Compliance - Interne Kontrollsysteme zur Corporate Governance muss das Controlling steuern

CONTROLLING | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01/2009 vom 08.01.2009

Beitrag

In den vergangenen Jahren hat es einige Skandale in Unternehmen gegeben. Sie waren alle unterschiedlich motiviert, sei es durch Korruption oder durch Fehlspekulationen und vieles andere. Unternehmensexterne fordern nun eine zunehmende Kontrolle.


Corporate Governance steht bei CEOs ganz oben auf der Tagesordnung

Das Thema Corporate Governance steht auf der Agenda vieler Unternehmenslenker ganz oben und hat damit auch die Arbeit des Controllers beeinflusst.
Die Sichtweise des Controllers ist nach innen gerichtet, seine Arbeitsgrundlage sind Daten aus unternehmensinternen Quellen. Der Controller als betriebswirtschaftlicher Berater der Unternehmensführung genießt ein großes Vertrauen. Die Frage ist, ob durch eine Zunahme an Gesetzen und Richtlinien die Führung eines Unternehmens verbessert werden kann. (2)


Die zunehmende Regulierungsdichte verändert den Schwerpunkt der Aufgaben des Controllings

Die Regulierungsdichte nimmt zu und damit muss sich auch das Controlling zunehmend mit den daraus resultierenden Vorgaben beschäftigen. Steuerliche Vorschriften haben direkten Einfluss auf Controllinginstrumente wie die Gestaltung von Verrechnungspreisen. Aber auch die funktions- bzw. abteilungsübergreifende Steuerung des Controllings ist von regulatorischen Vorgaben betroffen. (1)
Regulierung betrifft vor allem Bereiche wie Sicherheit, Umweltschutz und Arbeitsrecht. Ebenso können Rechnungslegungsvorschriften davon berührt sein.
Grund dieser regulatorischen Vorgaben ist die Verpflichtung der Unternehmen, ihr Handeln so zu beeinflussen, dass andere Akteure nicht von den Aktivitäten des Unternehmens negativ beeinflusst oder benachteiligt werden, da sie nicht genügend geschützt sind. (1)
Zu unterscheiden sind Vorgaben, die das Controlling
- direkt betreffen
- mittelbar durch die Interaktion mit anderen Unternehmens- oder Funktionsbereichen und deren Vorgaben betreffen
- dadurch betreffen, dass das gesamte Geschäft des Unternehmens regulatorischen Vorgaben unterliegt. (1)


Das Thema Corporate Governance liegt im Trend und hat großen Einfluss auf das Controlling

Im Unterschied zum Controlling befindet sich das Thema Corporate Governance derzeit in einer Boom-Phase. Alleine Google weist elf Millionen Fundstellen auf. Corporate Governance ist das Steuerungssystem für das Verhalten der Unternehmensleitung.
Die vielen vertraglichen, freiwilligen aber auch gesetzlich verpflichtenden Regelungen der letzten Jahre haben die Arbeit des Controllers verändert. Compliance ist in den Fokus der Controllingtätigkeit gerückt. Er soll sich in Zukunft deutlich stärker um die Einhaltung der verschiedenen Reglungen kümmern.
Das Controlling ist eine rein betriebswirtschaftlich orientierte Disziplin. (2)
Die regulatorischen Vorgaben und ihre Berücksichtigung gehören nicht zu den originären Aufgaben des Controllings, sondern stellen Nebenbedingungen dar, die bedingen, dass die Unternehmensziele unter Berücksichtigung dieser Nebenbedingungen bestmöglich zu erreichen sind. (1)
Über das Risikomanagement besteht die engste Verknüpfung des Controllings mit Funktionen der Unternehmensüberwachung. Der primäre Fokus des Controllings liegt in der Performance-Steigerung und wird jetzt mit Compliance-Themen erweitert, um das wirtschaftliche Handeln mit regulatorischen Vorgaben in Einklang zu bringen. (1)
Dem Controlling kommt im Hinblick auf Compliance die Aufgabe zu, die Auswirkungen regulatorischer Engriffe in den Entscheidungsprozess des Unternehmens zu integrieren. Dafür muss das Controlling auch Änderungen der Regulierung voraussagen. Bei Investitionsentscheidungen muss sichergestellt werden, dass eine risikoangemessene Rendite erwirtschaftet wird. (1)
Damit gewinnen durch die zusätzlichen Aufgaben im Rahmen der Corporate Governance auch juristische Themen an Bedeutung. Daher bekommt das Urteil der Juristen mehr Gewicht sofern Fragen der Einschätzung juristischer Risiken aufkommen. Die Frage ist allerdings, inwieweit es sich ein Unternehmen leisten kann, zweigleisig (Governance und Controlling) zu fahren, wenn es um die Abschätzung und Bewertung von entscheidungsrelevanten Sachverhalten geht. Das Problem besteht darin, dass juristische Einschätzungen die betriebswirtschaftlichen Überlegungen überlappen. (2)


Verschiedene Vorgaben müssen im Rahmen der finanzwirtschaftlichen Steuerung des Unternehmens vom Controlling beachtet werden

Die Ermittlung von Verrechnungspreisen wird durch steuerrechtliche Vorschriften wie z. B. das Außensteuergesetz oder die Verwaltungsgrundsätze geregelt. Rechnungslegungsstandards können die Arbeit des Controllings ebenso beeinflussen. Aber auch die mittelbaren Vorgaben, die sich über andere Funktionsbereiche auswirken, und die insbesondere die Vorgaben der Corporate Governance betreffen, beeinflussen die Arbeit des Controllings. Das Controlling ist inzwischen zu einer sehr interaktiven Funktion geworden, was große Auswirkungen auf die Arbeit wie auch die Organisation des Controllings hat. (1)
Zu beachten ist, dass die Vorgaben des Regulierers unmittelbaren Einfluss auf die Gestaltung des Informationssystems haben können. Gerade in den Bereichen Preis- und Gewinnregulierung bestehen häufig sehr strikte Vorgaben. (1)
Regulatorische Belange können kostenmäßig nicht einfach in die bestehende Kostenrechnung übernommen werden. Hierfür müssen eigene regulatorische Kostenkonzepte wie z. B. die langfristigen Kosten der effizienten Leistungsbereitstellung im Telekommunikationsbereich herangezogen werden. (1)
Die Kontrolle und Planung des Unternehmens und die Ausgestaltung des Informationssystems müssen die Compliance mit den regulatorischen Vorgaben sicherstellen. (1)
Die Symbiose aus einem Controller und einem Compliance-Verantwortlichen muss sich mit folgenden Themen beschäftigen:
- Aufbau eines internen Informationssystems
- Aufbau eines internen Kontrollsystems
- Identifikation von Risiken
- Aufbau eines internen und externen Kommunikationssystems
(2)


Eine Vielzahl von regulatorischen Bestimmungen aus unterschiedlichen Institutionen bestimmen das unternehmerische Handeln

Internationale und nationale Bestimmungen zwingen Unternehmen dazu, ein internes Kontrollsystem zu etablieren. Zu den internationalen Regularien gehört der Sarbanes Oxley Act.
Gemäß dem deutschen Aktiengesetz können die Leistungspflicht wie auch die Sorgfaltspflicht des Vorstands entsprechend regulatorisch interpretiert werden. Die Entdeckung von Fehlentwicklungen und die damit mögliche Einleitung von geeigneten Gegenmaßnahmen werden ermöglicht. Ebenso das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) fordert nach geeigneten Maßnahmen zur Einrichtung eines Überwachungssystems. Auch das Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG) verlangt, dass ein solches System vom Abschlussprüfer in der Prüfung des Jahresabschlusses mitberücksichtigt wird. Daraus folgt dann auch im Lagebericht eine Beurteilung der voraussichtlichen Entwicklung des Unternehmens mit allen wesentlichen Chancen und Risiken. (3)
Verantwortlich für die Finanzskandale und Firmenpleiten der vergangenen Jahre waren häufig fehlerhafte Jahresabschlüsse, lückenhafte interne Kontrollsysteme oder das Versagen der externen oder internen Revision. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist inwieweit denn der Aufsichtsrat seiner Kontrollfunktion nachgekommen ist. Denn er muss sich ein eigenständiges Bild von der Revision des Unternehmens und des internen Kontrollsystems machen, um den Jahresabschluss entsprechend zu bewerten. (4)
Nicht nur staatliche Institutionen erstellen regulatorische Vorgaben, sondern auch privatwirtschaftliche, wie z. B. COSO (Committee of Sponsoring Organizations of the Treadway Commission). COSO hat mit seinem COSO-Modell einen Standard für die Interne Kontrolle gesetzt hat, der inzwischen auch von der SEC (United States Securities and Exchange Commission) anerkannt ist. (1)



Fallbeispiele



Dr. Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Merck KGaA sieht eine Vorherrschaft von juristisch geprägter Corporate Governance in Unternehmen als gefährlich an. Das Miteinander von Unternehmen und ihren Stakeholdern wird dann durch eine Kontrollmanie beherrscht und führt auch zu unternehmerischen Entscheidungen, die nicht mehr rein am Markt, sondern eben an regulatorischen Vorgaben orientiert sind. Das führt dazu, dass das Unternehmen durch die Corporate Governance und ihre Vertreter im Unternehmen gesteuert werden und nicht mehr durch den CEO. Außerdem sieht Kley auch die Controlling-Funktion gefährdet, da sie immer stärker in einem juristisch geprägten Umfeld operiert, was ihrer eigentlichen Funktion und Aufgabe als betriebswirtschaftlicher Berater aber widerspricht. Kley sieht vielmehr die Schaffung eines guten Wertesystems im Unternehmen, verbunden mit einer Vertrauenskultur als sinnvoll und notwendig an. (6)

Gerade sektorspezifische regulatorische Vorgaben z. B. für die Arzneimittelindustrie bei der Zulassung von neuen Medikamenten wie aber auch preis- und gewinnregulierende Vorgaben für netzgebundene Infrastrukturen wie Strom, Gas, Wasser, Telekommunikation und Transport können unmittelbare Vorgaben für das Controlling beinhalten. (1)

Das Risikocontrolling muss ein Früherkennungssystem regulatorischer Veränderungen installieren und dabei die Investitionsbetrachtungen integrieren. Denn einer Studie aus dem Jahre 2005 der Economic Intelligence Unit zu folge sind die Hauptprobleme für die Regulierung des Controllings die Prognose regulatorischer Änderungen und die internationale Sicherstellung der Compliance über die Wertschöpfungsstufen hinweg. (1)
Die spektakulären Insolvenzen von Großunternehmen und der damit verbundene große Vertrauensverlust der Kapitalmärkte gegenüber den Unternehmen veranlasste den US-Kongress im Jahre 2002 zur Verabschiedung des Sarbanes-Oxley-Act (SOX). Alle an US-Börsen gelisteten Unternehmen wie auch ihre deutschen Tochterfirmen müssen sich diesen Regelungen unterwerfen. Ein wesentlicher Baustein von SOX ist die Einführung eines wirksamen internen Kontrollsystems der Finanzberichterstattung. Das bedeutet zwar Aufwand für die Unternehmen, kann aber gleichzeitig dazu führen, dass ein Anreiz geschaffen wird, diese Steuerungssysteme zu optimieren, um sie auch für Steuerungszwecke zu nutzen.
Das heisst, dass die Controllingfunktion sinnvollerweise bereits in der Konzeptionsphase eines solchen Steuerungssystems berücksichtigt wird, auch wenn ein solches Kontrollsystem auf den ersten Blick nur Fragen des externen Rechnungswesens beantwortet. (3)
Um Transparenz und Corporate Governance zu erhöhen, sind die Unternehmen gezwungen, öffentlich vierteljährlich über ihre Entwicklung zu berichten. Inwieweit eine solche Vorgabe wirklich hilft, die Transparenz zu erhöhen bleibt zu hinterfragen. Die Befürworter sehen in der häufigen, periodischen Berichterstattung für Investoren ein gutes Instrument, immer wieder aktuell über die ökonomische Situation des Unternehmens informiert zu werden. Damit werden auch bessere Investitionsentscheidungen ermöglicht. Die Gegner dieser vierteljährlichen Berichterstattungen monieren, dass damit die Langfristigkeit unternehmerischer Entscheidungen unterminiert wird. Gerade aus Controllingsicht wird ein zu hohes Gewicht auf einen kurzfristigen Erfolgsausweis gelegt. Eine gesunde langfristige Entwicklung wird dadurch häufig erschwert. Eine häufige Darstellung der Situation des Unternehmens kann auch zu höherer Volatilität der Aktienkurse führen, da dann nur der kurzfristige Eindruck diese beeinflusst und die langfristigen Zyklen, die das Geschäft beeinflussen, außer Acht gelassen werden. (5)


Weiterführende Literatur:

(1.) Pedell, Burkhard, Controlling unter dem Einfluss regulatorischer Vorgaben, Controlling, 12/2008, S. 681 688
aus Computer Zeitung, Heft 39, 2008

(2.) Kley, Karl-Ludwig, Controlling zwischen Corporate Governance und Vertrauen, Controlling, 12/2008, S. 701 705
aus Computer Zeitung, Heft 39, 2008

(3.) Wömpener, Andreas, Controlling-Lexikon / Interne Kontrollsysteme (IKS), Controlling, 12/2008, S. 710 711
aus Computer Zeitung, Heft 39, 2008

(4.) Leibfried, Peter / Roffler, Mario, Blindflug im Verwaltungsrat, Das Verstehen von Jahresrechnungen gehört zum Handwerk eines Verwaltungsrats, Neue Zürcher Zeitung, 27.11.208, Nr. 278, S. 31
aus Neue Zürcher Zeitung 27.11.2008, Nr. 278, S. 31

(5.) Jackson, Rowan, Quarterly Reporting: Good corporate governance or an obligation of little value, Accountancy SA, 01.11.2008, S. 26
aus Accountancy SA 01.11.2008, p. 26

(6.) O.V., Controlling durch Corporate Governance gefährdet, is report, 10/2008, S. 8
aus is report, Heft 10/2008, S. 8

Autor GENIOS WirtschaftsWissen: M.Westphal
Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01/2009 vom 08.01.2009
Dokumentnummer: c_control_20090108

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