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Buchhandel - Sortimenter können 2013 überraschend zulegen

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 31.07.2014


Umsatz im deutschen Buchhandel legt wieder zu

Die Umsätze auf dem deutschen Buchmarkt haben sich 2013 stabilisiert. Nach einem Minus in den beiden Vorjahren gab es diesmal wieder einen Zuwachs von 0,2 Prozent auf 9,54 Milliarden Euro. Überraschend ist, dass die Einnahmen der stationären Buchhandlungen (in der Branche Sortimenter genannt) um fast ein Prozent zulegten, während die Erlöse im Online-Handel um 0,5 Prozent zurückgingen. In den Jahren davor war der klassische Buchhandel geschrumpft, da immer mehr Kunden ihre Lektüre im Internet bestellten. Gestiegen ist auch die Zahl neuer Titel auf fast 82 000. (1), (2), [Abb. 1], [Abb. 2]


Die Auferstehung der Sortimenter

Die Trendwende im Sortimenthandel führt die Branche auf mehrere Faktoren zurück. Als ein Wendepunkt kann die Berichterstattung über ausbeuterische Arbeitsbedingungen bei Amazon im Frühjahr des vergangenen Jahres gelten. Dies hat offenbar bei vielen Kunden ein Umdenken ausgelöst. Seither ist der Umsatz bei den Buchhändlern wieder gestiegen. Ein weiterer Grund für die Entwicklung dürfte die Neuausrichtung vieler Buchhandlungen sein: Fast jeder Händler hat mittlerweile ein eigenes Internet-Bestellangebot und liefert vor Ort seine Ware aus. Zudem stellt man wieder verstärkt die Beratung in den Vordergrund. (1)


Bösewicht Amazon?

Der größte Konkurrent für den stationären Buchhandel ist der Online-Versandhändler Amazon. Die Amerikaner kommen im deutschen Online- und Versandhandel mit gedruckten und digitalen Büchern auf einen Marktanteil von etwa 70 Prozent. Der Marktanteil des E-Readers Kindle liegt in Deutschland bei 43 Prozent. Weiteren Druck übt Amazon auf die Buchbranche aus, weil das Unternehmen mittlerweile selbst als Verlag fungiert und Belletristik als E-Book auf dem eigenen Lesegerät Kindle sowie als Printausgabe herausbringt. Offenbar nutzt Amazon diese Marktmacht aus. So verlangt das Unternehmen von den Verlagen, die über Amazon ihre Ware verkaufen wollen, höhere Rabatte. Wer die nicht gewährt, hat das Nachsehen. Bücher werden dann nur noch mit Verspätung ausgeliefert. (3), (4)



Trends

Das Geschäft mit den E-Books wächst zwar robust, dennoch lag der Umsatzanteil am Buchmarkt 2013 erst bei 3,9 Prozent. 2012 waren es noch 2,6 Prozent. Während vor zwei Jahren 2,4 Millionen E-Book-Leser durchschnittlich 5,5 E-Books kauften, waren es 2013 schon 3,4 Millionen mit durchschnittlich 6,4 gekauften E-Books. (1), (5)

Nach einer Studie des Börsenvereins liegt der Anteil weiblicher E-Book-Käufer bei 59 Prozent. Zudem haben E-Book-Käufer ein überdurchschnittliches Einkommen. Zwei Drittel der befragten Leser bevorzugen aber nach wie vor das klassische Buch, 38 Prozent wollen sogar nichts anderes kaufen. (1)

Den Buchhändlern gehen jährlich Kundschaft und Ladenfläche verloren. Für 2012 hat der Börsenverein einen Verlust von 30 000 qm Verkaufsfläche ermittelt, auch die Zahl der Buchhandlungen sinkt stetig. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. (5)



Fallbeispiele

Im Januar hat die Verlagsgruppe Weltbild Insolvenz angemeldet. Mit den Webseiten Weltbild.de, jokers.de und buecher.de ist Weltbild einer der größten Online-Buchhändler hierzulande. Gemeinsam mit der Buchhändlerfamilie Hugendubel betreibt Weltbild rund 320 Filialen der Marken Hugendubel, Weltbild plus, Weiland, Jokers und Wohlthat. Die seit acht Jahren unter dem Dach der DBH Holding zusammengefassten Buchhandlungen sollen nun wieder voneinander gelöst werden. Damit kann die Familie Hugendubel künftig etwa 100 Geschäfte selbst und unabhängig von Weltbild betreiben. Neuer Eigentümer bei Weltbild wird der Finanzinvestor Droege. Dieser will bei Weltbild das Kapital erhöhen, die unternehmerische Führung übernehmen und die Firma nach einem Konzept namens Weltbild 2.0 sanieren. Der vorerst letzte veröffentlichte Gruppenumsatz von Weltbild von 1,59 Milliarden Euro bezog sich auf das Geschäftsjahr 2011/12. Weltbild schreibt seit Jahren rote Zahlen. (7), (8), (9)

Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia hat die Krise im Sortimentsbuchhandel ebenfalls zu spüren bekommen. Nach knapp zweijähriger Restrukturierung sieht sich Thalia nun wieder in der Spur. Unter anderem hat Thalia sein Lager- und Logistikkonzept umgekrempelt. Inzwischen soll Thalia wieder rentabel sein. Den Online-Buchhändler Buch.de kann Thalia nun vollständig übernehmen, nachdem die Hauptversammlung der Buch.de einem Squeeze-Out zugestimmt hat. (10), (11)

Amazon hat inzwischen eine bedrohliche Machtposition auf dem Büchermarkt erreicht. Davon geht Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein, aus. Manche Fachverlage machen schon jetzt mehr als 50 Prozent ihres gesamten Umsatzes über Amazon. Auch das Geschäft der meisten Publikumsverlage würde ohne Amazon wohl leiden. Verschärft wird Amazons Herrschaft durch den Bedeutungsgewinn der E-Books. Mit seinem Lesegerät Kindle beherrscht Amazon weltweit den E-Book-Markt. (4)

Führende deutsche Buchhändler haben sich zusammengeschlossen, um Amazon mit einem eigenen Ebook-Reader namens "Tolino" die Stirn zu bieten. Gemeinsam kommen die Gegenspieler Thalia, Weltbild, buecher.de und Hugendubel auf einen Marktanteil von 36 Prozent. Die deutsche Tolino-Initiative als Gegenmaßnahme zu Amazon ist einmalig auf der Welt. (4)

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat beim Bundeskartellamt Beschwerde gegen Amazon eingelegt. Konkret geht es um die Rabattverhandlungen für E-Books, die Amazon derzeit mit der schwedischen Verlagsgruppe Bonnier führt. Zu dieser gehören auch deutsche Verlage wie Ullstein, Piper und Carlsen. (3), (4)

Ein Beispiel eines erfolgreichen mittelständischen Sortimenters ist die Osiandersche Buchhandlung. 2002 betrieb die Osiandersche neben dem Tübinger Stammhaus nur acht Filialen, von denen einige Verlust machten. Heute ist die Osiandersche auf 28 Filialen gewachsen. Maßgeblich für den Wiederaufstieg waren zwei Entscheidungen: Zum einen musste die defizitäre Stuttgarter Filiale schließen. Erstmals in der Unternehmensgeschichte gab es betriebsbedingte Kündigungen. Zum anderen investierte die Familie 2003 private Ersparnisse in den Ankauf einer Buchhandlung in Konstanz am Bodensee. Das Wagnis zahlte sich aus. Viele Schweizer kamen über die Grenze, die Filiale entwickelte sich zur Goldgrube. Hinzu kam ein grundlegender kultureller Wandel hin zu klarer Kundenorientierung. (6)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Buchhandelsumsatz 2003 - 2013
JahrGesamtumsatz*
20039,07
20049,08
20059,16
20069,26
20079,58
20089,61
20099,69
20109,70
20119,60
20129,52
20139,54

* Angaben in Milliarden Euro Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels Entnommen aus: Deutschland: Ausgewählte Kennzahlen zum Buchmarkt 2003-2012, Genios Statistiken (12)
Abbildung 2: Große Buchhandlungen nach Umsatz 2011-2012
Buchhandlung2012*2011*
Thalia Holding9841.015
DBH**695720
Schweitzer Fachinformation182166
Mayersche170175
Lehmanns6869
Kaufhof6066
Osiander5553
Dussmann4040
Valora Retail3937
Pustet3435

* in Millionen Euro ** Deutsche Buch Handels GmbH, Hugendubel mit Weltbild Quelle: Buchreport Entnommen aus: Deutschland: Ausgewählte Kennzahlen zum Buchmarkt 2003-2012, Genios Statistiken (12)

Weiterführende Literatur:

(1.) Der klassische Buchhandel wächst - Der Internethandel geht leicht zurück, E-Books werden stetig beliebter
aus Rheinische Post Nr. 149 vom 01.07.2014

(2.) Klassischer Buchhandel im Aufwind - Traditionelle Händler melden nach langer Durststrecke wieder ein Plus.
aus Handelsblatt Nr. 106 vom 04.06.2014 Seite 014

(3.) Buchhandel ruft nach Kartellamt - Die Wettbewerbshüter sollen gegen den Internethändler Amazon vorgehen.
aus Handelsblatt Nr. 119 vom 25.06.2014 Seite 021

(4.) Sieben Gründe, warum Amazon so mächtig ist - Stationäre Händler, Online-Shops, Verlage - Amazon macht alle platt. Warum das System des Versandriesen unschlagbar ist.
aus Wirtschaftswoche online vom 28.05.2014

(5.) Hat Amazon ausgeklickt? - Ausbeuterische Arbeitsbedingungen, militantes Geschäftsgebaren: Amazons Image ist schlecht. Nun klagt der Börsenverein und wirft dem Konzern Nötigung seiner Kunden vor.
aus Zeit online vom 24.06.2014, Nr. 24

(6.) Vom Buchhandel lernen - Erfolgsmodell Osiandersche
aus Deutscher Drucker Nr. 10 vom 15.05.2014 Seite 29

(7.) Verlagsgruppe Weltbild stellt Insolvenzantrag - Der Aufstieg vom kleinen katholischen Verlag zum führenden Medienhaus galt als beispielhaft. Am digitalen Wandel ist das Unternehmen gescheitert. Seine Buchläden sind aber nicht betroffen.
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2014, Nr. 9, S. 20

(8.) Hugendubel und Weltbild trennen sich - Die gemeinsamen Karstadt-Buchfilialen gehen an Hugendubel
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2014, Nr. 45, S. 15

(9.) Droege saniert Weltbild
aus Immobilien Zeitung 29 vom 24.07.2014 Seite 011

(10.) Thalia bringt sich in Stellung - Restrukturierung abgeschlossen - Douglas-Eigner Advent zeigt Interesse an Weltbild
aus Lebensmittel Zeitung 05 vom 31.01.2014 Seite 010

(11.) Unberechenbares Buchgeschäft - Die Handelskette Thalia verknüpft die Logistik auf allen Vertriebskanälen
aus DVZ, Nr. 33 vom 25.04.2014

(12.)Deutschland: Ausgewählte Kennzahlen zum Buchmarkt 2003-2012
aus Genios Statistiken

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 31.07.2014
Dokument-ID: s_med_20140731

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