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Autohandel - die Dieselkrise sorgt für Bremsspuren

AUTOMOBIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 23.07.2018


Starke Umsätze bei niedriger Rendite

Der Umsatz im Kfz-Gewerbe hat 2017 um 1,4 Prozent auf 174,4 Milliarden Euro zugelegt. Grund für den relativ geringen Zuwachs war die Dieselkrise, die auf dem Gebrauchtwagengeschäft lastet. Hier sank der Umsatz um 1,9 Prozent auf 66,3 Milliarden Euro. Bei den Neuwagen kletterten die Erlöse dagegen um fünf Prozent auf 64,1 Milliarden Euro. Im Werkstättengeschäft gab es ein Plus von 0,5 Prozent auf 32,1 Milliarden Euro. Die Durchschnittsrendite im Kfz-Gewerbe liegt 2018 voraussichtlich zwischen 1,3 bis 1,6 Prozent, nach 1,7 Prozent 2017. Mit einer Prognose für 2018 tut sich der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) schwer. Zwar sind die Rahmenbedingungen insgesamt positiv, die Entwicklung hängt aber davon ab, wie die Debatte um Fahrverbote und die Nachrüstung älterer Diesel weitergeht. (1), (2)


Diesel-Debatte belastet die Autohäuser

Die aktuelle Lage im Kfz-Gewerbe wird wesentlich von der Diesel-Diskussion geprägt. Gebrauchte Diesel-Pkw stehen inzwischen durchschnittlich 100 Tage bei den Händlern auf dem Hof, Benziner 80 Tage. Jeder Standtag kostet den Händler rund 28 Euro pro Tag und Fahrzeug. Hinzu kommt der Wertverlust mit einigen tausend Euro pro Fahrzeug. Deswegen fordert der Branchenverband ZDK die Politik auf, in Sachen Hardware-Nachrüstung älterer Diesel schnell voranzugehen. Auch die Mehrzahl der Autohändler bewertet die Hardware-Nachrüstung als wirksame Maßnahme zum Werterhalt der Bestände und zur Reduzierung der Standzeiten. (1)





Fallbeispiele

Der deutsche Teil der schweizerischen Emil-Frey-Gruppe ist der größte herstellerunabhängige Autohändler hierzulande. Wegen ihrer zurückhaltenden Kommunikationspolitik gibt es allerdings nur wenige Informationen über die Firma. Die letzten bekannten Zahlen stammen aus dem Jahr 2016. Insgesamt 143 500 Fahrzeuge lieferte das Unternehmen aus. Betrachtet man zur besseren Vergleichbarkeit nur den Bereich Einzelhandel - Emil Frey ist in Deutschland auch als Importeur der Marken Mitsubishi und Subaru tätig -, kommt die deutsche Tochter immer noch auf 92 400 Autos. Für 2017 ging die Emil-Frey-Gruppe Deutschland von rund 97 500 Autos aus. Beim Umsatz lag die Prognose für 2017 bei 3,3 Milliarden Euro. Der um das Importgeschäft bereinigte Wert dürfte bei 2,3 Milliarden Euro liegen. Beim Ergebnis kam die Emil-Frey-Gruppe Deutschland 2016 auf 2,7 Millionen Euro. In den Jahren zuvor hatte man teils tiefrote Zahlen geschrieben. (6), (7)

Die Nummer zwei der Branche, die AVAG Holding, hat im Geschäftsjahr 2016/17 erstmals die Umsatzmarke von zwei Milliarden Euro geknackt. Die Erlöse kletterten um rund elf Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite lag leicht über dem Branchendurchschnitt von 1,7 Prozent. 2015/16 waren es noch rund zwei Prozent. Insgesamt verkaufte die AVAG rund 122 000 Fahrzeuge im In- und Ausland, das waren knapp neun Prozent mehr als im Vorjahr. Das Neuwagengeschäft legte um 12,1 Prozent auf 62 600 Fahrzeuge zu, das Gebrauchtwagengeschäft um 4,7 Prozent auf 58 600 Einheiten. Die AVAG führt die Zahlen auf die positive Entwicklung auf dem deutschen und europäischen Automarkt zurück. (6), (8)

Die Wellergruppe will nach der Trennung von der VW-Sparte Max Moritz wieder wachsen - aber nur mit ihren Bestandsmarken Toyota/Lexus und BMW/Mini. Entsprechend hat man Ende 2017 fünf Toyota-Betriebe des Autohauses Weber in Lüdinghausen, Hamm, Lünen sowie zwei in Dortmund übernommen. Um die Professionalisierung voranzutreiben, werden Aufgaben zentralisiert. Garantieabrechnung, Rechnungslegung, Controlling für Boniansprüche und viele weitere administrative Arbeiten, die bisher in den AutoWeller-Filialen angesiedelt waren, sollen künftig am Standort Osnabrück zusammenlaufen. Die Wellergruppe betreibt derzeit 31 Autohäuser. 2017 rangierte das Unternehmen im Top-100-Ranking der Autohändler auf Platz vier. (9), (10)

Die Konsolidierung im Händlernetz von Mercedes hält an. So hat Stern Auto Anfang des Jahres die vier Sternagel-Häuser in Ostdeutschland zugekauft. 2017 machte das Unternehmen 825 Millionen Euro Umsatz. Durch die Übernahme der Sternagel-Häuser werden rund 100 Millionen Euro Umsatz und 2 500 Fahrzeuge pro Jahr hinzukommen. Stern Auto ist die deutsche Tochter des weltgrößten Mercedes-Händlers Lei Shing Hong. Zudem übernimmt die Jürgens-Gruppe die Bald AG mit acht Standorten im Siegerland. Jürgens kann mit der Übernahme das Geschäft nahezu verdoppeln. Bei Mercedes wird das Netz seit einiger Zeit neu geordnet. Insbesondere kleinere Betriebe stehen unter Druck, zu verkaufen oder zu fusionieren. (11)



Zahlen & Fakten


Die Zahl der Betriebe im Kfz-Gewerbe ist 2017 um 270 auf insgesamt 37 470 zurückgegangen. Während die Zahl der fabrikatsgebundenen Betriebe um 3,1 Prozent auf 16 280 sank, stieg die Zahl der freien Werkstätten um 1,2 Prozent auf 21 190. Gründe sind der fortschreitenden Konzentrationsprozess und die Bereinigung der Händlernetze durch Hersteller und Importeure. Entsprechend sank die Zahl der Mitarbeiter um 1,3 Prozent auf 449 640. (1)

Im Kfz-Gewerbe ist 2017 die Zahl der Pleiten um 9,6 Prozent auf 640 gestiegen. Dies teilte der Wirtschaftsinformationsdienstleister Creditreform mit. In den fünf Jahren davor war die Zahl der Insolvenzfälle im Kfz-Gewerbe stets gesunken. Die Entwicklung im Kfz-Gewerbe verlief auch gegen den allgemeinen Trend, denn 2017 sank die Zahl der Unternehmensinsolvenzen insgesamt um sechs Prozent. Als einen Grund für den Negativtrend bei den Autohäusern nannte Creditreform die aktuelle Diskussion um mögliche Fahrverbote für Dieselautos. (4)

Die Kfz-Betriebe haben im vergangenen Jahr 3,2 Prozent mehr neue Auszubildende eingestellt als 2016. Bis zum 30. September 2017 wurden insgesamt 29 835 Ausbildungsverträge und damit 930 mehr als 2016 abgeschlossen. Die Autoberufe Kfz-Mechatroniker und Automobilkaufmann verzeichnen bereits im vierten Jahr in Folge steigende Ausbildungszahlen. Insgesamt bildet das Kfz-Gewerbe 92 100 Menschen in technischen und kaufmännischen Berufen aus, im Jahr zuvor waren es 91 160. (1)

Der ZDK rechnet durch Diesel-Rückläufer im Leasinggeschäft mit hohen Einbußen. So waren von Mai bis Ende August 2015 in Deutschland 73 500 Dieselfahrzeuge der Schadstoffkategorie Euro 5 verleast worden. Diese kommen derzeit zurück und haben einen durchschnittlichen Wert von 15 110 Euro. Wegen der schwachen Nachfrage durch die Dieseldebatte rechnen Händler nun mit Abschlägen von zehn bis 50 Prozent. Der zu erwartende Verlust in diesen vier Monaten kann bei bis zu 330 Millionen Euro liegen. (3)

Der Autohandel bekommt den Wandel durch das Internet immer stärker zu spüren. Händler werden oft nur noch für Probefahrten und zur Vertragsunterzeichnung besucht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Überwachungsorganisation KÜS und des Fachmagazins "Kfz-Betrieb". Die Recherche und Auswahl von Modell und Marke werde demnach zunehmend im Internet getätigt. Einen Onlinekauf von Neu- oder Gebrauchtwagen können sich bereits 43 beziehungsweise 45 Prozent der Interessenten vorstellen. (5)



Weiterführende Literatur:

(1.) Noch ein Blick in den deutschen Markt - Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe präsentiert interessante Zahlen.
aus Ostsee-Zeitung Ausgabe Rostock vom 07.04.2018 Seite E10

(2.) Autowerkstätten leiden unter Dieselskandal - Zentralverband setzt auf Umrüstung statt Fahrverbote
aus Berliner Zeitung vom 16.02.2018 Seite 7

(3.)Kfz-Gewerbe fürchtet Millionen-Verluste - Sinkende Restwerte bei Diesel-Rückläufern drücken auf die Stimmung - Austritt aus Dachverband CECRA
aus Automobilwoche Nr. 14/2018 vom 25.06.2018, Seite 21

(4.)Mehr Pleiten in 2017 - Seit fünf Jahren sinkt die Zahl der Insolvenzfälle im Kfz-Gewerbe. 2017 kehrte sich der Trend um. Die Entwicklung für die ohnehin gebeutelte Branche war deutlich negativ.
aus AUTOHAUS Online vom 22.02.2018

(5.)Internet verdrängt zunehmend stationären Autohandel.
aus automotiveIT Nr. 6/07/2018, Seite 47

(6.) Die AVAG dominiert - Erstmals liegt im Handelsgruppen-Vergleich nach Geschäftsfeldern immer dieselbe Gruppe vorn
aus "Automobilwoche" Nr. 12/2018 vom 28.05.2018 Seite 22

(7.) Schweigsame Schweizer - Der deutsche Teil der Emil-Frey-Gruppe ist der größte herstellerunabhängige Händler zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen und Importeur für Mitsubishi und Subaru.
aus "Automobilwoche" vom 27.05.2018 Seite 10

(8.) AVAG knackt Umsatzmarke von zwei Milliarden Euro - Die europaweit tätige Handelsgruppe entwickelt ihre Autohäuser konsequent weiter
aus AUTOHAUS Online vom 09.02.2018

(9.) Wellergruppe baut in Osnabrück: "Wir brauchen Platz"
aus automobilwoche.de Newsletter Feed, 16.05.2018

(10.) Handelsgruppen: Weller kauft Weber
aus automobilwoche.de Newsletter Feed, 22.11.2017

(11.) Zwei Käufe im Mercedes-Netz - Sternagel geht an Stern Auto -Jürgens übernimmt Bald
aus "Automobilwoche" Nr. 05/2018 vom 19.02.2018 Seite 18

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 23.07.2018
Dokument-ID: s_aut_20180723

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