Ärger um hohe Stromkosten: Energieversorger geraten zunehmend unter Druck

WIRTSCHAFTSRECHT UND -POLITIK | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 05/2010 vom 03.05.2010

Mit der Liberalisierung des Energiemarktes ist es nicht weit her. Das behaupten zumindest Kritiker. Ihr wichtigstes Argument: Noch immer kontrollieren drei große Versorger den deutschen Markt: E.ON, RWE und EnBW. Zusammen halten sie rund 45 Prozent der Anteile und diktieren nach wie vor die Preise. Und dennoch: Schießt die Kritik nicht über das Ziel hinaus? Immerhin sind mittlerweile schon über zehn Jahre ins Land gegangen, seit das Energiemonopol in Deutschland aufgehoben wurde. Außerdem wetteifern hierzulande rund 900 Energielieferanten um die Gunst der Kunden - mehr als in jedem anderen Land Europas. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte. (1)


2009 kletterten die Strompreise auf ein Rekordhoch

Tatsache ist, dass der Wettbewerb unter den Energieversorgern voll im Gange ist. Allerdings scheint er bei den deutschen Privathaushalten noch nicht ganz angekommen zu sein. 2008 wechselten rund 2,3 Millionen Verbraucher ihren Stromanbieter; unter den Gaskunden waren es lediglich 384 000. Wahr ist auch, dass die Energiekosten in Deutschland günstiger sein könnten, als sie es tatsächlich sind. Verbraucherzentralen, aber auch die EU monieren schon seit langem die Politik der Energieversorger und fordern eine Senkung der Preise. Und das mit gutem Grund: Denn trotz der zahlreichen Wahlmöglichkeiten, die der Verbraucher hat, sind die Ausgaben für Strom im letzten Jahr auf Rekordhöhe geklettert. Ein Durchschnittshaushalt bezahlte für seine Energie im Mittel 804 Euro. Das waren 51 Euro mehr als noch im Jahr zuvor. Im Jahresmittel zogen die Ausgaben um rund sieben Prozent an. Insgesamt belasteten die Preiserhöhungen die Bundesbürger um über zwei Milliarden Euro mehr als im Jahr 2008. (2), (3), (4)

Nicht nur den Verbrauchern, auch der Europäischen Union ist die Preispolitik der Energieversorger ein Dorn im Auge. Sie versucht daher bereits seit Jahren, die Energieriesen zur Räson zu bringen, damit sie ihre Preise senken - bisher vergeblich. Günther Oettinger, ehemaliger baden-württembergischer Ministerpräsident und seit Februar dieses Jahres EU-Kommissar für Energie, will den Kampf erneut aufnehmen. Er verkündete zumindest in einem Interview mit einer großen deutschen Tageszeitung, dass es ein "wesentliches Ziel europäischer Energiepolitik" sein müsse, "dass der teilweise drastische Anstieg der Strompreise gedrosselt wird". Neben den Privathaushalten hat Oettinger dabei vor allem auch das Wohl der europäischen Unternehmen im Blick. Sie könnten nur dann mit der internationalen Konkurrenz mithalten, so sein Argument, wenn die Energiekosten im Rahmen blieben. (3)


Energieversorger rechtfertigen Preiserhöhungen mit hohen Beschaffungskosten

Trotz dieser harschen Kritik beharren die deutschen Energieversorger stur auf ihren Preiserhöhungen. Sie rechtfertigen sie vor allem mit gestiegenen Beschaffungskosten. Sie selbst hätten den Strom zwei Jahre vorher für viel Geld an der Leipziger Strombörse eingekauft; die jüngsten Steigerungen seien daher unumgänglich gewesen. Die Bundesnetzagentur hält diese Erklärung für fadenscheinig. Ihr Präsident, Matthias Kurth, nimmt jedenfalls kein Blatt vor den Mund, wenn er sagt, es sei für ihn unvorstellbar, dass sich alle 900 Versorger zugleich mit Strom zu ungünstigen Konditionen eingedeckt hätten. Das Hickhack macht wenigstens eines deutlich: Die Preispolitik der deutschen Energieversorger ist ein ungeheuer weites Feld, auf dem selbst Experten leicht den Überblick verlieren. Dem Kunden ist angesichts dieser verworrenen Situation nur zu raten, dass er von seiner Wechselmöglichkeit Gebrauch macht. Das zumindest ist leicht und spart im günstigsten Fall einige Hundert Euro pro Jahr an Energiekosten. (5)



Trends

Die Bundesnetzagentur macht Verbrauchern Hoffnung auf sinkende Strompreise. Grund für diesen optimistischen Ausblick ist die künftige engere Zusammenarbeit zwischen den vier Betreibern, die sich das nationale Verbundnetz teilen. Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, erhofft sich jährliche Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe, von der auch die Endkunden in Form von niedrigeren Energiekosten profitieren könnten. Auch Analysten von HSBC, dem größten Finanzdienstleister der Welt, rechnen in Zukunft mit geringeren Strompreisen. Sie führen allerdings den Überschuss von Gas auf dem europäischen Markt ins Feld, der sich auch positiv auf die Höhe der Strompreise auswirken soll. (6), (8)

Der Bundesgerichtshof hat kürzlich entschieden, dass die Höhe der Gaspreise für Endkunden nicht mehr zwangläufig an die Ölpreisentwicklung gekoppelt sein soll. Dies stärkt zwar die Rechte der Verbraucher. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob sie davon tatsächlich in Form niedrigerer Gaspreise profitieren werden. Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), trübte zumindest schon einmal vorsorglich allzu hohe Erwartungen. Er wies darauf hin, dass mit dem Urteil "keineswegs irgendwelche Aussagen über die Höhe von Gaspreisen getroffen wurden". (9)


Fallbeispiele

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hat ausgerechnet, dass die Preise an der Leipziger Strombörse seit letztem Jahr durchschnittlich um 40 Prozent eingeknickt sind. Da der Anteil des Börsenpreises an den Kosten, die der Verbraucher trägt, rund ein Viertel ausmacht, "hätte der Strompreis um mindestens zehn Prozent sinken müssen", argumentiert ein Sprecher der Interessensvertretung. Stattdessen hat die Entega Vertrieb GmbH & Co. KG, ein großer regionaler Energieversorger, die Preise nach oben geschraubt - und das, obwohl der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft schon Ende 2008 niedrigere Preise für den Endkunden versprochen hat. Entega rechtfertigte seinen Schritt mit höheren Kosten, die das "Erneuerbare Energien Gesetz" (EEG) verursacht habe. (2)

Privathaushalte können bereits seit Jahren die Preise, die deutsche Energieversorger für Strom und Gas verlangen, miteinander vergleichen. Internetportale wie www.verivox.de oder www.toptarif.de geben zuverlässig Auskunft und bringen Licht ins Dunkel der oft verwirrenden Angebote. Für Mittelständler fehlte diese Möglichkeit bisher. Die Lücke hat jetzt die Internet-Start-Up-Agentur www.energiemarktplatz.de geschlossen. Mit ihrer Hilfe hat beispielsweise das Hamburger Hafenkrankenhaus in 16 Monaten rund 10 000 Euro eingespart - immerhin zirka zehn Prozent der bisherigen Energiekosten. (7)



Weiterführende Literatur:

(1.)Stromversorger
aus billig.strom.1tipp.de

(2.) Ärger über hohe Strompreise. ENERGIE Konzerne geben Einsparungen nicht an Kunden weiter
aus Allgemeine Zeitung vom 10.03.2010

(3.) Für stabile Strompreise
aus Hamburger Abendblatt, 15.02.2010, Nr. 38, S. 18

(4.) Rekord: Hohe Strompreise
aus Hamburger Abendblatt, 09.01.2010, Nr. 7, S. 50

(5.) Netzagentur hält Strompreise für zu hoch
aus Stuttgarter Zeitung, 24.03.2010, S. 9

(6.) Strompreise könnten bald sinken
aus Hamburger Abendblatt, 17.03.2010, Nr. 64, S. 19

(7.) Start-up: Matthias Meyn ist der Alptraum der Energieversorger. Sein Unternehmen bringt Licht ins Dunkel der unübersichtlichen Strompreise für den deutschen Mittelstand
aus Handelsblatt Nr. 043 vom 03.03.2010 Seite 61

(8.) HSBC senkt die deutschen Energieversorger Eon und RWE auf "Neutral"
aus HANDELSBLATT online 31.03.2010 14:52:02

(9.) Gaskunden profitieren von klareren Verträgen
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2010, Nr. 71, S. 11

H.Reil
Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 05/2010 vom 03.05.2010
Dokumentnummer: c_wipol_20100503

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