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Buchhandel - Coronakrise drückt die Umsätze spürbar

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 24.07.2020


Umsatz im Buchhandel stagniert

Im deutschen Buchhandel sind die Erlöse 2019 um 1,7 Prozent auf 9,29 Milliarden Euro gestiegen. Der stationäre Handel legte um 0,4 Prozent zu und machte mit 46,2 Prozent weiterhin den größten Anteil an den Buchverkäufen aus. Der Online-Buchhandel, zu dem auch das Online-Geschäft der klassischen Buchhändler zählt, legte um 4,2 Prozent zu und kommt auf einen Marktanteil von 20 Prozent. In Deutschland gibt es rund 4 700 Buchhandlungen. Davon sind 3 500 kleine, unabhängige Geschäfte. 1 200 Läden gehören zu Ketten wie Hugendubel und Thalia. Die Umsätze im Buchhandel entwickeln sich trotz Digitalisierung sehr stabil. Seit Jahren liegen sie über der Marke von neun Milliarden Euro. (1), (4), [Abb. 1]


Umsätze brechen in Coronakrise ein

Wegen der Coronakrise sind die Umsätze im Buchhandel im ersten Halbjahr 2020 um 8,3 Prozent eingebrochen. Aufgrund der Pandemie mussten in nahezu allen Bundesländern, mit Ausnahme von Berlin und Sachsen-Anhalt, die Buchläden zwischen dem 23. März und dem 19. April schließen. Entsprechend gingen im März die Umsätze um 20 Prozent und im April um 30 Prozent zurück. Das größte Minus war bei der Reiseliteratur mit 76,4 Prozent festzustellen. Der Börsenverein rechnet mit einer halben Milliarde Euro Schaden für die Buchbranche. Viele Händler und Verlage haben sich während des Lockdowns digitaler aufgestellt. So wurden der Instagram-Auftritt aufgebaut und Lesungen im Internet organisiert. Buchhändler konzentrierten sich auf Bestellungen übers Netz und lieferten Bücher mit dem Lastenrad aus. (1), (2)


Die Abhängigkeit von Amazon

Die Coronakrise hat aber auch die Schwachstellen im System offenbart. Als fatal hat sich etwa die Abhängigkeit des Online-Buchhandels von Amazon erwiesen. Der Online-Gigant hatte in der Krise stark gefragte Waren wie Lebensmittel, Haushalts- und Kosmetikartikel bevorzugt behandelt und Bücher hintangestellt. Folglich nahm Amazon den Verlagen kaum noch Titel ab - Bestseller und Kinderbücher ausgenommen. (2)





Fallbeispiele

Thalia ist mit einem Umsatz von gut einer Milliarde Euro und 6 000 Beschäftigten die größte Buchhandelskette in Deutschland. Der Branchenführer wächst derzeit durch Übernahmen im stationären Buchhandel. So hat sich Thalia im Februar das hannoversche Traditionshaus Decius einverleibt. Die Versandbuchhandlung ist in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt vertreten. Die Eigentümer haben das Unternehmen verkauft, weil intern kein Nachfolger in Sicht war und beide Chefs nun über 60 Jahre alt sind. Ferner hat das Bundeskartellamt den geplanten Erwerb der Mayerschen Buchhandlung sowie der B.O.B. Best of Books GmbH durch die Thalia-Gruppe freigegeben. (5), (9)

Die Buchhandelskette Hugendubel gehört mit gut 150 Filialen zu den großen Buchhändlern in Deutschland. Umsatz und Ertrag nennt das Familienunternehmen nicht. Schätzungen zufolge lagen die Erlöse 2018 bei 335 Millionen Euro. Dass immer weniger Leute in die Innenstädte und damit auch in die Buchläden kommen, kriegt auch das Münchener Traditionshaus zu spüren. Hugendubel will deswegen das Angebot besser steuern und die Filialen attraktiver gestalten. Café des Lesens nennt sich das Konzept, mit dem die Münchener die Kunden auf eine entspannte Tasse Kaffee in die Läden einladen. Selbst Yoga-Stunden sind inzwischen normal bei Hugendubel. (7)

Kaum eine Buchgattung ist von der Coronakrise stärker betroffen als die Reiseführer. Denn wer nicht verreist, kauft auch keinen Reiseführer. Und die Buchläden, in denen sich vielleicht ein Spontankauf ergeben hätte, waren lange zu. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist dementsprechend für den März ein Minus von 60 Prozent aus. Mit Lonely Planet steht die Nummer eins der Reiseführer nun vor tiefen Einschnitten. Michael Müller, ein fränkischer Reiseverlag, hat ebenfalls zu kämpfen. Die Druckmaschinen werden in diesem Jahr wohl nicht mehr angeworfen. (6)

Unter der Coronakrise hat auch die Messebranche zu leiden. Nachdem die Buchmessen in Leipzig, London, Paris und Bologna abgesagt wurden, ist die Messe in Frankfurt das erste Großereignis der Branche in diesem Jahr. Bislang kamen jedes Jahr rund 300 000 Besucher und etwa 7 000 Aussteller nach Frankfurt. Damit war die Veranstaltung in Frankfurt die weltgrößte Bücherschau. Dieses Jahr findet die Messe allerdings nur in abgespeckter Version statt. Die Veranstalter rechnen damit, dass nur etwa 2 500 Aussteller vertreten sein werden. Die drei großen Verlagsgruppen Holtzbrinck, Random House und Bonnier werden nicht mit Ständen vor Ort sein. Damit werden einige der beliebtesten deutschen Publikumsverlage fehlen, zum Beispiel Rowohlt, Piper, Ullstein, Luchterhand, S. Fischer, Penguin und Kiepenheuer & Witsch. Auch die Besucherzahl wird deutlich sinken, denn nur bis zu 16 500 Menschen dürfen sich gleichzeitig auf dem Messegelände aufhalten. (3), (8)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Buchhandelsumsatz 2005 - 2019
JahrGesamtumsatz*
20059,16
20069,26
20079,58
20089,61
20099,69
20109,7
20119,6
20129,52
20139,54
20149,32
20159,2
20169,28
20179,13
20189,13
20199,29

* Angaben in Milliarden Euro Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Buchhändler wandeln Ängste in Kraft und Kreativität
aus Berliner Morgenpost - Spätform vom 12.07.2020 Seite 23

(2.) Buchmarkt im Stresstest
aus Freie Presse, 18.05.2020, S. 6

(3.) Frankfurter Buchmesse mit Einschränkungen
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2020, Nr. 124, S. 1

(4.) Buchhandel umsatzstark - Bundesweit gibt es 3500 unabhängige Geschäfte
aus Badische Zeitung vom 18.04.2020, Seite 21

(5.) Kein Drama fürs Kartellamt: Thalia wächst durch Übernahme im stationären Buchhandel
aus Wirtschaft und Wettbewerb, Heft 6/2020, Seite 350-351

(6.) Endstation Corona
aus Frankfurter Allgemeine Woche, 08.05.2020, Nr. 20, S. 42

(7.) Vom Buchhändler zum Eventmanager - Hugendubel erweitert das Angebot
aus Handelsblatt online vom 14.02.2020

(8.) Bei Absage wird keine Miete fällig
aus Frankfurter Rundschau, v. 30.05.2020, S. F5, Ausgabe: Mainz

(9.) Decius: Thalia führt nun Regie
aus Neue Presse Hannover vom 03.02.2020 Seite 12

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 24.07.2020
Dokument-ID: s_med_20200724

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