EU-Chemikalienverordnung (REACH) - Systemwandel für die Chemieindustrie endgültig beschlossen

UMWELTMANAGEMENT | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01/2007 vom 03.01.2007

Beitrag

Etwa 100 000 chemische Stoffe werden in der EU in den verschiedensten Produkten verwendet. Von einigen weiß man, dass sie Umwelt oder Gesundheit schädigen können, von anderen wird das vermutet, die meisten aber werden als ungefährlich angesehen. Systematische Untersuchungen gibt es vielfach noch nicht mit REACH wird sich dies nun ändern.




REACH (Registration, Evaluation and Authorization of Chemicals) was lange währt...

Krebs, Allergien, Erbgutschädigungen ... manche Chemikalien können auf Gesundheit von Mensch und Tier und auf die Umwelt im allgemeinen eine verheerende Wirkung entfalten. Für Neuzulassungen von Chemikalien gibt es deshalb schon seit vielen Jahren ein kompliziertes Zulassungsverfahren, das sicher stellen soll, dass von den Stoffen keinerlei Gefahren ausgehen. Eine Grauzone bildeten bisher die rund 100 000 chemischen Substanzen, die vor 1981 auf den Markt gebracht wurden. Einige, wie zum Beispiel Asbest, stellten sich als krebserregend oder erbgutverändernd heraus und wurden zwischenzeitlich verboten. Die meisten Substanzen werden aber als ungefährlich angesehen, obwohl keine entsprechenden Tests durchgeführt wurden und standardisierte Produktunterlagen fehlen. (1)

Dabei geht man davon aus, dass heutzutage 75 Prozent aller Krebserkrankungen auf chemische Stoffe zurückzuführen sind und viele Allergien, Erbgutschädigungen und sogar Kreislauferkrankungen von Chemikalien ausgelöst werden. Auf 260 Milliarden Euro schätzt man die krankheitsbedingten Folgekosten in den nächsten 20 Jahren, die durch chemische Stoffe verursacht sind. (8)

Schon im Jahr 2001 hat die EU-Kommission ein Weißbuch für die Neuordnung der Chemikalienpolitik vorgelegt, aus dem in den vergangenen Jahren die REACH-Verordnung in mühsamen Verhandlungen zwischen Industrie, Umwelt- und Verbraucherschützern und Politik entwickelt wurde. Erst im Dezember 2006 konnte ein Kompromiss gefunden werden, der am 13.12.2006 vom Europaparlament mit großer Mehrheit angenommen und am 18.12.2006 von den EU-Umweltministern bestätigt wurde. Nun können die neuen Vorschriften, die nicht erst in nationale Gesetze überführt werden müssen, zum 1. Juni 2007 in Kraft treten, siehe hierzu auch das GBI KnwledgeSummary "REACH Die neue EU-Chemikalienverordnung". (1), (2), (3), (4)


Die Vorschriften

REACH ist kein einfacher Gesetzestext. Die Verordnung allein umfasst 1200 Seiten, die Ausführungsbestimmungen werden ca. 20 000 Seiten lang sein. Andererseits ersetzt REACH 40 bisher gültige Gesetze und führt so zu einer Vereinheitlichung der Vorschriften in Europa. REACH stellt in der Geschichte der Chemie einen Meilenstein dar, weil erstmals die Beweislast für die Ungefährlichkeit bzw. Handhabbarkeit eines Stoffes an den Hersteller übertragen wird. Bisher war es Sache der Behörden, zu beweisen, dass ein Stoff der Gesundheit schadet und deshalb besonders gehandhabt bzw. verboten werden muss. Nun müssen die Chemieproduzenten nachweisen, dass ein Stoff ungefährlich ist oder ohne Gefährdung für Mensch und Umwelt eingesetzt werden kann. (5), (6)

Rund 100 000 Chemikalien gibt es in Europa, von etwa 30 000 wird pro Jahr mehr als eine Tonne produziert. Nur diese Stoffe, egal wann auf den Markt gebracht, unterliegen den REACH-Vorschriften. Diese Substanzen müssen in den nächsten 11 Jahren bei der neuen EU-Chemikalienagentur in Helsinki registriert werden. Je nach produzierter Menge und eventueller Gefährlichkeit des Stoffes muss die Anmeldung allerdings schon früher geschehen, wobei gilt, je mehr produziert wird, desto schneller muss registriert werden. (1), (7)

Neben der Menge werden die Stoffe nach ihrer Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt unterschieden. Stoffe, die ein besonders hohes Gefährdungspotenzial aufweisen, werden mengenunabhängig einem Zulassungsverfahren unterworfen. Diese Chemikalien, die sich beispielsweise im Menschen anreichern und langlebig sind, können zwar registriert, müssen aber ersetzt werden, sofern Alternativen vorhanden sind. Für diese Stoffe müssen die Hersteller einen Substitutionsplan erstellen und umsetzen. Gibt es keine Alternativen, so muss danach geforscht werden. Man schätzt, dass etwa 1 500 Produkte in diese Kategorie fallen werden. (4), (7), (9), (10)

Krebserregende und Erbgut gefährdende Chemikalien müssen von der Chemieagentur ebenfalls zugelassen werden. Dazu muss belegt werden, dass die entsprechende Substanz keine Gefahr für die Gesundheit darstellt, solange gewisse Grenzwerte eingehalten werden. Diese Zulassungen können aber zeitlich befristet werden, damit langfristig weniger gefährliche Alternativen zum Einsatz kommen. Für diese Stoffe sind umfangreiche Tests und Untersuchungen durchzuführen und die Ergebnisse vorzulegen. Etwa 2 500 bis 3 000 Produkte werden als gefährlich eingeschätzt. (10), (11)

Für alle Chemikalien sind gewisse, standardisierte Informationen an die Chemieagentur in Helsinki zu melden. Für gefährliche Produkte sind Testdaten zu erbringen und gegebenenfalls Substitutionspläne zu erarbeiten. Für besonders gefährliche Stoffe sind Verbote möglich. Langfristig soll so das Ziel erreicht werden, dass nur noch ungefährliche Substanzen verwendet werden und in den Stoffkreislauf gelangen. (4)


Auswirkungen auf die Chemieindustrie

Obwohl versucht wurde, die finanziellen Auswirkungen auf die Chemikalienhersteller niedrig zu halten, wird REACH nicht kostenfrei zu verwirklichen sein. Für die zusätzlichen Tests und Untersuchungen werden der Chemieindustrie in den nächsten elf Jahren 2,8 bis 5,2 Milliarden Euro an Kosten entstehen. (12)

Zur Verringerung der Kosten schreibt REACH aber vor, dass Untersuchungsergebnisse zwischen den Unternehmen, die den gleichen Stoff herstellen, ausgetauscht werden müssen. In Substance Information Exchange Foren sollen die Firmen zusammenarbeiten, Eigentümer von Studien sollen Kostenbeteiligungen verlangen können. Teure Tierversuche müssen durch alternative Methoden ersetzt werden, sofern verfügbar. (1), (13), (14)

Zur Wahrung des Eigentümerschutzes unterliegen Betriebsgeheimnisse sechs Jahre lang der Vertraulichkeit, für Prüfdaten beträgt der Schutz zwölf Jahre. Bei einer Zweitregistrierung muss eine Kostenbeteiligung an den Ersteigentümer geleistet werden. Wirtschaftliche Belange wurden also in großem Umfang berücksichtigt. (15), (16)



Fallbeispiele



Die Registrierungskosten sind vor allem für kleinere Betriebe nicht unerheblich. Die Firma Zschimmer & Schwarz, Lahnstein rechnet mit Kosten in Höhe von 20 Prozent des Jahresumsatzes von 150 Millionen Euro dafür. Die Firma Brüggemann Chemical, Heilbronn wird für sein wichtigstes Produkt bis zu einer Million Euro aufwenden müssen. (19)

Hilfe bei allen Fragen rund um REACH soll die Auskunftsseite www.reach-net.com bieten. Der Dienst soll vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen Unterstützung leisten. Eingehende Fragen werden an ein virtuelles Kompetenzzentrum von 30 Fachleuten weitergeleitet und dort bearbeitet. Jede Antwort wird als abrufbares Wissen ins Internet gestellt. (20)


Weiterführende Literatur:

(1.) Köhler, Wolf, Das REACH-Syndrom: Unheilbar aber nicht tödlich, Kunststoffe Werkstoffe, Verarbeitung, Anwendung, Heft 10/2006, S. 38-48
aus Kunststoffe - Werkstoffe, Verarbeitung, Anwendung, Heft 10/2006, S. 38-48

(2.) Reckmann, Jörg, Kompromiss gefunden, Kölner Stadtanzeiger, 14.12.2006
aus Kunststoffe - Werkstoffe, Verarbeitung, Anwendung, Heft 10/2006, S. 38-48

(3.) O.V., EU-Chemie-Richtlinie beschlossen, Süddeutsche Zeitung, 19.12.2006, Ausgabe Deutschland, S. 19
aus Süddeutsche Zeitung, 19.12.2006, Ausgabe Deutschland, S. 19

(4.) Bonse, Eric / Grass, Siegfried, Chemie-Richtlinie fast perfekt, Handelsblatt Nr. 234, 04.12.2006, S. 6
aus Süddeutsche Zeitung, 19.12.2006, Ausgabe Deutschland, S. 19

(5.) Ingenrieht, Anja, Chemikalien-Richtlinie ist ein Monster an Bürokratie, Saarbrücker Zeitung, 14.12.2006
aus Saarbrücker Zeitung vom 14.12.2006

(6.) O.V., EU-Chemikalienrecht nimmt vorletzte Hürde, Handelsblatt Nr. 242, 14.12.2006, S. 6
aus Saarbrücker Zeitung vom 14.12.2006

(7.) Reckmann, Jörg, Scharfe Kritik an Chemie-Richtlinie, Frankfurter Rundschau, 14.12.2006, S. 11
aus Frankfurter Rundschau v. 14.12.2006, S.11

(8.) Drewes, Detlef, Jetzt stimmt in Europa die Chemie, Mainpost, Ausgabe 14.12.2006
aus MAINPOST Ausgabe vom 14.12.2006

(9.) Ahrens, Ralph, Chemiekompromiss gefunden, VDI-Nachrichten Nr. 49, 8.12.2006, S. 8
aus VDI NR. 49 VOM 08.12.2006 SEITE 8

(10.) Spielberg, Petra, EU einigt sich auf neues Chemikaliengesetz REACH, Ärzte Zeitung Nr. 227, 15.12.2006, S. 3
aus Ärzte Zeitung Nr. 227 vom 15.12.2006, Seite 3

(11.) Hauschild, Helmut, EU-Staaten und Parlament stimmen für Chemikalienrecht, Handelsblatt Nr. 239, 11.12.2006, S. 6
aus Ärzte Zeitung Nr. 227 vom 15.12.2006, Seite 3

(12.) Natter, Alice, „Wichtig ist, dass ein Prozess in Gang gekommen ist“, Mainpost, Ausgabe 14.12.2006
aus MAINPOST Ausgabe vom 14.12.2006

(13.) O.V., Alternativen dringend gesucht, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50, S. 69
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50, S. 69

(14.) Heissmann, Nicole, „Man darf nicht vor der Masse kapitulieren“, Stern Nr. 50, 07.12.2006
aus STERN Nr. 50

(15.) Schiltz, Christoph, Streit über Chemikalienrecht beigelegt, DIE WELT, 02.12.2006, Nr. 282, S. 12
aus DIE WELT, 02.12.2006, Nr. 282, S. 12

(16.) Mai, Christine, EU weicht Regeln zur Chemiekontrolle auf, Financial Times Deutschland, 04.12.2006, S. 15
aus Financial Times Deutschland vom 04.12.2006, Seite 15

(17.) O.V., Ein Regelwerk für 30 000 Stoffe, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2006, Nr. 291, S. 13
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2006, Nr. 291, S. 13

(18.) O.V., Im kommenden Jahr beginnt der Aufbau der neuen Chemieagentur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2006, Nr. 289, S. 22
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2006, Nr. 289, S. 22

(19.) Mai, Christine / Smolka, Max / Wihofszki, Oliver, Industrie fürchtet Kosten durch Reach, Financial Times Deutschland, 14.12.2006, S. 14
aus Financial Times Deutschland vom 14.12.2006, Seite 14

(20.) Ahrens, Ralph, Lichtblick bei der Umsetzung der EU-Chemikalienverordnung, VDI-Nachrichten Nr. 48, 01.12.2006, S. 14
aus VDI NR. 48 VOM 01.12.2006 SEITE 14

Autor GENIOS WirtschaftsWissen: I.Zeilhofer-Ficker
Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01/2007 vom 03.01.2007
Dokumentnummer: c_umwelt_20070103

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