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Biomasse statt Photovoltaik - die EEG-Novelle betrifft auch den Anlagenbau

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 27.09.2011


Windräder sollen aufs Wasser

Die im Sommer verabschiedete Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist auch für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau von Belang. Das im nächsten Jahr geltende Gesetz regelt die Förderung der unterschiedlichen Energieerzeugungsformen und nimmt damit Einfluss auf die Anbieter von Energieanlagen.

Der deutsche Windkraftanlagenbau hat im letzten Jahr deutlich Federn lassen müssen. Zum ersten Mal entwickelte sich die Teilbranche gegenläufig zum Gesamtmaschinenbau. Während die Maschinenbauer insgesamt ihren Umsatz um zehn Prozent steigerten, büßten die deutschen Windanlagenbauer fünf Prozent ein. Das laufende Jahr verspricht zwar Besserung, jedoch noch keine Rückkehr zu alten Zeiten. Hohe Wachstumszahlen erwarten die Hersteller erst, wenn das Geschäft insbesondere in den USA wieder in Gang kommt. 2009 hatten die Vereinigten Staaten schon einmal für einen solchen Aufschwung gesorgt. Dann aber halbierte sich der dortige Markt, weil die Gaspreise stark sanken und Windparks hierdurch nicht mehr rentabel erschienen.

Die im Detail hoch komplizierte EEG-Novelle - das Konvolut umfasst 800 Din-A4-Seiten - scheint dem weiteren Ausbau der Windenergie zumindest nicht im Wege zu stehen. Vom Bundesverband Windenergie (BWE) wurde die Gesetzesnovelle sogar gelobt, da sie den Ausbau verstetige. Das positive Urteil kommt zustande, weil die Bundesregierung die zunächst geplanten Fördereinschnitte für landgestützte Windkraftanlagen in Teilen wieder zurückgenommen hat. Um die Bundesregierung hier zum Einlenken zu bewegen, hatte der BWE ein Gutachten veröffentlicht, in dem es hieß, das eine Reduktion der Fördergelder sechzig Prozent der geplanten Windkraftanlagen an Land gefährden würde. Durch die gute Lobbyarbeit wurde erreicht, dass die seit 2009 geltende Vergütungsstruktur beibehalten wurde.

Noch mehr frohlocken können die Hersteller von Offshore-Anlagen, also den Windrädern auf hoher See. Die EEG-Novelle hat zum Ziel, diese Anlagen neben den landgestützten Windrädern zum wichtigsten Standbein der zukünftigen Energieversorgung auszubauen. In der EEG-Novelle schlägt sich diese Zielsetzung in großzügigen Förderparagrafen nieder. Besonders positiv dürften die Offshore-Anlagenbauer das beschlossene KfW-Programm aufgenommen haben. Die Förderbank wird fünf Milliarden Euro für die Finanzierung von zehn Windkraftanlagen auf hoher See zur Verfügung stellen. Insgesamt forciert die EEG-Novelle damit das Bestreben des Gesetzgebers, die die Landschaft verschandelnden Windräder vom Land auf die See zu verbannen.

Gegenüber 2010 stellt sich die Situation der Windkraftanlagenanbieter schon heute deutlich positiver dar. So wurden im ersten Halbjahr 2011 in Deutschland 356 Windenergieanlagen mit zusammen rund 793 Megawatt Leistung neu installiert. Für die im letzten Jahr gebeutelte Branche stehen die Zeichen damit eindeutig auf Erholung. (1), (2)


Solarenergie: Das Ziel heißt Rückbau der bestehenden Förderung

Prinzipiell ist es dem Gesetzgeber ein Dorn im Auge, dass Solarstromanlagen im vergangenen Jahr 80 Prozent aller Investitionen im Bereich erneuerbarer Energien verschlungen haben. Dies wird als Schieflage empfunden, die durch schon im vergangenen Jahr auf den Weg gebrachte Förderkürzungen bereinigt werden soll. Weitere Einschnitte für Solaranlagen sollte die EEG-Novelle bringen, wofür sich insbesondere der Wirtschaftsflügel der Union aussprach. Doch die Bundesländer hatten sich im Vorfeld einstimmig gegen weitere Kürzungen ausgesprochen.

Glaubt man dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW), ist die EEG-Novelle schlussendlich doch ganz im Sinne der Photovoltaikindustrie ausgefallen. Das Gesetz stelle sicher, so der Verband, dass sich der Anteil der Solarenergie an der Stromversorgung Deutschlands von derzeit rund drei Prozent bis zum Jahr 2020 mindestens verdreifachen könne.

Sehr gut stellt sich die Situation für die Hersteller von Komponenten, Maschinen und Produktionsanlagen für die Photovoltaik jetzt schon dar. Dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zufolge haben die Anbieter im zweiten Quartal 2011 um 28 Prozent höhere Umsätze erzielt als im Vorjahreszeitraum. Die Branche habe damit einen Rekordwert erreicht. Allerdings rechnet der Verband mit einem zum Jahresende hin sinkenden Auftragseingang. (3)


Gute Perspektiven für die Biomasse

Viel Hirnschmalz hat der Gesetzgeber auf die Novellierung der Gesetzeslage für die Stromerzeugung durch Biomasse verwendet. Interessanterweise sieht die Bundessregierung die Biomasse nach der Windenergie als wichtigsten Stromlieferanten. An dieser Stelle hätte man eigentlich die Photovoltaik erwartet. Was die Stromerzeugung durch Holz, Mais, Getreide oder Gülle für den Strommarkt der Zukunft attraktiv macht, ist die Flexibilität und Regionalität solcher Anlagen. Immer mehr Landwirte wenden sich heute schon der Biostromerzeugung zu, schaffen sich damit ein zweites Standbein und helfen so dabei, in ihren Regionen Biostrom zu verbreiten. Die gesetzlichen Regelungen für die Stromerzeugung per Biomasse wiesen bisher jedoch einen gewissen Wildwuchs auf, der durch das EEG entzerrt wurde.

Für die Anlagenbauer verspricht damit auch die Biostromerzeugung gute Perspektiven. Der VDMA rechnet damit, dass diese dezentralen Anlagen 2030 zehn Prozent des in der EU produzierten Stroms liefern werden. (5), (7), (8)


VDMA nicht zufrieden

Insgesamt versprechen sich die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer von den Bestimmungen der EEG-Novelle gute Geschäfte. Da sie die Technologien für den weiteren Ausbau der alternativen Stromerzeugung anbieten, liegt die Energiewende ihrem Interesse. Dennoch sieht der VDMA für die Gesetzeslage beträchtlichen Änderungsbedarf. Kritisiert wird insbesondere das auch von den Abgeordneten beklagte unnötig hohe Tempo der Beschlussfassung, das eine eingehende Prüfung der komplexen Inhalte unmöglich gemacht habe. Der Dachverband moniert überdies die im EEG zutage getretene geringe Wertschätzung für die Wasserkraft. Hier seien Chancen zur Modernisierung der Anlagen und damit zur Schaffung zusätzlicher Kraftwerksleistung in Süddeutschland nicht genutzt worden. Unbefriedigend seien auch die Bestimmungsänderungen für Bioenergieanlagen ausgefallen. Laut VDMA drohe etwa dem Deponiegas nach derzeitigem Stand in den kommenden fünf Jahren sogar das Aus. Der Gesetzgeber lässt diese Kritik freilich nicht gelten. Im EEG wird darauf hingewiesen, dass der Bereich Deponie-, Klär- und Grubengas kaum Wachstumspotenzial aufweise. Gelder für die Förderung besonders innovativer Deponiegasanlagen seien nur deshalb gestrichen worden, weil sie nicht in Anspruch genommen wurden. (4)


Stahlindustrie befürchtet höhere Energiekosten

Mit Argwohn verfolgt die Stahlindustrie die von der Bundesregierung beschlossene Energiewende. Sie befürchtet steigende Strompreise, die die Konkurrenzfähigkeit der energieintensiven Branche schwächen könnte. Nach Ansicht der Stahlhersteller wird die EEG-Novelle der Branche Mehrkosten von 100 Millionen Euro jährlich auferlegen. Für die weitere Umsetzung der Energiewende fordert die Stahlindustrie darum ein Monitoring. Die Bundesregierung müsse regelmäßig überprüfen, ob die Gesetze die gewünschte Wirkung entfalten und die Stromversorgung sicher und bezahlbar bleibe. (6)


Monopolkommission fordert das Ende der Subventionen

Mit einem radikalen Vorschlag ist die Deutsche Monopolkommission kürzlich an die Öffentlichkeit getreten. Das unabhängige Beratergremium der Bundesregierung plädiert dafür, die Branchen der erneuerbaren Energien nicht mehr durch staatliche Maßnahmen zu subventionieren. Bedauerlich sei es insbesondere, dass in der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes eine marktkonformere Ausgestaltung unterblieben sei. Besser als Subventionen sei ein Quotensystem, das Stromhändler verpflichte, neben Strom aus fossilen Brennstoffen eine bestimmte Menge Biostroms zu verkaufen. (11)





Fallbeispiele


Stahlkonzern Dillinger Hütte investiert in neues Offshore-Windkraftanlagenwerk

Die Dillinger Hütte, Nummer vier auf dem deutschen Stahlmarkt, errichtet derzeit in Nordenham für 135 Millionen Euro eine neue Fabrik für die Produktion von Türmen für Offshore-Windkraftanlagen. Das Werk, in dem über 300 Mitarbeiter beschäftigt werden sollen, wird voraussichtlich 2014 in Betrieb genommen. (12)


Siemens stellt Geschäft mit erneuerbaren Energien völlig neu auf

Aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungstempo von Wind- und Solarkraft hat Siemens dieTrennung der beiden Energiefelder ab Oktober beschlossen. Damit will man für Windkraft eine verbesserte Wirtschaftlichkeit erreichen, der Konzern setzt hier vor allem auf Serienfertigung von Offshore-Windkraftanlagen. Für die Solarkraft rückt künftig die technologische Weiterentwicklung für den industriellen Einsatz mehr in den Vordergrund. Im Zuge dessen wird die Windkraftzentrale aus dem dänischen Brande nach Hamburg verlegt, um mehr Kundennähe zu erreichen. Mehr als 300 neue Mitarbeiter will Siemens hierfür in Hamburg einstellen. (13)



Zahlen & Fakten



Stromerzeugung aus Biomasse legt zu

Die Stromerzeugung aus Biomasse hat sich seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2009 mehr als verachtfacht und ist damit stärker gewachsen als die Stromerzeugung aus den übrigen Erneuerbaren Energien. Insgesamt wurden 2009 16,3 Prozent des Stromverbrauchs durch Erneuerbare Energien gedeckt. 2010 wurden mit der Erzeugung von Bioenergie zwölf Milliarden Euro umgesetzt. Eindrucksvoll fallen auch die Zahlen der in Deutschland Strom erzeugenden Bioanlagen aus. 1 200 größere Biomasseheizwerke produzierten im vergangenen Jahr Strom, 6 000 Biogasanlagen steuerten weitere 2 279 Megawatt Energie bei. Über 65 Millionen Tonnen CO2 konnten 2010 durch Bioenergieanlagen vermieden werden. (9), (10)



Weiterführende Literatur:

(1.) Atomausstieg und Energiewende sind Gesetz
aus energate vom 08.07.2011

(2.) VDMA/BWE / Deutsche Windindustrie erholt sich wieder
aus www.elektrotechnik.de vom 01.08.2011

(3.) Solarstrombranche unter Konsolidierungsdruck
aus VDI NR. 37 VOM 16.09.2011 SEITE 1

(4.) VDMA fordert dringend Nachbesserungen
aus energate vom 07.09.2011

(5.) Energiewende mit Weitblick und radikalem Systemumbau
aus Agra-Europe (AgE), 52. Jahrgang Nr. 36 vom 05.09.2011

(6.) Wirtschaftsvereinigung Stahl fürchtet höhere Energiekosten
aus BLECHNET Nr. 004 vom 05.09.2011 Seite 007

(7.) Studie: Biogasbranche zufrieden mit EEG-Novelle
aus energate vom 08.08.2011

(8.) Aufbruch in neue Biogas-Dimensionen
aus www.powernews.org Meldung vom 02.09.2011 - 08:56

(9.)Hadern mit der Wärmenutzungspflicht
aus Energie & Management/Powernews.org vom 17.08.2011

(10.)Bundestag macht EEG noch komplizierter
aus AGRA-EUROPE (AgE) Nr. 27 vom 04.07.2011

(11.) Ende der Subventionen
aus DIE WELT, 14.09.2011, Nr. 215, S. 11

(12.) Dillinger Hütte investiert in Offshore-Windmarkt
aus Handelsblatt Nr. 185 vom 23.09.2011 Seite 24

(13.) Neue Energien - Siemens verlagert Windkraftsparte nach Hamburg
aus WirtschaftsWoche online vom 20110926, 16:51:45

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 27.09.2011
Dokument-ID: s_mas_20110927

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