Insolvenzen - eine Erscheinung der Wirtschaftskrise

WIRTSCHAFTSRECHT UND -POLITIK | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 07/2009 vom 23.07.2009

Die durch Unternehmensinsolvenzen entstandenen Verluste und Schäden liegen im ersten Halbjahr bei 20,8 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr sind dies 5,5 Milliarden Euro mehr. Durch Insolvenz sind 254 000 Arbeitsplätze bedroht; diese Zahl stieg um 54,4 Prozent (Vorjahr: 164 500). Am deutlichsten ist der Anstieg der Insolvenzen im verarbeitenden Gewerbe: Hier erhöhte sich die Zahl der Konkurse um 31,4 Prozent auf 1 550 betroffene Betriebe (Vorjahr: 1 180). In der Baubranche meldeten hingegen 2 680 Betriebe Insolvenz an (Vorjahr: 2 490).
Weitere Fälle werden folgen: Eine aktuelle Prognose der Euler Hermes Kreditversicherungs-AG prophezeit eine bundesweite Zunahme von Firmeninsolvenzen von 19,5 Prozent auf 35 000. Und 2010 sollen die Insolvenzen nochmals steigen um 11,1 Prozent auf 38 900. (1), (2)


Maschinenbau leidet besonders

Gerade im Maschinenbau sind besonders viele Unternehmen betroffen. Die Quote der Insolvenzen ist von Januar bis März im Vergleich zum Vorjahr um 73 Prozent gestiegen. Und Schätzungen zufolge wird etwa ein Viertel der 6 000 Maschinenbauer die Krise nicht überleben. Von den insgesamt 975 000 Mitarbeitern der Industriebranche befindet sich derzeit rund ein Fünftel in Kurzarbeit. Bis Jahresende wird geschätzt, dass rund 60 000 Stellen abgebaut werden. (3)

Auch die Automobilindustrie mit ihren Zulieferern hat unter der momentanen wirtschaftlichen Lage schwer zu leiden. Der Umsatz der Autozulieferer schrumpfte im ersten Quartal um 35 Prozent. Der Umsatzeinbruch hat Folgen: So mussten seit November 2008 rund 50 der 1 000 Zulieferer in Deutschland Insolvenz anmelden, dort waren mehr als 50 000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Umsätze der insolventen Firmen betrugen zusammen neun Milliarden Euro; die gesamte Branche kommt auf 75 Milliarden Euro. Dabei ist zum einen die Krise in der Autoindustrie ein Grund für die Schwierigkeiten der Autozulieferer. Zum anderen leiden die Unternehmen auch unter der restriktiven Kreditvergabe-Praxis der Banken. Und es drohen weitere Insolvenzen. Experten sprechen gar von einem Flächenbrand. Jede vierte Insolvenz ist laut Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG auf das schlechte Zahlungsverhalten der Kunden zurückzuführen. (1), (4), (5)


Abwenden einer Insolvenz dank Staatshilfe
Die Gefahr einer Insolvenz lässt sich gelegentlich abwenden. Hier war zuletzt immer häufiger der Staat gefragt. Gerade im Fall des Autoherstellers Opel wurden Rufe nach staatlicher Finanzhilfe laut. Doch Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zog auch eine Insolvenz in Betracht. Der Politiker fordert immer wieder, klare Konzepte von den Unternehmen, die eine staatliche Bürgschaft oder Kredite beantragen. Dabei müssten klare Kriterien erfüllt sein, und auch Großkonzerne dürften kleinen oder mittelständischen Betrieben nicht vorgezogen werden - nur mit Blick auf die eigene Politiker-Popularität. (5)



Trends Momentan lassen sich keine sicheren Prognosen über das Ende der Wirtschaftskrise machen. Mal zeigen sich kleine Aufwärtstrends, mal stagniert die Wirtschaft; mal kündigen aber auch Experten wieder ein neues Tief an. Dabei leiden die Firmen besonders. Selbst Unternehmen, die jetzt noch genügend Aufträge haben, fürchten das Tief. Gerade im Maschinenbau arbeiten viele Unternehmen die aktuellen Aufträge ab. Doch bald droht das Loch - dann müssen Mitarbeiter entlassen werden. Die Insolvenz droht. Dagegen scheint es momentan kein Patentrezept zu geben. Trends

Momentan lassen sich keine sicheren Prognosen über das Ende der Wirtschaftskrise machen. Mal zeigen sich kleine Aufwärtstrends, mal stagniert die Wirtschaft; mal kündigen aber auch Experten wieder ein neues Tief an. Dabei leiden die Firmen besonders. Selbst Unternehmen, die jetzt noch genügend Aufträge haben, fürchten das Tief. Gerade im Maschinenbau arbeiten viele Unternehmen die aktuellen Aufträge ab. Doch bald droht das Loch - dann müssen Mitarbeiter entlassen werden. Die Insolvenz droht. Dagegen scheint es momentan kein Patentrezept zu geben.

Fallbeispiele

General Motors ist ein besonders prominentes und großes Opfer der Finanzkrise. Der Versuch, den amerikanischen Autobauer mit mehr als 20 Milliarden Dollar Subventionen zu retten, schlug fehl. Im Juni 2009 musste der Konzern doch Insolvenz anmelden. Jetzt steigt der Konzern fast wie Phoenix aus der Asche: Das ist nur möglich, da der Leiter der us-amerikanischen Auto-Task-Force, Steve Rattner, sich auf eine Spezialregelung beruft: den Paragrafen 363 des Chapter-11-Verfahrens, mit dem in den USA insolvente Firmen unter Gläubigerschutz gestellt werden. So kann sich ein Käufer eines insolventen Unternehmens Teile aussuchen, die er übernehmen will. Die damit verbundenen Verpflichtungen übernimmt er nicht. Und dazu bedarf es nur der Genehmigung des Richters, nicht der Zustimmung der Gläubigen. Bei Chrysler war dieses Verfahren - dank Rattner - bereits erfolgreich. Nach 42 Tagen war die Insolvenz durch. Bei GM, das jetzt New GM heißt, sollen Kosten gespart werden: weniger Marken, weniger Werke, weniger Händler. Am Schluss sollen vier Kernmarken übrig bleiben: Chevrolet, Cadillac, Buick und GMC. Saturn, Saab, Hummer und Opel sollen unter neuen Eigentümern weitergeführt werden. Und Pontiac wird es in Zukunft nicht mehr geben.
Brutto beliefen sich die GM-Schulden auf 173 Milliarden Euro Schulden; netto waren es 54,4 Milliarden Dollar, die auf 17 Milliarden eingedampft werden konnten. New GM wird künftig von den Regierungen der USA und Kanadas beherrscht mit rund 72 Prozent. Im Gegenzug pumpen sie weitere 30 Milliarden ins Unternehmen. (6)

Das Rennen um Opel ist knapp. Im Zuge der GM-Insolvenz steht es auch um den deutschen Autobauer schlecht. Nun suchen GM und die deutsche Politik einen neuen Eigentümer. Denn der Staat hatte im Mai 1,5 Milliarden Euro in den Rüsselsheimer Autobauer gesteckt und sich so ein Mitspracherecht beim Verkauf gesichert. Doch nun sind sie sich nicht einig. GM würde Magna (Kanada) und RJH (Belgien) als Favoriten sehen. Die deutsche Regierung steht laut Regierungssprecher am ehesten hinter Magna. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg aber zieht immer noch ein Insolvenz als eine der Lösungen in Betracht.

Quelle Es war wieder eine dieser Nachrichten, die alle aufhorchen ließen: Quelle muss Insolvenz anmelden. Im Zuge der Arcandor-Pleite war auch Quelle in die roten Zahlen geraten. Der Katalog konnte nicht gedruckt werden. Nun begann das bange Warten auf den angekündigten Massekredit, der erst Mitte Juli freigegeben wurde. Erst dann konnten Rechnungen der Druckereien und vom Versender DHL bezahlt werden. Der Winterkatalog wurde doch gedruckt und kann an die Kunden gehen. (7)

Es sollte ein ganz großer Coup werden: Die Zusammenführung von Schaeffler und Conti: Das fränkische Familienunternehmen kündigte im Sommer 2008 die Übernahme des großen angeschlagenen Dax-Konzerns an. Am Ende sollte das Ergebnis ein Gemeinschaftsunternehmen mit weltweit 220 000 Mitarbeitern, 35 Milliarden Euro Umsatz und drei Milliarden Vorsteuergewinn sein. Doch es kam anders. Nach einem knappen Jahr steht das Unternehmen jetzt vor einem Schuldenberg von insgesamt 22 Milliarden Euro. Schaeffler hatte die Aktien noch vor der Wirtschafts- und Finanzkrise zu einem aus heutiger Sicht extrem hohen Preis von 75 Euro je Aktie erworben und sich damit auch verschuldet. Bereits zuvor hatte sich das Familienunternehmen 28 Prozent an Conti gesichert. Heute stehen Conti-Aktien bei etwa 31 Euro. (8)

Auch Universitäten können insolvent gehen. So droht der privaten International University in Bruchsal das Aus. Der Betreiber Educationtrend GmbH will sich zurückziehen. Möglicherweise übernehmen Professoren der Hochschule die finanziell klamme Universität. (9)


Weiterführende Literatur:

(1.) Wenn Kunden ihre Rechnung nicht bezahlen
aus IHK-Magazin - Wirtschaftsnachrichten der IHK Mittlerer Niederrhein Nr. 07 vom 15.07.2009 Seite 10

(2.) Insolvenzen steigen
aus Verkehrs Rundschau, Heft 27-28/2009, S. 39

(3.) Jeder vierte Maschinenbauer von Insolvenz bedroht
aus DIE WELT, 13.07.2009, Nr. 160, S. 10

(4.) Trübe Aussichten
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2009, Nr. 157, S. 19

(5.) Guttenberg macht den Erhard
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2009, Nr. 161, S. 13

(6.) Keine 17 Meetings
aus WirtschaftsWoche NR. 029 VOM 13.07.2009 SEITE 052

(7.) Zwei Pleiten abgewendet - aber nicht nur gute Nachrichten
aus Welt am Sonntag, 12.07.2009, Nr. 28, S. 30

(8.) Zwei Männer, (k)ein Plan
aus Handelsblatt Nr. 132 vom 14.07.09 Seite 10

(9.) Privatuni in Turbulenzen / Privatuni in Geldnot
aus Süddeutsche Zeitung, 14.07.2009, Ausgabe Deutschland, Bayern, München, S. 5

Autor GENIOS WirtschaftsWissen: S.Kneer<b>Autor GENIOS WirtschaftsWissen: </b><b><i>S.Kneer</i></b>
Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 07/2009 vom 23.07.2009
Dokumentnummer: c_wipol_20090723

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