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Auf nach China! - Immer mehr Maschinenbauer errichten Dependancen im Reich der Mitte

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 28.01.2011


Studie empfiehlt die Produktionsauslagerung

Eine Studie von Roland Berger Strategy Consultants beschäftigt derzeit die deutschen Maschinenhersteller. Die Untersuchung attestiert der Branche zwar sehr gute Wachstumsaussichten, kommt aber zugleich zu dem Ergebnis, dass die Unternehmen ihre bisherige Treue zum Standort Deutschland überdenken sollten. Da sich das Wachstum zukünftig überwiegend in China und den anderen "BRIC"-Staaten (Brasilien, Russland, Indien) konzentrieren werde, sei es sinnvoll, eigene Fertigungen vor Ort zu errichten. Wer auf diesen Märkten mitspielen wolle, so das Fazit der Studie, werde nicht damit auskommen, sich auf den Export von Deutschland aus zu konzentrieren. (1), (2)


Mittleres Segment wird am stärksten wachsen

Dieser Einschätzung liegt auch zugrunde, dass zukünftiges Wachstum insbesondere im Segment der mittleren Maschinen zu erwarten ist. Lediglich Hersteller von Maschinen mit sehr hoher Technologie und geringer Stückzahl könnten darum nach Ansicht der Autoren weiter in Deutschland fertigen und ihre Produkte von hier aus in alle Welt exportieren. Etablierte deutsche Maschinenbauer haben diesen Trend freilich bereits erkannt und produzieren schon länger im Reich der Mitte. Hierzu zählen die Gildemeister AG und Heidelberger Druckmaschinen. (1), (2)


Vorteile durch niedrigere Kosten

Mit einer Produktionsauslagerung nach China würden die deutschen Hersteller mit dem niedrigeren Kostenniveau der asiatischen Konkurrenz gleichziehen. Derzeit haben chinesische Hersteller einen Kostenvorteil von rund 20 Prozent. Zugleich würde sich die Produktion erhöhen: Die Studie geht davon aus, dass die Fertigung in China die Kapazitäten in Deutschland unberührt lassen würde. (1), (2)


Mittelständler tun sich schwer

Während Großunternehmen schon seit Jahrzehnten ihre Produktion auf Standorte rund um den Globus verteilen, tun sich mittelständische Firmen mit dem Gang ins Ausland immer noch schwer. Bei den Automobilzulieferern etwa spüren 65 Prozent der Unternehmen den von der Globalisierung ausgehenden Druck zur Produktionsauslagerung nach eigener Aussage sehr stark. Dennoch will nur ein Viertel der Mittelständler den ins Ausland abwandernden deutschen Automobilherstellern nachfolgen. Gerade einmal 16 Prozent planen Produktionsverlagerungen in die wichtigsten Absatzmärkte. Man hofft, die Maschinen weiterhin in Deutschland bauen zu können - obwohl die Autofirmen 2010 erstmals mehr Fahrzeuge im Ausland produziert haben als in Deutschland. Damit ist durchaus die Gefahr gegeben, dass die Hersteller ihre Maschinenparks zukünftig bei den Herstellern am Produktionsstandort bestellen. Experten glauben, dass diese Entwicklung zu einer starken Zunahme von Fusionen und Übernahmen führen wird. (1), (2)



Trends


Blick in eine noch ferne Zukunft

Visionäre Maschinenbau-Experten haben schon mal einen Blick in das Jahr 2030 gewagt. Sie glauben, dass China, Indien und Brasilien dann einen Anteil am globalen Bruttosozialprodukt von 40 Prozent erreicht haben werden, während Europa auf unter 30 Prozent zurückfällt. Beim Maschinenbau werden China und Indien einen Weltmarktanteil von 60 Prozent erreichen, der Anteil deutscher Hersteller wird bei 15 Prozent erwartet. Damit würde der deutsche Maschinenbau weiterhin zu den wichtigen Marktakteuren gehören, wohingegen die USA, Japan und einige andere europäische Staaten zu den Verlierern gezählt werden müssten. Insgesamt sei damit zu rechnen, dass sich die Wertschöpfungskette weiter stark globalisiert. Dies bedeutet, dass das Modell vom deutschen oder japanischen Hersteller, der seine national entwickelte Technik in andere Länder verschickt, so nicht mehr existiert. (4)



Fallbeispiele


Beumer produziert in den Absatzmärkten

Der Maschinenbauer Beumer aus Beckum will Einfuhrbarrieren umgehen und baut darum Fertigungsanlagen direkt am Absatzort auf. Als wichtigstes zu lösendes Problem erweist sich dabei immer wieder, an den neuen Standorten eine funktionierende Beschaffung sicher zu stellen. Derzeit plant Beumer, den bestehenden chinesischen Produktionsstandort Shanghai zu einem zweiten weltweiten Standbein auszubauen. (3)


SMS Meer investiert in Shanghai

Das Gladbacher Maschinenbauunternehmen SMS Meer hat in Shanghai sein erstes Werk außerhalb Europas eröffnet. 22 Millionen Euro hat sich SMS das neue Werk kosten lassen, in dem einmal 250 Mitarbeiter beschäftigt sein werden. Im Gladbacher Mutterunternehmen arbeiten 1 400 Menschen. Mit dem neuen Werk reagiert der Betrieb auf die steigende Nachfrage chinesischer Hersteller nach deutschen Anlagen für die Stahlverarbeitung. Die Entscheidung für die Shanghaier Dependance fiel, als chinesische Aufträge das wichtigste Standbein für SMS wurden. Derzeit verfügt das Gladbacher Unternehmen über einen Auftragsbestand im Wert von einer Milliarde Euro. (5)


Heidelberger Druck will sich vergrößern

Die Heidelberger Druckmaschinen AG plant bis Mitte 2011 die Ausweitung der Produktionsfläche im chinesischen Qingpu. Das Werk, in dem Standardmaschinen hergestellt werden, soll nach der Erweiterung 66 000 Quadratmeter groß sein. Die Produktionszahlen sollen dann groß genug sein, dass Heidelberg einen Teil der Maschinen von Qingpu aus exportieren könnte. Bisher zieht der Druckmaschinenhersteller ein positives Fazit über sein China-Engagement. Die Produktion direkt am Markt habe dazu geführt, dass die Wettbewerbsposition gestärkt werden konnte. Rund ein Drittel aller in China verkauften Heidelberg-Maschinen entstehen am Standort Qingpu. (6)


Mahle Behr startet Produktion in China

Der Klima- und Kühlanlagenspezialist Mahle Behr Industry hat ein Werk in China eröffnet und startet damit sein erstes Projekt in dem aufstrebenden Schwellenland. Hergestellt werden Kühlanlagen für chinesische Hochgeschwindigkeitszüge. An dem neuen Standort arbeiten derzeit 29 Beschäftigte. Dies soll jedoch erst der Anfang sein - Mahle Behr plant, das Geschäft in China in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen. (7)


Expansion nach China und Indien

Der Autozulieferkonzern Schaeffler will bis zum nächsten Jahr zwei neue Werke in China und eine Fertigungsstätte in Indien errichten. Insgesamt verfügt Schaeffler dann über elf Außenwerke in China, Indien, Korea und Vietnam, in die rund 300 Millionen Euro investiert werden sollen. Die Unternehmensstrategie zielt darauf ab, bis 2012 in Asien mehr als 25 Prozent des Gesamtumsatzes zu erzielen. Derzeit tragen die Märkte in Fernost 22 Prozent zum Konzernumsatz bei. Gleichwohl befindet sich Schaeffler in einer schwierigen Lage. Das Unternehmen stand während der Finanzkrise im Fokus der Berichterstattung, weil es sich mit der Übernahme des Automobilzulieferers Continental übernommen hatte. Seit der Übernahmeschlacht drücken Schaeffler Bankkredite von etwa zwölf Milliarden Euro. In Asien produziert Schaeffler vor allem Wälzlager sowie Motor- und Getriebebauteile für den lokalen Auto- und Maschinenmarkt. (8)


Spezialpumpen made in China

Die schweizerische Sulzer AG wird in China und in Russland neue Produktionsstandorte errichten. Alleine im chinesischen Suzhou sollen für die Herstellung von Spezialpumpen 30 Millionen Schweizer Franken investiert werden. (9)



Zahlen & Fakten



Hohe Zuwächse für den deutschen Maschinenbau

Die deutschen Hersteller sind mit Riesenschritten dabei, die Produktionseinbußen der letzten beiden Jahre wieder aufzuholen. Im November gingen bei den Unternehmen nach Angaben des Branchenverbandes VDMA insgesamt 43 Prozent mehr Aufträge ein als noch vor einem Jahr. Das Niveau des Boomjahrs 2007 ist damit allerdings noch immer nicht erreicht. Die Branche liegt derzeit rund 20 Prozent unter den früheren Rekordwerten. Für 2011 erwartet der VDMA ein Plus von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. (2)



Weiterführende Literatur:

(1.) Gefährliche Heimatliebe
aus DIE WELT, 05.01.2011, Nr. 3, S. 12

(2.) Maschinenbau: Auf nach China!
aus Handelsblatt Nr. 009 vom 13.01.2011 Seite 28

(3.) Glokale statt globale Vernetzung
aus DVZ, Nr. 121 vom 09.10.2010

(4.) Das Modell des klassischen Exporteurs hat sich überholt
aus MM Nr. 1/2 vom 10.01.2011

(5.) SMS Meer investiert in Shanghai
aus IHK-Magazin - Wirtschaftsnachrichten der IHK Mittlerer Niederrhein Nr. 12 vom 15.12.2010 Seite 005

(6.) Heidelberger Druck will chinesischen Standort ausbauen
aus IHK-Magazin - Wirtschaftsnachrichten der IHK Mittlerer Niederrhein Nr. 12 vom 15.12.2010 Seite 005

(7.) Mahle Behr startet Produktion in China
aus DVZ, Nr. 153 vom 23.12.2010

(8.) Schaeffler baut neue Werke in Asien / Markt in Fernost soll 2012 über ein Viertel zum Umsatz des Autozulieferers beitragen
aus Financial Times Deutschland vom 20.07.2010, Seite 5

(9.) Produktion: Maschinenbauer erwarten ruhiges Wachstum
aus VDI NR. 49 VOM 10.12.2010 SEITE 13

R.Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 28.01.2011
Dokument-ID: s_mas_20110128

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