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Boomender E-Commerce - Paketboten arbeiten am Anschlag

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 28.01.2019


Gute Aussichten trotz globaler Handelskonflikte

Transport und Logistik haben auch im vergangenen Jahr zugelegt und zeigen sich von der prognostizierten Konjunktureintrübung in Deutschland noch unberührt. Allerdings ist die Branche in besonderer Weise auf einen freien Warenverkehr angewiesen, der zurzeit aber von einigen Seiten unter Beschuss steht. Zum einen ist es der US-Protektionismus, der, sollte er sich in voller Schärfe entfalten, auch die Transporteure in Mitleidenschaft ziehen wird. Zum anderen droht der EU-Austritt Großbritanniens Lieferketten zu zerschneiden.

Trotz dieser Störfeuer müssen sich Logistiker und Transporteure jedoch keine ganz großen Sorgen machen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des französischen Kreditversicherers Euler Hermes. Die Autoren gehen davon aus, dass deutsche Transportunternehmen auch 2019 bei Importen wie Exporten mit Zunahmen rechnen können. Große Umschlagplätze wie der Hamburger Hafen werden ebenfalls profitieren. Insgesamt wird Deutschland beim Export ein Plus von 64 Milliarden US-Dollar erreichen, so die Studie. Hinter China (plus 146 Milliarden US-Dollar), den USA (plus 134 Milliarden US-Dollar) und Indien (plus 71 Milliarden US-Dollar) steht Deutschland damit auf dem vierten Rang der Länder, die 2019 am stärksten vom Welthandel profitieren werden. Für die Importe prognostiziert Euler Hermes eine Zunahme um 67 Milliarden US-Dollar, womit Deutschland hier auf Platz drei der Länder mit den stärksten Zuwächsen liegt.

Für den befürchteten Handelskrieg zwischen den USA und China geben die Autoren ebenfalls Entwarnung. Sie sehen die Drohungen aus Washington lediglich als Teil einer Strategie, mit dem Ziel, vorteilhaftere Handelsbedingungen herauszuschlagen. Eine echte Blockade hingegen sei nicht zu erwarten. (1), (2)


Angst vor dem Brexit

Größere Sorgen als der Protektionskurs der USA bereitet den Experten von Euler Hermes der Brexit. Das zwischen der britischen Regierung und der Europäischen Union ausgehandelte Abkommen liegt derzeit auf Eis. Die Möglichkeit eines No-Deal-Exits im März rückt damit bedrohlich näher, was auch die deutschen Transport- und Logistikverbände mit Sorge erfüllt. So sieht der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik NRW (VVWL) bei einem ungeregelten Austritt des Vereinigten Königreichs gravierende Folgen für den Güterverkehr voraus. Kommt es hierzu, müssten in der Tat alle Exporte auf die Insel ab dem 29. März an der Grenze verzollt werden. Die hierfür nötige Infrastruktur aus Zollhöfen und Abstellflächen ist jedoch in den letzten Jahrzehnten abgebaut worden. Zudem brauchen deutsche LKW-Fahrer in diesem Fall ein Visum. (9)


Paketflut nimmt kein Ende

Zu den besonders stark wachsenden Teilbranchen der Logistik gehört nach wie vor der Pakethandel. Allerdings wird der boomende E-Commerce immer mehr zum Politikum. Zum einen, weil die Kunden ihre Pakete nicht bekommen, oder sie in Kiosken und Lottoläden - den so genannten Paketshops - abholen müssen, wo man die eigene Sendung nicht selten aus Bergen von Paketen selbst herausziehen muss. Zum anderen, weil die Paketzusteller völlig überlastet sind, was zugleich der Grund dafür ist, dass man seine Pakete heute bei Nachbarn oder eben in kleinen Ladengeschäften abholen muss. Die frühere Rücknahme nicht zustellbarer Pakete in die Poststelle findet insbesondere in Ballungsräumen nämlich kaum noch statt. Die Situation der Paketboten ist trotz der aus dem Boden sprießenden Paketshops - die den Boten ja entlasten sollen - so schlecht, dass die Gewerkschaften derzeit auf den Plan treten und bessere Arbeitsbedingungen fordern.

Seit 2010 verzeichnen die so genannten KEP-Dienste (= Kurier-Express-Paket) jedes Jahr neue Rekorde beim Transport und der Auslieferung von Päckchen und Paketen. Bis 2020 wird der Pakethandel nach einer Prognose der Deutschen Post jährlich um fünf bis sieben Prozent wachsen. 2017 wurden 3,4 Milliarden Sendungen zugestellt, 2018 waren es nach vorläufigen Schätzungen wohl schon über vier Milliarden. Bis 2022 soll eine weitere Milliarde dazukommen. Schon heute sind in Deutschland jeden Tag bis zu 19 Milliarden Pakete unterwegs.

Man könnte meinen, dass dieses exorbitante Wachstum für die KEP-Dienste ein Segen ist, doch dem ist nicht so. Viel mehr werden die Dienste den Fluten oft einfach nicht mehr Herr, insbesondere im Weihnachtsgeschäft. Zudem verdienen die Unternehmen pro Sendung immer weniger. 2007 betrug der Erlös pro Paket noch 6,22 Euro, 2017 waren es nur noch 5,78 Euro. Neues Personal ist oft nur schwer zu finden, denn jeder Paketbote muss heute 250 Sendungen am Tag an die Türen bringen und sich mit einem Lohn zufriedengeben, der nicht nur von Gewerkschaften kritisiert wird. Trotz der ausbeuterischen Arbeitsbedingungen nimmt die Zahl der Beschäftigten in der KEP-Branche stark zu. 2017 stieg die Zahl der Mitarbeiter um 10 000 auf 230 000.

Dass die Paketdienste trotz niedriger Löhne und am Anschlag arbeitender Paketausfahrer nicht auf ihre Kosten kommen, zeigt der Marktführer Deutsche Post DHL. Ausgerechnet im prosperierenden KEP-Bereich hat das Unternehmen im ersten Halbjahr 2018 einen empfindlichen Gewinneinbruch erlitten. Obwohl die Umsätze um 2,4 Prozent stiegen, sorgten höhere Personal- und Transportkosten für ein um 27 Prozent niedrigeres Vorsteuerergebnis als im Vorjahreszeitraum. (3), (4), (5), (8)


Gewerkschaft Verdi prangert Missstände an

Die Missstände insbesondere bei den Subunternehmen der großen KEP-Dienste - die deutschen Marktführer sind Deutsche Post DHL, DPD, UPS und Hermes - haben die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf den Plan gerufen. Die Arbeitnehmervertreter geißeln manche Zustände bei den Paketdiensten sogar als mafiös. Laut Verdi werden bei einigen Diensten osteuropäische Arbeitskräfte illegal beschäftigt. Angeprangert werden auch die Arbeitsüberlastung und die miserable Bezahlung, die oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Besonders schlecht sind die Zustände laut Verdi bei Hermes. Während DHL und UPS überwiegend mit eigenen Arbeitskräften arbeiteten, setze Hermes fast vollständig auf Subunternehmen. Die Zahl der in einigen Medienberichten zutage geförderten Rechtsbrüche ist erheblich: Viele angebliche Freiberufler sind nur zum Schein selbstständig, Sozialversicherungsbeiträge werden nicht bezahlt, Arbeitszeitvorschriften werden nicht beachtet. (6)





Fallbeispiele


Auch Niedersachsen will die Paketbranche in die Pflicht nehmen

Das Bundesland Niedersachsen will in diesem Jahr im Bundesrat eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen, die der Ausbeutung von Paketzustellern Einhalt gebieten soll. Vorbild für eine neue Regelung könnte das seit 2017 geltende Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft sein (GSA Fleisch). Ziel der Initiative ist es, dass die großen KEP-Dienste Verantwortung auch für die Zustände in den von ihnen beauftragten Subunternehmen übernehmen müssen. (7)



Zahlen & Fakten


Eine wichtige Ursache für Lohndumping und Arbeitsüberlastung bei den Paketzustellern ist die hohe Wettbewerbsintensität in der deutschen KEP-Branche. Der starke Konkurrenzdruck wird jetzt allerdings noch größer: Der E-Commerce-Riese Amazon will die Zustellung seiner Waren selbst in die Hand nehmen und baut dafür einen eigenen Paketdienst mit dem Namen Flex auf.

Die größten Sprünge im Online-Pakethandel werden derzeit bei Lebensmitteln verzeichnet. 2018 betrug das Plus im Lebensmittel-Versand 20 Prozent, der Umsatz erreichte damit 1,4 Milliarden Euro. Die wichtigsten Versender von Dauerwurst und Co. sind Amazon, Rewe und Edeka.

Ein guter Teil der Paketfluten entsteht nicht durch die Erstzustellung an den Besteller, sondern durch Retouren. Besonders hoch sind die Rücksendequoten im Geschäft mit Textilien. Laut Experten wird die Hälfte der bestellten Pullover, T-Shirts und Jeans wieder zurückgeschickt. (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Agenda 2019: Vorsätze fürs neue Jahr
aus Verkehrs Rundschau, Heft 1/02/2019, S. 20-22

(2.) Gute Aussichten für die deutsche Transport- und Logistikbranche
aus DVZ Online vom 30.11.2018

(3.) Schweres Päckchen / Die Flut an Paketsendungen wird immer größer, an Weihnachten machen Paketdienste noch mehr Extraschichten. Die Kunden wollen es so.
aus EURO, 21.11.2018, Nr. 12, S. 111 - 113

(4.) Mangel an Paketfahrern gefährdet Onlinehandel
aus DIE WELT, 23.01.2019, Nr. 19, S. 12

(5.) Bestellwut bringt Zusteller an ihre Grenzen
aus Freie Presse, 21.12.2018, S. 6

(6.) Logistikbranche: Verdi fordert Maßnahmen gegen Ausbeutung von Paketzustellern
aus www.lebensmittelzeitung.net vom 02.01.2019

(7.) Niedersachsen nimmt Paketbranche in die Pflicht
aus DVZ Online vom 28.12.2018

(8.) "Post-Pläne für Weihnachten sind auf Kante genäht"
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2018, Nr. 264, S. 22

(9.) Brexit-Abstimmung: Logistiker reagieren entsetzt
aus DVZ Online vom 16.01.2019

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 28.01.2019
Dokument-ID: s_tra_20190128

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