Wasserversorgung - Trinkwasser gefährdet durch Nitrat, Fracking und Cyberangriffe

ENERGIE & ROHSTOFFE | GENIOS BranchenWissen Nr. 08 vom 29.08.2014


Intensivlandwirtschaft und Biogasproduktion gefährden die Trinkwasserqualität

In Deutschland werden ungefähr 73 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasser gewonnen, in einigen Bundesländern sind es sogar 100 Prozent (zum Beispiel Schleswig-Holstein). Messstellen der Wasserwerke registrieren seit einiger Zeit steigende Nitratwerte in deutschen Gewässern. An manchen Stellen wurden bereits Werte gemessen, die fast doppelt so hoch lagen wie der von der EU gesetzte Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Es gibt sogar Trinkwasserbrunnen, die nicht mehr genutzt werden können, weil die Nitratwerte zu hoch sind. Die EU listet Deutschland gemeinsam mit Malta als Schlusslicht in Europa in der Nitratbelastungsstatistik und hat Deutschland aufgefordert, zu handeln. Reagiert die Bundesregierung nicht bis Mitte September 2014, so droht eine Klage der europäischen Kommission vor dem europäischen Gerichtshof. Auch der Energiebranchenverband BDEW und die Umweltorganisation Greenpeace thematisieren das Problem. Der in der Wasserrahmenrichtlinie vorgegebene "gute Gewässerzustand" werde für 2015 "in weiten Teilen Deutschlands" nicht eingehalten. (1)

Das Nitrat selbst ist für das Pflanzenwachstum wichtig und für den Menschen nicht direkt gesundheitsschädlich. Problematisch sind seine Umwandlungsprodukte, nämlich das giftige Nitrit und die Nitrosamine, die durch Bakterien im Mundraum und Magen aus Teilen des aufgenommenen Nitrats gebildet werden. Bei Säuglingen unter drei Monaten kann Nitrit zu einer erhöhten Konzentration von Methämoglobin im Blut und so zum Sauerstoffmangel in lebenswichtigen Organen, zu Atemnot und sogar zum Tod führen. Bei Erwachsenen können die Nitrosamine krebserregend sein.

Worauf ist die hohe Nitratbelastung von Grundwasser, Flüssen und Seen zurückzuführen? Verantwortlich gemacht werden erstens die intensive Landwirtschaft mit ihrem hohen Düngemitteleinsatz und zweitens die gestiegene Anzahl von Biogasanlagen. Die Bauern bringen heutzutage viel Dünger, Kunstdünger und Gülle auf ihren Feldern aus, um den ausgelaugten Böden möglichst viel Ernte abzuluchsen. Ein Bestandteil von Düngern ist Nitrat. Nicht alles wird vom Boden aufgenommen, einiges wird ausgewaschen, und über den Wasserkreislauf gelangt das Nitrat ins Erdreich. Zum anderen liefert die intensive Viehhaltung in Teilen Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und des Münsterlandes große Mengen Gülle, deren stickstoffhaltige Inhaltsstoffe als Dünger auf Wiesen und als Nitrat in den Gewässern landen. Das Problem wird verschärft durch die Gärreste aus der Biogasproduktion, die als Dünger auf den Feldern verteilt werden. Doch Gärreste werden nicht auf die Obergrenzen angerechnet, die ein Bauer beim Düngen ausbringen darf. (2)

Die Wasserwirtschaft verlangt strengere Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers als bisher. Sie fordert unter anderem, die Errichtung von Biogasanlagen zu stoppen und Biogasanlagen in Wasserschutzgebieten ganz zu verbieten. Die Düngeverordnung soll so geändert werden, dass alle nährstoffhaltigen Warenströme genauer dokumentiert werden; zudem sollen die maximal zulässigen Nährstoff-Überschüsse als Grenzwerte (bisher Richtwerte) formuliert und weiter gesenkt werden. Naturschützer fordern schärfere Obergrenzen für die Ausbringung von Stickstoff auf die Felder, die Berücksichtigung von Gärresten, ein Düngeverbot von gewässernahen Flächen und Sperrfristen. (2)

Rasches Handeln ist angesagt, denn die Regeneration des Grundwassers dauert Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Und die Aufbereitung von nitratbelastetem Wasser wird hohe Kosten für die Wasserwerke und letztlich für den Verbraucher verursachen. Doch die Bauernlobby ist stark, die Politik muss ihren Widerstand gegen schärfere Regeln erst mal überwinden.


Fracking - UBA fordert Verbot in Deutschland

Eine andere Sorge der deutschen Wasserverantwortlichen gilt weiterhin dem Thema Fracking, schließlich steht die Qualität unseres Grund- und somit Trinkwassers durch chemische Belastungen auf dem Spiel. In Deutschland läuft eine kontroverse Diskussion über den Nutzen und die Gefahren der Erdgasförderung aus unkonventionellen Lagerstätten mittels Fracking-Bohrtechnik. Dabei ist die Schiefergasförderung gesetzlich keineswegs verboten, sondern grundsätzlich erlaubt. Allerdings verbietet das Wasserhaushaltsgesetz Fracking-Vorhaben zur Gasförderung aus Schiefer- und Kohleflözgestein oberhalb von 3 000 Metern. Die Bundesregierung will die umstrittene unkonventionelle Gasförderung samt Fracking gesetzlich klar regeln. Zur Sommerpause waren hierzu die Eckpunkte vorgelegt, doch ein Gesetz steht noch immer aus. Das Umweltbundesamt (UBA) hat vor kurzem erneut auf die Risiken von Fracking hingewiesen und ein Verbot der Gasförderung aus Schiefer- und Kohleflözgestein sowie eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert. In Wasserschutzgebieten, aber auch in anderen sensiblen Gebieten wie Einzugsgebieten von Seen und Talsperren, Naturschutzgebieten und FFH-Gebieten soll jede Form des Frackings ausnahmslos verboten sein. Das UBA fordert darüber hinaus eine Risikobewertung aller Fracking-Vorhaben, ein Baseline-Monitoring und ein Fracking-Chemikalien-Kataster im Internet. (3), (4)


Cyberangriffe gefährden Strom- und Wasserversorgung

Spätestens seit engagierte Hacker bewiesen haben, dass es für sie ein Leichtes ist, in die Leittechnik von Stadtwerken - auch von Wasserwerken - einzudringen, haben die Energie- und Wasserversorger eine weitere Sicherheitsherausforderung zu bewältigen, nämlich den Schutz gegen Cyberangriffe. Ein neues Gesetz soll die Energie- und Wasserversorger gegen Cyberangriffe schützen. Jedes Unternehmen ist aufgefordert, für möglichst viel Sicherheit zu sorgen, sei es durch mehr Personal, klarere Prozesse, eine zentralere Gestaltung der Datenverarbeitung, besseren Zugangsschutz und bessere Sicherheitskonzepte. Bei einem Stromausfall können auch die Wasser- und Abwasserbetriebe betroffen sein. Ohne Strom kein Wasser, heißt es in Bayern. (5)


Trinkwasserpreise und -gebühren nur leicht gestiegen

Eine gute Nachricht zum Schluss: Die Trinkwasserpreise und -gebühren sind im vergangenen Jahr nur moderat gestiegen. Kosteten 1 000 Liter Trinkwasser Anfang des Jahres 2012 durchschnittlich zirka 1,67 Euro, waren es zu Beginn des Jahres 2013 rund 1,69 Euro. Die Grundgebühr stieg im gleichen Zeitraum von durchschnittlich 68,84 Euro auf 70,98 Euro. Umgerechnet kostet der Bezug eines Liters qualitativ hochwertigen Trinkwassers damit durchschnittlich knapp 0,17 Cent. Die Wasserwirtschaft führt die Entwicklung auf die Umsetzung von Effizienzpotenzialen in der Anlagen- und Prozessoptimierung zurück - trotz erheblicher Investitionen in Anlagen und Netze. (6)



Trends

Zusammenschlüsse in der Wasserversorgung haben in Deutschland Tradition. Auch in der jüngeren Zeit gab es vor allem im ländlichen Raum überwiegend kommunale Zusammenschlüsse. (7)

Die Weltmeere enthalten 95 Prozent der Wasserressourcen. Weltweit setzen immer mehr Länder auf die Entsalzung von Meerwasser, um Trinkwasser zu gewinnen (beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate, die weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Wasserverbrauch zählen). Allerdings ist die Meerwasserentsalzung finanziell und energetisch aufwendig. Andere Lösungen gegen die weitere Verknappung des Wassers sind die vermehrte Nutzung und Aufbereitung von Regenwasser und Abwasser. (8), (9)

In den kommenden Jahren werden nordafrikanische Länder kräftig in den weiteren Ausbau ihrer Infrastruktur investieren, dabei auch in die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. (10)



Fallbeispiele

Veolia und Suez: Die beiden großen Flaggschiffe im europäischen Wassermarkt sind die französischen Unternehmen Veolia und Suez Environment. Veolia, mit 22,3 Milliarden Euro Umsatz der größte Entsorgungskonzern der Welt, erwirtschaftet mit rund einer Viertelmillion Mitarbeitern in der Wasserdivision einen Großteil seiner zwölf Milliarden Euro Umsatz mit Abwasser, weitere neun Milliarden sind es in der Abfallwirtschaft. (11), (12)

Stadtwerke Ettlingen: Ein vom Fernsehsender Arte bestellter und bezahlter Spezialist stieß vor kurzem so weit in die IT der Stadtwerke Ettlingen vor, dass er die Lichter in der 40 000-Einwohnerstadt nahe Karlsruhe hätte ausknipsen können. Er probierte mehrere Wege zum Einbrechen aus und drang dann über das Internet ein. Er hätte die Schalter der 110-kV-Transformatoren betätigen können. (5)

Bayern: In Bayern wird das Trinkwasser zu rund 90 Prozent aus gut geschütztem Grund- und Quellwasser gewonnen. Das Rohwasser bedarf meistens keiner Aufbereitung. In den künftigen Jahren ist ein Ausbau der Infrastruktur in den südlichen Regionen, in denen die Bevölkerung zulegt, nötig. Handlungsbedarf besteht in Bayern überwiegend beim Bau eines "zweiten Standbeins" zur redundanten Trinkwasserversorgung und bei der Anpassung des Kanalnetzes auf Starkregenereignisse. Bayerns Wasserpreis liegt aktuell bei 1,66 Euro pro Kubikmeter, im Bundesdurchschnitt werden 1,95 Euro pro Kubikmeter gezahlt. (13)

Wasserkocher als Ladestation: Smartphones und Tablets können nun auch mitten in der Wildnis mit Hilfe eines Wasserkochers, den die US-amerikanische Firma BioLite entwickelt hat, geladen werden. (14)




Zahlen & Fakten


Laut einer Schätzung der Vereinten Nationen wird der weltweite Wasserbedarf auch aufgrund des Bevölkerungswachstums bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent steigen. Heute haben 770 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Bis zum Jahr 2025 wird sich diese Zahl voraussichtlich auf 1,8 Milliarden Menschen erhöhen. Die meisten betroffenen Länder liegen südlich der Sahara. Analysten schätzen den Investitionsbedarf für die ausreichende Versorgung der Menschheit mit Wasser auf bis zu 500 Milliarden Euro. (11), (9)

Der Anbau von Biomasse und die Errichtung von Biogasanlagen sind im letzten Jahrzehnt stark gestiegen. 2013 waren es rund 7 900 Anlagen. Die meisten Anlagen stehen in Bayern (2 372 Anlagen), an zweiter Stelle kommt Niedersachsen (1 300 Anlagen), gefolgt von Baden-Württemberg mit fast 800 Anlagen. (2)

Von den knapp 6 100 Wasserversorgungsunternehmen in Deutschland sind 62 Prozent öffentlich-rechtlich organisiert mit einer Wasserabgabe von 40 Prozent, die übrigen 38 Prozent sind mit einem Wasseraufkommen von 60 Prozent privat-rechtlich organisiert. Zusammenschlüsse und Kooperationen gibt es in beiden Organisationsformen, wobei die Form der verbandlichen Wasserversorgung (Zweckverbände, Wasser- und Bodenverbände) mit knapp 25 Prozent Wasseraufkommen den größten Teil der öffentlich-rechtlichen Unternehmen ausmacht. (7)

Mit zirka 2 350 Wasserversorgungs- und rund 2 000 Abwasserentsorgungsunternehmen weist Bayern die kleinteiligste Struktur der Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung aller deutschen Bundesländer auf. Neben einigen Fernwasserversorgungsfirmen und regionalen Unternehmen sowie Zweckverbänden wird die Wasserversorgung von vielen Stadt- und Gemeindewerken getragen. (13)



Weiterführende Literatur:

(1.) EU fordert mehr Schutz gegen Nitrat
aus www.powernews.org Meldung vom 10.07.2014 - 16:50

(2.) Hohe Nitratwerte belasten Trinkwasserqualität
aus wwt - Wasserwirtschaft Wassertechnik, Heft 04/2014, S. 32-34

(3.) Fracking - Sauberes Wasser oder billiges Erdgas? Noch immer fehlt ein Gesetz, das Klarheit schafft
aus GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 07 vom 23.07.2014

(4.) UBA: Kein Schiefergas-Fracking in Deutschland
aus energate vom 30.07.2014

(5.) Hackerprofis bedrohen die IT-Sicherheit
aus ZfK-Zeitung für kommunale Wirtschaft, Heft 08/2014, S. 17

(6.) Trinkwasserpreise steigen moderat
aus ZfK-Zeitung für kommunale Wirtschaft, Heft 05/2014, S. 20

(7.) Wasser
aus ZfK-Zeitung für kommunale Wirtschaft, Heft 06/2014, S. 27

(8.) Wasserentsalzung - umweltschonend und effizient
aus chemie.de News vom 30.07.2014

(9.) Kurz zum Klima: Den Hahn zugedreht - Wasserknappheit
aus ifo Schnelldienst, Heft 12/2014, S. 29-31

(10.) Infrastruktur in Nordafrika
aus Wasser, Luft und Boden, Heft 03/2014, S. 5

(11.) Wenn Fische wählen könnten
aus Trend 05/2014 vom 2014-04-28, Seite 108,109

(12.) "Einige deutsche Unternehmen waren zu blauäugig"
aus VDI NR. 26 VOM 27.06.2014 SEITE 5

(13.) Leistungsfähigkeit ist Trumpf. Modernisierungsbedarf in der Wasserwirtschaft in Bayern
aus Wasser, Luft und Boden, Heft 03/2014, S. 14

(14.) Wasserkocher als Ladestation
aus Markt & Technik, Heft 34/2014, S. 50

Anja Schneider
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 08 vom 29.08.2014
Dokumentnummer: s_ene_20140829

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