Elternzeit - Väter zwischen Kind und Karriere

PERSONAL | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 10/2008 vom 02.10.2008

Beitrag

Durch die neue Elternzeitregelung erhoffte sich die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen eine bessere Familienförderung und einen steigenden Anteil an Vätern, die zugunsten ihres Nachwuchses zu Hause bleiben. Gut anderthalb Jahre danach zeigt die Bilanz, dass vor allem Führungskräfte aus Angst vor einem Karriereknick auf die Elternzeit verzichten.


Die neue Elternzeit eine Zwischenbilanz

Seit dem 01.01.2007 gilt in Deutschland das neue Gesetz zur Elternzeit, wonach Eltern die Arbeit aussetzen und dennoch einen Teil ihres Nettogehaltes beziehen können. Nimmt nur ein Elternteil Elternzeit, erhält er bis zu 12 Monate lang Elterngeld. Nehmen beide Elternteile Elternzeit, sind es maximal insgesamt 14 Monate. Voraussetzung ist, dass die Kinder nach dem 31.12.2006 geboren wurden.

Wie die Statistik belegt, sind Väter in Elternzeit immer noch selten. Zwar stammen rund 12 Prozent der bewilligten Anträge auf Elterngeld von Männern, jedoch nahmen die meisten nur die zwei Monate, die notwendig sind, um den Anspruch von 12 auf 14 Monate Elterngeld aufzustocken. Nur zehn Prozent der Männer pausierten für ein volles Jahr. (1)

Nach Angaben einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung können sich nur die wenigsten Männer vorstellen, dauerhaft den Beruf hinten anzustellen und in Teilzeit zu arbeiten. Vielmehr bevorzugen sie eine Vollzeit light Variante mit einer abgespeckten Wochenarbeitszeit, aber mindestens 30 Stunden. (3)


Karrierenachteile für Führungskräfte

Vor allem der Anteil an Führungskräften unter den Elternzeit nehmenden Vätern ist bedeutend gering. Laut einer Umfrage von rund 1 000 Verbandsmitgliedern des Deutschen Führungskräfteverbandes fürchten 59 Prozent der Arbeitnehmer in gehobenen Positionen Karrierenachteile durch eine Auszeit. 73 Prozent gaben an, eine passende Vertretung würde für sie fehlen. Obwohl rund 90 Prozent der Führungskräfte eine Auszeit vom Job für die Familie für sinnvoll halten, glauben nur sechs Prozent an eine Verbesserung der Situation durch die Einführung des Elterngeldes. (1), (2)


Unternehmen in der Verantwortung

Im Widerspruch zu den Befürchtungen der Arbeitnehmer stehen die Aussagen von den Personalern in deutschen Unternehmen. Über 80 Prozent der Personalverantwortlichen halten das Elterngeld für positiv, 71 Prozent fühlen sich mitverantwortlich für die Entscheidung der Beschäftigten, Kinder zu bekommen. Fast zwei Drittel von 508 befragten deutschen Unternehmen unterstützen Väter, die Elternzeit nehmen. (3) Schwierigkeiten erwarteten die Personaler allerdings, wenn sich die Väter für ein Jahr Elternzeit entscheiden. (10)

Einer Studie zufolge könnte das Elterngeld die Unternehmen kurzfristig in Schwierigkeiten bringen. Männer, die Elternzeit nehmen, sind im Durchschnitt fünf Jahre älter als Frauen und haben dadurch verantwortungsvollere Positionen. Die Risiken bei einer Auszeit sind bei Vätern demzufolge größer als bei Müttern. (2)


Wiedereingliederungsprogramme werden in Zukunft wichtig

Für eine erfolgreiche Integration in das Berufsleben nach der Elternzeit müssten die Unternehmen in Zukunft mehr in Wiedereingliederungsprogramme und flexible Arbeitslösungen investieren. Doch bisher wird in dieser Richtung noch wenig getan. Dabei profitieren von solchen Maßnahmen sowohl die Eltern als auch die Unternehmen, wie das Projekt Return der Sparkassen-Finanzgruppe bewiesen hat. Die Integration von Rückkehrern aus der Elternzeit ging mit Hilfe des Projekts schneller und effektiver vonstatten und wirkte sich deutlich auf die Produktivität der Mitarbeiter aus. (8)



Fallbeispiele



Ungeklärte Rechtsprechung: Weil die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young ihrem Angestellten Teilzeitarbeit in der Elternzeit verweigerte, muss sie nun doppelt zahlen: 45 000 Euro handelte der Angestellte in einem Vergleich aus, obwohl er zwei Jahre lang nicht gearbeitet hatte. Eigentlich wollte der Vater ein Grundsatzurteil erklagen, denn die Rechtsprechung ist in diesem Punkt unklar. Sie schreibt dem Arbeitgeber vor, auf den Antrag auf Teil- und Elternzeit innerhalb von vier Wochen zu reagieren, doch steht nirgends geschrieben was die Folge bei Nichteinhaltung der Frist ist. (5)

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen plant gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit ein Wiedereinstiegsprogramm für Berufsrückkehrerinnen aus der Elternzeit. Angesprochen werden Frauen ab Mitte 40, die sich offiziell nicht als arbeitssuchend sehen. Diese bringen oft hohe Qualifikationen mit sich, die von den Unternehmen gesucht werden. Außerdem sollen Projekte mit 14 Millionen Euro aus dem EU-Sozialfond mit der Wirtschaft finanziert werden, die neue Wege zur Wiedereingliederung erproben. Für die Weiterqualifizierung von Frauen stellt die Bundesagentur für Arbeit zusätzlich in diesem Jahr 175 Millionen Euro zur Verfügung. (7)

Entsprechend einer Umfrage des Allensbacher Institutes zum Thema Familie sehen deutsche Bundesbürger nicht nur die Politik in der Verantwortung für die Familienförderung, sondern auch die Unternehmen. 79 Prozent der Befragten meinen, dass die Firmen mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen müssten. Notwendig seien hierfür vor allem flexiblere Arbeitszeiten sowie mehr Kinderbetreuung und Teilzeitarbeitsplätze. Außerdem herrscht der Eindruck, dass sich die Väter mehr als früher um die Erziehung der Kinder kümmern. Für 72 Prozent der Befragten rangiert die Familie vor Freundeskreis, Arbeit und Freizeit. Unter den berufstätigen Vätern sind es 89 Prozent. (6)

Neue Wege zur Wiedereingliederung von Mitarbeitern in der Elternzeit geht die Sparkassen-Finanzgruppe mit dem Projekt Return, das von der Technischen Universität Dortmund konzipiert und bei der Sparkasse Herford zum ersten Mal umgesetzt wurde. Ansinnen des Projekts ist es, die Beschäftigungsfähigkeit von Rückkehrern am Ende der Elternzeit wiederherzustellen. Der Ansatz umfasst folgende Ziele:
-Erleichterung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf
-Fachliche und soziale Anpassung an veränderte Arbeitsbedingungen
-Verringerung der Einarbeitungszeit on the job
-Gestaltung geschäftspolitisch neuer Einsatzmöglichkeiten
-Bindung von qualifizierten Fachkräften an das Institut.

Im Rahmen von Gruppenarbeiten auf Basis von Fallstudien, selbständigem Lernen, Präsenzschulungen, Tele-Tutoring und Maßnahmen zur Kommunikationsförderung konnte anhand einer Vergleichsgruppe, die dieses Programm nicht durchlief, festgestellt werden, dass die Return-Teilnehmer in den ersten sechs Monaten nach Wiedereinstieg im Durchschnitt rund 100 Arbeitsstunden effektiver arbeiteten als die Vergleichsgruppe. (8)

Über die Erfahrungen eines Vaters in Elternzeit berichtet die Frankfurter Rundschau vom 30.07.2008. (9)

Den ersten Platz beim diesjährigen Wettbewerb Deutschlands beste Arbeitgeber des Great Place to Work Institute belegte das IT-Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Consol. Mit flexibler Arbeitszeitgestaltung und Weiterbildungsangeboten werden die Mitarbeiter an das Unternehmen gebunden. Derzeit beschäftigt die Firma ein Ehepaar, dass sich die Kinderbetreuung aufteilt. Die Eltern arbeiten Teilzeit, aber nicht zu festen Tagen und Zeiten, sondern individuell, nach Bedarf. Damit will das Unternehmen die Mitarbeiter motivieren, nach der Elternzeit wieder in die Firma zurück zu kehren. (11)


Weiterführende Literatur:

(1.) Votsmeier, Volker, Prädikat: Familienfeindlich. Arbeitsrecht. Führungskräfte stoßen häufig auf Widerstand, wenn sie mehr Zeit für die Familie haben wollen. So wie Achim Schwarz aus Düsseldorf- der seinen Arbeitgeber sogar verklagt hat, Capital vom 1.8.2008, Seite 86ff.
aus Capital vom 01.08.2008, Seite 86-88

(2.) O.V., In Deutschland herrscht klassische Rollenverteilung. Risikofaktor Vater, Die SparkassenZeitung, Nr. 30 vom 25.7.2008, Seite 6
aus Die SparkassenZeitung, 25.07.2008, Nr. 30, S. 6

(3.) Baer-Henney, Juliane, Berufswandel: Männer würden gerne mehr Zeit für die Familie aufbringen, trauen sich aber (noch) nicht recht. Zwischen Vaterrolle und Karriere, VDI Nr. 25 vom 20.6.2008, Seite 8
aus VDI NR. 25 VOM 20.06.2008 SEITE 8

(4.) Laufer, Barbara, Mütter, lasst die Väter auch erziehen. Oft entstehen Partnerprobleme, weil die Betreuung der Kinder das traditionelle ‚Revier’ der Mütter ist, Die Welt, Nr. 168 vom 19.7.2008, Seite W4
aus DIE WELT, 19.07.2008, Nr. 168, S. W4

(5.) Geilhausen, Stefani, Kompromiss nach Elternzeit, Rheinische Post, Nr. 190 vom 15.8.2008
aus Rheinische Post Nr. 190 vom 15.08.2008

(6.) Woratschka, Rainer, Kindgerecht. Das Allensbach-Institut hat eine Umfrage zum Thema „Familie“ gemacht. Wie beurteilen die Menschen die Familienpolitik in Deutschland? Der Tagesspiegel, Nr. 20016 vom 5.9.2008, Seite 002
aus Der Tagesspiegel Nr. 20016 VOM 05.09.2008 SEITE 002

(7.) Borstel, Stefan von, Hilfen für Mütter beim Wiedereinstieg in den Beruf. Ministerin plant Programm für Rückkehrerinnen, Die Welt, Nr. 191 vom 15.8.2008, Seite 2
aus DIE WELT, 15.08.2008, Nr. 191, S. 2

(8.) Mittelstädt, Ewald / Wiepcke, Claudia, Best-Practice-Qualifizierungsmaßnahme „Return“. Mit E-Learning den demographischen Wandel in Schach halten, Betriebswirtschaftliche Blätter, Nr. 3 vom März 2008, Seite 147
aus Betriebswirtschaftliche Blätter, März 2008, Nr. 03, S. 147

(9.) Schulze, Jana, Vom Vater bemuttert. Ein männlicher Fall von Elternzeit: Klaus Finkbeiner hat sich zwölf Monate nur um seine Tochter gekümmert, Frankfurter Rundschau vom 30.7.2008, Seite 9
aus Frankfurter Rundschau v. 30.07.2008, S.9, Ausgabe: S Stadt

(10.) Berth, Felix, Papa ohne Ausrede. Anders als viele Väter behaupten, begrüßen viele Chefs die Babyzeit, Süddeutsche Zeitung, Ausgabe Deutschland, Bayern, München vom 19.9.2008, Seite 1
aus Süddeutsche Zeitung, 19.09.2008, Ausgabe Deutschland, Bayern, München, S. 1

(11.) Seegmüller, Kirsten, Die Unternehmen müssen die Belange und Zwänge im Privatleben ihrer Mitarbeiter stärker berücksichtigen. Flexibilität und Weiterbildung sind Kulturgüter, Computer Zeitung, Heft 27, 2008
aus Computer Zeitung, Heft 27, 2008

Autor GENIOS WirtschaftsWissen: M.Reiner
Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 10/2008 vom 02.10.2008
Dokumentnummer: c_perso_20081002

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