufsstellen im Wetteraukreis sank der Umsatz 2017 um zwei bis fünf Prozent. In Orten unter 10 000 Einwohnern lässt sich eine Buchhandlung heute kaum noch kostendeckend betreiben. Das liegt weniger an der Einwohnerzahl als an der Struktur. Die meisten Menschen schlafen nur in den Orten und pendeln zur Arbeit in die Großstadt. Dort erledigen sie meist auch ihre Einkäufe. Dadurch kommt den Buchhändlern auf dem Land die Laufkundschaft abhanden. (5)

Symbolcharakter hat auch der Abstieg von Barnes & Noble, der letzten großen Buchladenkette der USA. Das Unternehmen hat noch 630 Filialen, Tendenz fallend. Im vergangenen Quartal schrieb die Kette 63,5 Millionen Dollar Verlust. 1 800 Mitarbeiter wurden kürzlich entlassen. Nachdem die großen Ketten einst viele kleine Familienbuchläden in die Pleite getrieben haben, erfasst der Niedergang sie nun selbst. Der größte Barnes-&-Noble-Konkurrent, Borders, ist bereits 2011 in die Pleite gerutscht. Im Herbst 2017 machte der viertgrößte Händler, Book World, dicht, die 45 Filialen im Mittleren Westen verschwanden. (6)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Buchhandelsumsatz in Deutschland
JahrGesamtumsatz*
20059,16
20069,26
20079,58
20089,61
20099,69
20109,7
20119,6
20129,52
20139,54
20149,32
20159,2
20169,28
20179,13

* Angaben in Milliarden Euro Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) "Händler verschwinden, Preise steigen"
aus Der Tagesspiegel vom 08.06.2018, Seite 16 / Wirtschaft

(2.) Ein gesundes Lesevergnügen. Die Buchbranche hat Millionen Käufer verloren. Was tun?
aus Die Zeit vom 14.06.2018, Nr. 25, S. 45

(3.) Bei Wittwer hat Thalia das Sagen
aus Stuttgarter Nachrichten, 11.07.2018, S. 17

(4.) Buchpreisbindung rettet die kleinen Händler
aus Ruhr Nachrichten - Dortmunder Zeitung Süd vom 13.04.2018 Seite 20

(5.) Wie Buchhandlungen überleben können
aus FAZ.NET, 09.02.2018

(6.) Niedergang einer Institution
aus Süddeutsche Zeitung, 05.03.2018, Ausgabe Deutschland, S. 19

(7.) Kundenorientierung im (Buch)Einzelhandel: wie Osiander im Wettbewerb mit Amazon besteht
aus pv digest, Heft 7-8/2018, S. 12

(8.) Das Medienhaus Weltbild verkauft auch Schmuck
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2017, Nr. 221, S. 24

(9.) Passt der Betriebsrat nicht ins Weltbild?
aus Nürnberger Zeitung vom 21.07.2018, S. 21

(10.) Buchhandel beginnt heute bei 200 m2
aus Immobilien Zeitung 4 vom 25.01.2018 Seite 013

(11.) Gutachten: Monopolkommission rüttelt an der Buchpreisbindung
aus www.lebensmittelzeitung.net vom 29.05.2018

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 30.07.2018
Dokument-ID: s_med_20180730

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