Windenergie - Insolvenzen und drohende Deckelung trüben die Branchenstimmung

ENERGIE & ROHSTOFFE | GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 17.02.2014


Insolvenzen in der Windbranche

Die deutsche Windbranche startete mit schlechten Unternehmensnachrichten in das neue Jahr. Die Insolvenz des Windkraftunternehmens Prokon aus Itzehoe mit seinen 1 300 Mitarbeitern sorgt seit Jahresbeginn 2014 für Furore. 75 000 Anleger hatten in Genussscheine investiert, jeder im Durchschnitt fast 19 000 Euro, insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Der Windkraftanlagen-Projektierer Windwärts meldete Anfang Februar Insolvenz an. Das Offshore-Unternehmen Bard hat angekündigt, bis Mitte 2014 den Betrieb einzustellen.


Immer mehr Windanlagen an Land

Bei einem Blick auf die Zahlen für das vergangene Jahr hinterlässt die Branche hingegen einen guten Eindruck. Beim Zubau von Windanlagen hätte sie 2013 fast einen neuen Rekord aufgestellt. Es wurden 1 154 Windenergieanlagen an Land mit einer Leistung von 2 998 Megawatt errichtet. Dies bedeutete eine Steigerung der installierten Leistung gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent. Damit waren zum Jahreswechsel insgesamt 23 645 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 33 729 Megawatt installiert. Die kumulierte Leistung stieg vom 31.12.2012 bis zum 31.12.2013 um 8,8 Prozent auf 33 729 Megawatt. Dabei liegen die Länder im Norden Deutschlands, also Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen beim Ausbau weit vorne. Allerdings hat sich Rheinland-Pfalz beim Zubau im vergangenen Jahr den zweiten Tabellenplatz erobert, und Bayern hält mit Rang sechs hinter Brandenburg den Anschluss an die Top 5. Die größten Windturbinen-Hersteller beim Windkraftausbau an Land sind Enercon (Marktanteil 2013: 46 Prozent), Vestas (18 Prozent) und Repower (jetzt Senvion), gefolgt von Nordex. Weitere Player im Markt sind Siemens und (wieder!) GE Energy. Erste Prototypen aufgestellt haben die Schütz-Grupp, W2E und Prokon. Der hierzulande in der Windbranche führende Projektentwickler ist juwi AG. (1), (2), (3)


Immer mehr Windenergieanlagen vor den Küsten Europas

Der Offshore-Ausbau der Windenergie schreitet ebenfalls voran. 48 Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 240 Megawatt wurden 2013 neu ans Netz angeschlossen, 41 davon im Jahr 2013 errichtet. Somit speisten Ende 2013 in der deutschen Nord- und Ostsee 116 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 520,3 Megawatt Strom ins Netz. Ferner stehen aktuell 282 Fundamente und Teilanlagen zum weiteren Ausbau bereit. In deutschen Gewässern fehlte es leider an Seekabeln in der Nordsee, um aufgestellte Anlagen ans Netz zu bringen. Und so konnte der 2002 aufgestellte Rekord beim Zubau von Windenergieanlagen insgesamt an Land und im Wasser knapp nicht übertroffen werden. (4)
Europaweit wurden im vergangenen Jahr mit 1,567 Gigawatt rund ein Drittel mehr Windkraftanlagen vor den Küsten Europas an das Stromnetz angeschlossen als 2012. In Summe liegen die europäischen Offshore-Windkapazitäten jetzt bei 6,6 Gigawatt, verteilt auf 69 Windparks in elf Ländern. Führend ist Großbritannien vor Dänemark, Belgien und Deutschland. Unter den Projektentwicklern blieb die dänische Dong mit einem Anteil von 48 Prozent die Nummer Eins, gefolgt von Bard und Centrica mit je 15 Prozent. Mit Abstand bedeutendster Turbinenlieferant war Siemens mit einem Anteil an der installierten Leistung von 69 Prozent vor Bard, Vestas und Senvion (Repower). Der Hersteller Bard ist mittlerweile insolvent und wird wohl aus dem Markt ausscheiden. (5)


Wachsende Sorgen und verschlechtertes Investitionsklima

Dennoch weisen die zuständigen Branchenverbände (Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE) und VDMA Power Systems) auf ein sich verschlechterndes Investitionsklima hin. Die Sorgen und Befürchtungen bei Windmüllern, Herstellern und Investoren wachsen. Verantwortlich dafür sei die neue Bundesregierung mit ihrem Meseberger Kabinettsbeschluss für die anstehende EEG-Reform 2.0. Den Plänen zufolge soll der weitere Windkraftausbau an Land bei jährlich 2 500 MW gedeckelt werden. Die Branchenverbände lehnen diesen Deckel ab, weil er zum einen kaum Auswirkungen auf die gewünschte Senkung der EEG-Umlage haben werde und zum anderen unklar sei, ob von einem Brutto- oder Nettozubau die Rede ist. Zudem sieht der Kabinettbeschluss vor, dass nur die Windparks die für dieses Jahr vorgesehene Einspeisevergütung für 2014 komplett erhalten, wenn sie alle Genehmigungen bis zum 22. Januar vorliegen hatten. Ab dem 1. August 2014 ist mit einer geringeren Einspeisevergütung zu rechnen. Die Folgen dieses Beschlusses seien bereits spürbar, denn erste Aufträge für Windparks seien bereits storniert worden. (1), (2)


Gute Prognosen für den globalen Windmarkt 2014

Bis zum 1. August 2014 wird der Ausbau der heimischen Windkraft an Land sehr rege sein. Die Investoren werden versuchen, die genehmigten Anlagen zum Laufen zu bekommen, bevor die EEG-Reform in Kraft tritt und die Vergütung sinkt. Branchenverbände rechnen damit dass es in diesem und im nächsten Jahr einen Windkraftausbau an Land und auf See von deutlich über 3 000 MW, wenn nicht sogar 4 000 MW geben wird. (1)
Brancheninsider gehen davon aus, dass auch der Weltmarkt für Windenergieanlagen nach seinem heftigen Einbruch in diesem Jahr auf ein Rekordniveau von 45 000 Megawatt anziehen wird. In 2013 hatte der instabile US-amerikanische Windmarkt dafür gesorgt, dass es global zu einem Einbruch um knapp 15 Prozent auf etwa 39 000 Megawatt gekommen war. In Spanien hat eine rückwirkende Einspeisereform der Windbranche zwar das Vertrauen geraubt, dennoch ist Spanien das erste Land weltweit, in dem Wind der wichtigste Energieerzeuger ist. (2), (6)





Fallbeispiele

Prokon Regenerative Energie GmbH: Für 2012 hatte das Energieunternehmen einen Verlust von 171 Millionen Euro bekannt gegeben. Dies verschreckte zahlreiche Anleger, sie kündigten die Verträge und zogen ihr Geld ab. Öffentlichkeitswirksame Bitten Prokons, dem Unternehmen das Vertrauen nicht zu entziehen, halfen nicht: Nach Unternehmensangaben sprachen sich nur rund 40 000 der 75 000 Anleger dafür aus, nicht zu kündigen. Das entspricht rund 53 Prozent des Anlagenkapitals - zu wenig, um eine Insolvenz abzuwenden. Das vorläufige Insolvenzverfahren wurde am 22. Januar 2014 eingeleitet, parallel erarbeitet die Geschäftsführung Prokons ein Konzept zur Restrukturierung des Unternehmens. Noch vor einem guten halben Jahr sprach Prokon von seinen Plänen zum Einstieg in die Windturbinenproduktion, in die Rotorblattproduktion und einer stetig wachsenden Projektpipeline. Für sämtliche Geschäftsbereiche - Projektierung und Betrieb von Windparks, biogene Kraftstoffe und Biomasse, Anlagenentwicklung und -produktion - setzte das Unternehmen auf Genussrechtskapital. Allerdings hatte da die Kritik an Prokons Geschäfts- und Finanzierungsmodell bereits eingesetzt. (7), (8), (9), (10), (11), (12)

Windwärts: Auch der Windkraftanlagen-Projektierer Windwärts hatte von Privatpersonen Kapital über Genussscheine eingesammelt. Im Dezember 2013 musste die Rückzahlung von Genussrechtskapital in Höhe von 1,9 Millionen Euro ausgesetzt und auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Zum Jahresende 2013 trennte sich Windwärts vom Photovoltaik-Bereich sowie dem Auslandsgeschäft in Italien, um sich ganz auf die Projektierung von Windkraftanlagen zu fokussieren. Im Zuge der Umstrukturierung wurde die Zahl der Mitarbeiter von 135 auf rund 100 verringert. Mittlerweile hat das Unternehmen den Insolvenzantrag eingereicht. (13)

BARD: Das Offshore-Unternehmen Bard hat angekündigt, bis Mitte 2014 den Betrieb einzustellen. Eine Überraschung war dies nicht. Schon zum Jahresende 2011 wies die Bilanz des Unternehmens ein Minus aus. Technische Schwierigkeiten beim Bau des bislang größten deutschen Offshore-Windparks "Bard Offshore 1" sowie schlechte Witterungsbedingungen hatten die Eröffnung des Windparks um mehrere Jahre verzögert. Erst im August war das Projekt fertiggestellt worden. (14)

Dong: Der staatliche dänische Energiekonzern Dong soll privatisiert werden. Dies sorgte zu Jahresanfang für Schlagzeilen und sogar eine Regierungskrise. Der geplante Verkauf von Anteilen an dem Energiekonzern Dong Energy an die US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs hat Dänemark in eine Regierungskrise gestürzt. Dong Energy ist mit einem Umsatz von rund neun Milliarden Euro der größte dänische Energieversorger und will bis 2014 die Nutzung von Bioenergien und Offshore-Windenergie ausbauen. (15), (16)




Zahlen & Fakten


Windenergie an Land 2013 in Deutschland:
Neu installierte Leistung: 2 998 MW (2012: 2 324 MW)
davon Repowering (unverbindlich): 766,28 MW (2012: 432 MW)
Abbau: (unverbindlich): 258 MW (2012: 179 MW)
Gesamt installierte Leistung zum 31.12.2013: 33 730 MW (31.12.2012: 30 989 MW) (2)

Zubau an Windenergieanlagen in Deutschland insgesamt:
Im Jahr 2002 wurden Windanlagen im Volumen von 3 247 MW zugebaut.
Im Jahr 2013 wurden 3 238 MW zugebaut, 2012 waren es nur 2 415 MW.
Für 2014 rechnen BWE und VDMA mit einem Windkraftausbau an Land in einer Größenordnung zwischen 2 500 und 3 000 MW. In Nord- und Ostsee rechnen beide Verbände für 2014 mit einem Zubau von rund 1 500 MW, im Folgejahr von etwa 1 000 MW. Derzeit laufen die Errichtungsarbeiten bei gleich sieben Offshore-Windparks. (1)



Weiterführende Literatur:

(1.) Soviel Windkraft war fast noch nie
aus www.powernews.org Meldung vom 03.02.2014 - 13:16

(2.) Windenergie an Land wächst 2013 wie prognostiziert - Ungewissheit für 2014 und 2015 bleibt groß
aus www.powernews.org Meldung vom 03.02.2014 - 13:16

(3.) Juwi wird kein Windturbinenhersteller
aus www.powernews.org Meldung vom 15.07.2013 - 13:35

(4.) Windbilanz 2013
aus www.powernews.org Meldung vom 15.07.2013 - 13:35

(5.) Windkraft auf See wächst kräftig
aus www.powernews.org Meldung vom 29.01.2014 - 11:53

(6.) Wind in Spanien Hauptstromlieferant
aus www.powernews.org Meldung vom 29.01.2014 - 11:53

(7.) Der Sound der Versuchung
aus Süddeutsche Zeitung, 15.02.2014, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 24

(8.) Ungewöhnliche Solidarität
aus Süddeutsche Zeitung, 15.02.2014, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 24

(9.) Nur ein Einzelfall
aus Süddeutsche Zeitung, 15.02.2014, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 24

(10.) Prokon will Insolvenz vermeiden
aus www.powernews.org Meldung vom 30.01.2014 - 15:36

(11.) Rodbertus: "Es geht uns nicht um Profitmaximierung". Prokon-Geschäftsführer Carsten Rodbertus über die Motive für den Einstieg der Prokon-Gruppe aus Itzehoe in die Windturbinenproduktion sowie über die weiteren Pläne.
aus www.powernews.org Meldung vom 30.08.2013 - 13:10

(12.) Warnung vor Investments in Prokon
aus energate vom 22.08.2013

(13.) Windwärts meldet Insolvenz an
aus www.powernews.org Meldung vom 11.02.2014 - 10:42

(14.) Bard - Pleite auf hoher See
aus www.powernews.org Meldung vom 11.02.2014 - 10:42

(15.) Dong erschüttert Dänemark
aus www.powernews.org Meldung vom 31.01.2014 - 13:03

(16.) Dänischer Staat leitet Dong-Privatisierung ein
aus energate vom 31.01.2014

Anja Schneider
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 17.02.2014
Dokumentnummer: s_ene_20140217

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