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Befreiungsschlag an der Ruhr - ThyssenKrupp legt Stahlsparte mit Tata zusammen

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 26.09.2017


Aufatmen in der Stahlbranche

Die deutsche Stahlindustrie hat sich von den vergangenen Krisenjahren sichtlich erholt. Die Unternehmen meldeten zum Anfang dieses Jahres zum einen volle Auftragsbücher, zum anderen gestiegene Erlöse infolge der im vergangenen Jahr durchgesetzten Preiserhöhungen um zehn bis 15 Prozent. Der Befund erstaunt, denn noch im vergangenen Jahr standen die Stahlerzeuger wegen der chinesischen Billig-Importe und der weltweiten Überkapazitäten stark unter Druck. Die Lage war so schlecht, dass die Stahlsparte von einem Schicksalsjahr sprach. In diesem Jahr scheint sich die Lage ins Gegenteil verkehrt zu haben. Die Unternehmen sind demnach voll ausgelastet. Wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl meldete, lag die Kapazitätsauslastung von einigen Monaten bei 89 Prozent und damit kurz vor der Grenze des Machbaren. Dies schlägt sich auch auf die Lohnentwicklung nieder. So hat die IG Metall für die nordwestdeutsche Stahlindustrie Lohnerhöhungen von insgesamt vier Prozent ausgehandelt.

Gleichwohl stellt sich die Situation der einzelnen Stahlerzeuger uneinheitlich dar. So hat der auch in Deutschland produzierende Weltmarktführer ArcelorMittal 2016 nach vier Verlustjahren in Folge erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben. Auch Salzgitter kehrte in die Gewinnzone zurück und schwärmt von Aussichten, die so gut seien wie seit 2012 nicht mehr. Nicht mithalten kann da die Stahlsparte von ThyssenKrupp. (1)


ThyssenKrupp humpelt hinterher

Der deutsche Branchenprimus profitiert von den Preissteigerungen augenscheinlich nicht so wie die Wettbewerber. Der Grund sind langfristige Lieferverträge, in denen niedrigere Preise festgeschrieben sind. Doch auch der Gesamtkonzern kommt trotz guter Konjunktur in Deutschland kaum vom Fleck. So sank der Vorsteuergewinn im vergangenen Geschäftsjahr um zwölf Prozent, und auch die Aufträge gingen zurück. Da ThyssenKrupp schon seit über einem halben Jahrzehnt dabei ist, den Konzern für die neue Zeit umzubauen, stellt sich langsam die Frage, wie erfolgreich die Maßnahmen sind. Die gelungene Abstoßung der Stahlwerke in Brasilien und in den USA, die dem Konzern Milliardenverluste bescherten, reicht augenscheinlich immer noch nicht aus, den Vorzeigekonzern zurück in die Erfolgsspur zu bringen.

Insider monieren, dass sich ThyssenKrupp immer noch zu sehr auf Geschäftssparten konzentriert, die sich der Konzern eigentlich nicht leisten kann. Hierzu gehören die verlustanfällige Stahlsparte und der risikoreiche Anlagenbau. So leidet das Unternehmen heute unter einem Schuldenberg von 3,5 Milliarden Euro und Pensionslasten in einer Größenordnung von fast neun Milliarden Euro. Der operative Gewinn lag mit 1,5 Milliarden Euro nur halb so hoch, wie es für eine gesunde Geschäftsentwicklung nötig wäre. Experten empfehlen ThyssenKrupp darum schon länger, mutiger zu agieren und sich nur noch auf solche Sparten zu konzentrieren, die Gewinn versprechen. Ein Problem dabei ist die Krupp-Stiftung, die mit 23 Prozent das höchste Paket an Einzelaktien besitzt. Die Stiftung verfügt nicht über das Kapital, um dem Unternehmen zu helfen, bestimmt aber dennoch, wohin die Reise geht. Die Stiftung wurde einst von Alfried Krupp und seinem Verwalter Berthold Beitz geschaffen, um den Familieneinfluss auf das Unternehmen abzusichern - was sich heute möglicherweise als kontraproduktiv erweist. Das Aktienpaket ist immer noch groß genug für eine Sperrminorität, mit der die Villa Hügel dem Vorstand heute noch Handschellen anlegen kann. Im Ergebnis sind die Bilanzen bei ThyssenKrupp schon seit langem deutlich schwächer als die aller anderen Wettbewerber im Stahlsektor. (2)


Vereinigung mit Tata

Immerhin ist es ThyssenKrupp in diesen Tagen gelungen, wenigstens für die Stahlsparte eine möglicherweise zukunftsträchtigere Lösung zu finden. Nach zweijährigen Verhandlungen hat sich die Führung des Konzerns entschieden, die Stahlerzeugung mit der Stahltochter des indischen Konzerns Tata zusammenzulegen. Das neue Unternehmen wird den Namen Thyssen-Krupp Tata Steel tragen und auf einen Umsatz von 15 Milliarden Euro kommen. Auch die 50:50-Fusion mit Tata reicht aber nicht, um den europäischen Marktführer ArcelorMittal von der Spitze zu verdrängen. Rund 4 000 Stellen sollen bei beiden Unternehmen zusammen für den Zusammenschluss gestrichen werden, alleine 2 000 Stellen bei ThyssenKrupp. Da wundert es nicht, dass der ThyssenKrupp-Betriebsrat gegen das Joint Venture wettert und möglichst sozialverträgliche Lösungen aushandeln will.

Dass es kein anderer Partner wurde, hat Gründe. So wäre bei einer anvisierten Fusion mit dem Weltmarktführer ArcelorMittal wohl das Kartellamt dazwischen gesprungen. Ein Zusammengehen mit der deutschen Nummer zwei Salzgitter scheiterte nicht zuletzt am Veto des Landes Niedersachsen, das größter Aktionär von Salzgitter ist.

Viele Experten sehen die Fusion mit Tata als einen notwendigen Befreiungsschlag, mit dem es ThyssenKrupp gelingen könnte, endlich wieder auskömmlichere Erlöse zu erzielen. Insgesamt soll die Fusion 500 Millionen Euro an Einsparungen bringen; zudem passen die Produktpaletten der beiden Stahlriesen gut zusammen. (3), (4)





Fallbeispiele


Kartellrazzia gegen Stahlkonzerne

Die deutschen Stahlunternehmen stehen zum wiederholten Mal im Verdacht illegaler Preisabsprachen. ArcelorMittal, ThyssenKrupp und Salzgitter wurden daher kürzlich vom Bundeskartellamt durchsucht. Auch gegen den Lobbyverband der Stahlhersteller, die Wirtschaftsvereinigung Stahl, wurden Ermittlungen eingeleitet. Konkret richten sich die Verdachtsmomente auf Preisabsprachen im Bereich Edelstahl. An Razzien dieser Art sind die deutschen Stahlkocher bereits gewöhnt, denn in den vergangenen Jahren schauten die Ermittler fast schon regelmäßig vorbei. Im Fokus standen mal die Produktion von Eisenbahnschienen, mal die Preise für Baustahl. Insgesamt wurden sieben Firmen und drei Privatwohnungen untersucht. (5), (6), (7)


Voestalpine mit Rekordgewinn

Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine steht derzeit glänzend da. Im Auftaktquartal des neuen Geschäftsjahres steht ein Umsatzplus von 17 Prozent in den Büchern, der Gewinn verdoppelte sich sogar. Das Unternehmen setzt schon seit längerem nicht mehr auf einfachen Stahl, sondern auf High-Tech-Legierungen und sieht sich bei diesem Weg nun bestätigt. (8)



Zahlen & Fakten


Die Stahlsparte von ThyssenKrupp hat im Geschäftsjahr 2015/2016 einen Umsatz von 7,6 Milliarden Euro erzielt. Die Aufzugssparte kam auf 7,5 Milliarden Euro, der Bereich Automobil und Maschinenbau erreichte 6,8 Milliarden Euro. 5,7 Milliarden Euro steuerte der Anlagenbau bei, der Materialhandel kam auf einen Umsatz von 11,9 Milliarden Euro.

Zu der Jahresproduktion von ThyssenKrupp von 11,5 Millionen Tonnen Stahl kommen nun 9,8 Millionen Tonnen vom Fusionspartner Tata. Damit ist das neue Unternehmen hinter ArcelorMittal Europas Nummer zwei. ArcelorMittal ist überdies Weltmarktführer und betreibt heute unter anderem die einst von ThyssenKrupp in den USA gebaute Fabrik, die den Ruhrkonzern erst richtig in die immer noch anhaltende Existenzkrise trieb. (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Warum bei den Stahlkochern wieder "die Hütte brummt"
aus manager-magazin.de vom 17.03.2017

(2.) Ein Koloss ohne Wumms
aus manager magazin Nr. 2 vom 20.01.2017 Seite 44

(3.) Warum Thyssenkrupp bei Tata gelandet ist
aus manager-magazin.de vom 20.09.2017

(4.) Am Schmelzpunkt
aus Welt am Sonntag, 17.09.2017, Nr. 38, S. 5

(5.) Neue Kartellrazzia gegen Stahlkonzerne
aus Börsen-Zeitung vom 05.09.2017, Nr. 170, S. 9

(6.) Im Visier der Kartellwächter
aus Handelsblatt Nr. 171 vom 05.09.2017 Seite 022

(7.) Wettbewerbshüter gehen gegen Stahlbranche vor
aus Handelsblatt online vom 04.09.2017

(8.) Voestalpine / Stahlkonzern erzielt Rekordergebnis
aus Handelsblatt online vom 09.08.2017

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 26.09.2017
Dokument-ID: s_mas_20170926

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