GENIOS BranchenWissen > VERSICHERUNGEN
Logo GENIOS BranchenWissen

Bermuda - Aktuelle Entwicklungen von einem der größten Rückversicherungsmärkte

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 05/2006 vom 17.05.2006

Beitrag

Die jungen Wilden, wie die Bermuda-Versicherer sich selbst nennen, verdienten in kürzester Zeit sehr viel Geld, was von den etablierten Rückversicherungsunternehmen mit Argwohn beäugt wird. (2)



Bermuda Entwicklung zu einem bedeutenden Rückversicherungsmarkt

In den vergangenen 20 Jahren entstand auf Bermuda ein bedeutender Rückversicherungsmarkt, der heute neben Kontinentaleuropa, London und den USA als viertes Rückversicherungszentrum gilt. Der kombinierte Börsenwert der Bermuda-Versicherer hat schon zwei Drittel des Wertes der traditionellen europäischen Gesellschaften erreicht, von denen einige seit mehr als hundert Jahren am Markt aktiv sind. (1)

Die erste Generation, oder auch als Jahrgang bezeichnet, von Rückversicherern auf den Bermudas wurde 1985/1986 während der großen Krise des Haftpflichtgeschäfts in den USA gegründet. Damals lehrte die ausufernde Haftung für scheinbar fehlerhafte Produkte Hersteller, Händler und deren Versicherer das Fürchten. Der nächste Jahrgang kam 1992 nach Hurrikan Andrew. Die dritte Generation folgte nach dem schockierenden Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001. Anlass für die nunmehr vierte Gründungswelle in der Karibik ist die rekordverdächtige Hurrikan-Saison 2005 im Golf von Mexiko. (2), (3)



Grund für die Gründungswellen von Rückversicherern auf den Bermudas

Ereignet sich irgendwo auf der Welt eine Katastrophe und führt diese für die globalen Versicherer zu außergewöhnlich hohen Schadenzahlungen, dann schnellen die Preise für die Absicherung derartiger Schäden in die Höhe. Das lockt dann in schöner Regelmäßigkeit Investoren an, die neue Rückversicherungsgesellschaften gründen. Dank der unbürokratischen Finanzaufsicht geht das im Inselreich Bermuda innerhalb von nur wenigen Tagen. Außerdem verlangt die britische Kronkolonie von ausländischen Finanzunternehmen keine Gewinnsteuer. Die neuen Rückversicherer profitieren vom Start weg von den lukrativen Margen, ohne den dafür verantwortlichen Katastrophenschaden mittragen zu müssen. Institutionelle Anleger und Hedge-Fonds erwarten von Bermuda-Investments überdurchschnittliche Renditen. Die etablierten Rückversicherer werfen den Bermuda-Gesellschaften vor, dass sie lediglich auf das schnelle Geld aus sind. Das heißt, sie versichern nur, solange sie von den hohen Margen profitieren können und verabschieden sich schnell wieder vom Markt, wenn dieser sich dreht. (2), (3), (7)



Personalprobleme der Bermuda-Rückversicherer

Für die Neugründungen des Jahres 2005 wird es schwierig sein, so hohe Gewinne zu erzielen wie die Neugründungen des Jahres 2001. Das liegt auch daran, dass gut qualifiziertes Versicherungspersonal auf Bermuda knapp ist. (4)



Fallbeispiele



Vincent Dowling, der in der Branche als Autorität geltende Chef des spezialisierten Börsenmaklers und Anlageunternehmens Dowling & Partners Securities, vertritt die Ansicht, dass es für die neuen Rückversicherer auf Bermuda deutlich schwerer sein wird, die Erfolge früherer Generationen zu wiederholen. Analysten teilen diese Meinung. Gründe für diese Entwicklung sind das wettbewerbsintensivere Marktumfeld und die schärferen Anforderungen der Rating-Agenturen. Bspw. verlangen die Rating-Agenturen eine bessere Eigenkapitalausstattung. Somit kann eine 2005 gegründete Gesellschaft mit US-$ einer Milliarde Eigenkapital weniger Geschäft zeichnen und damit weniger Gewinn erzielen als ein Neuling aus dem Jahre 2001. (3), (4)

Michel M.Liès, Mitglied des Executive Boards des weltgrößten Rückversicherers Swiss Re, rechnet mit einer von den Bermudas ausgehenden Konsolidierung auf dem Rückversicherungsmarkt. Die dortigen Neugründungen hätten nach den verheerenden Hurrikanen in den USA 2005 erhebliche Schadenzahlungen leisten müssen. Einige hätten sogar aufgegeben. Das Problem vieler Bermuda-Gesellschaften besteht in der alleinigen
Fokussierung auf Naturkatastrophen in den USA. Die Gesellschaften müssten sich dringend breiter aufstellen, sowohl regional als auch bei der Art der Risiken, die sie übernehmen. (8)

Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzende der Münchener Rückversicherung, hat die Rolle der Großmakler bei der Gründung neuer Rückversicherer kritisiert. Marsh und Aon, der Weltmarktführer unter den Maklern, war in den letzten 20 Jahren mehrfach an der Gründung neuer Gesellschaften auf Bermuda beteiligt. Rückversicherungsunternehmen befürchten, dass Makler nicht mehr neutral sind, wenn diese selbst an Rückversicherungsgesellschaften beteiligt sind. Das diese Befürchtungen begründet sind, zeigen die Untersuchungen des New Yorker Generalstaatsanwaltes, der vor allem Marsh und Aon wegen Angebotsfälschung und mangelnder Transparenz im Vermittlungsprozess belangte und für die Ablösung der früheren Unternehmensführung sorgte. (9)

Der Bermuda-Rückversicherer PXRE kämpft um sein Überleben. Der auf das Katastrophengeschäft spezialisierte Rückversicherer erwirtschaftete allein im vierten Quartal 2005 einen Verlust von US-$ 446,5 Millionen. Das Eigenkapital der Gesellschaft beläuft sich auf US-$ 465 Millionen. Die Rating-Agenturen AM Best und Standard & Poor`s senkten ihre Bewertung auf BBB+. Die Herabstufung hat dramatische Folgen für das bestehende Geschäft von PXRE. Da das Unternehmen seinen Kunden Sonderkündigungsklauseln bei einer Verschlechterung des Ratings unter A- eingeräumt hat. (5), (6)

Zahlen & Fakten

Bermuda hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem der größten Rückversicherungsmärkte entwickelt. Die Bermuda-Rückversicherer nehmen nach eigenen Angaben jährlich mehr als US-$ 44 Milliarden Versicherungsprämien ein - gut ein Viertel des Weltmarktes von US-$170 Milliarden. (3)



Während die traditionellen Rückversicherer nach der Hurrikan-Saison 2005 Katastrophenanleihen auflegten, sammelten die Bermuda-Versicherer mühelos US-$ 19 Milliarden an Aktionärskapital ein. Rund US-$ zwölf Milliarden davon gingen auf das Konto der 14 jüngsten Lizenzinhaber. Der Rest verteilte sich auf die älteren Bermuda-Gesellschaften. (2), (3)



Die Start-ups der dritten Generation träumen fast alle davon, nach einem Jahr an die New Yorker Börse zu gehen. Doch die Ratingagenturen trauen der jüngsten Generation von Rückversicherern weniger zu als den Vorgängern. So erwarten die Analysten von Fitch und Moodys von diesen allenfalls Kapitalverzinsungen von 12 bis 19 Prozent. Die Vorgänger erreichten bis zu 25 Prozent. (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) Booth, Clemens, Mutig oder alt - aber nie beides, Financial Times Deutschland vom 23.12.2005, S. 20
aus Financial Times Deutschland vom 23.12.2005, Seite 20

(2.) Lansch, Rita, Piraten im Bermudadreieck, Handelsblatt Nr. 252 vom 29.12.05, S. 23
aus Handelsblatt Nr. 252 vom 29.12.05 Seite 23

(3.) Fromme, Herbert, Harte Zeiten für Modell Bermuda, Bedingungen für neue Rückversicherer verschärfen sich, Branche saugt nach "Katrina" 19 Mrd. Dollar auf, Financial Times Deutschland vom 27.02.2006, S. 18
aus Financial Times Deutschland vom 27.02.2006, Seite 18

(4.) O.V., Rückversicherer: Die fetten Jahre sind vorbei, Nach den letztjährigen Orkanen blieb ein weltweiter Prämienaufschwung aus, Versicherungswirtschaft, 61. Jahrgang, 1. März 2006, Heft 5, S. 423
aus Versicherungswirtschaft, 1.3.2006, 61.Jg., Nr. 05, S. 423

(5.) O.V., Bermuda-Versicherer mit Problemen, Versicherungswirtschaft , 61. Jahrgang 15. März 2006, Heft 6, S. 481
aus Versicherungswirtschaft, 15.3.2006, 61.Jg., Nr. 06, S. 481

(6.) Fromme, Herbert, Bermuda-Rückversicherer PXRE droht das Aus, Hoher Katastrophenschaden sorgt für schlechtes Rating, Sonderkündigungsklauseln bringen Unternehmen unter Druck, Financial Times Deutschland vom 23.02.2006, S. 18
aus Financial Times Deutschland vom 23.02.2006, Seite 18

(7.) Ruhkamp, Stefan, Trügerische Sicherheit, Eine staatliche Pflichtversicherung mindert den Anreiz, Schäden zu vermeiden, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2006, Nr. 30, S. 15
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2006, Nr. 30, S. 15

(8.) O.V., Swiss Re verhandelt mit Aufsichtsbehörden, Handelsblatt Nr. 050 vom 10.03.06, S. 34
aus Handelsblatt Nr. 050 vom 10.03.06 Seite 34

(9.) Fromme, Herbert, Münchener Rück greift Großmakler an, Versicherer moniert Interessenkonflikte, Financial Times Deutschland vom 27.02.2006, S. 18
aus Financial Times Deutschland vom 27.02.2006, Seite 18

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 05/2006 vom 17.05.2006
Dokument-ID: s_ver_20060517

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH