Solarindustrie - Heimatmarkt schrumpft, doch Branche sieht positive Trendwende

ENERGIE & ROHSTOFFE | GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 27.06.2014


Schrumpfender Heimatmarkt für die deutsche Solarindustrie

Insgesamt sind auf deutschen Dächern und Fassaden rund 3,3 Millionen Solaranlagen für Strom und Wärme installiert. Der Photovoltaik-Anteil am deutschen Stromverbrauch lag zuletzt bei gut über fünf Prozent. Die Branche plant einen Anstieg auf zehn Prozent bis zum Jahr 2020. Doch in den vergangenen zwei bis drei Jahren wartete die deutsche Solarindustrie mit überwiegend schlechten Nachrichten auf. Überkapazitäten, billige Solarmodule aus China, Preisdruck, Handelsstreitigkeiten, Managementfehler und staatliche Förderungskürzungen sorgten für eine Marktbereinigung, der etliche deutsche Solarhersteller zum Opfer fielen. Die einen meldeten Insolvenz an, die anderen zogen sich zurück oder wurden an ausländische Käufer abgestoßen (Beispiele: Conergy, Schott, Siemens, Solon, Q-Cells). Die übriggebliebenen Hersteller wie SMA Solar und Solarworld stellen sich international auf, um zu überleben. So brach die Photovoltaiknachfrage in Deutschland im Jahr 2013 um etwa 60 Prozent und in diesem Frühjahr nochmals um 45 Prozent ein, konstatierte der Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (BSW Solar). Angesichts dieser Entwicklung sieht der Verband die geplanten Änderungen beim Eigenverbrauch des EEG problematisch. Die Große Koalition will ab 2015 selbst erzeugten Strom aus Neuanlagen mit 40 Prozent der Umlage nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) belasten. Aktuell wären das 2,5 Cent pro Kilowattstunde, die alle Ökostrom-Produzenten bezahlen müssten. Die Branche zeigt sich empört. Die Belastung des Eigenverbrauchs könnte dazu führen, dass der Großteil gewerblicher PV-Anlagen wirtschaftlich unrentabel würde.

Auch die Solarzulieferer kämpfen. Ihr Umsatz ging im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 700 Millionen Euro zurück. Die Solarthermie entwickelt sich weiterhin schleppend. Der Solarthermie-Anteil am deutschen Stromverbrauch liegt noch immer unter einem Prozent. Geplant ist ein Anstieg auf acht Prozent bis zum Jahr 2030. Doch die Sanierung und der Austausch veralteter Öl- und Gasheizungen kommen nicht voran.

Einen Lichtblick stellt der Markt für Stromspeicher dar, auch wenn den Solarspeicher-Anbietern aktuell Vorwürfe zu schaffen machen, dass ihre Geräte Sicherheitsmängel aufwiesen. Nach dem Start des KfW-Förderprogramms im vergangenen Jahr wurden knapp 10 000 Speicher installiert. Der Branchenverband rechnet mit einem jährlich weltweiten Zubau bis zu zehn Gigawattstunden (GWh) bis zum Jahr 2020.

Das Selbstbewusstsein stärken könnte auch der jüngste Sieg im Kampf gegen Dumpingpreise chinesischer Hersteller, den Solarworld errungen hat. Nach einer Beschwerde beim US-Handelsministerium erheben jetzt die USA weitere Zölle auf Solarimporte aus China. Der Feldzug, den Frank Asbeck von Solarworld unermüdlich anführt, ist noch nicht zu Ende. Neue Hinweise legen nahe, dass chinesische Solarfirmen Mindestpreis-Abkommen mit der EU unterlaufen. (1), (2), (3), (4), (5), (6)


Deutscher Arbeitsmarkt: viele Stellen verloren

Nach Angaben des Bundesverbandes für Solarwirtschaft (BSW) arbeiteten 2013 rund 60 000 Mitarbeiter bei etwa 10 000 Unternehmen (davon 350 Produzenten). In den letzten drei Jahren sind in der deutschen Solarindustrie viele Arbeitsplätze durch Insolvenzen und Kapazitätsabbau verlorengegangen. Innerhalb eines Jahres ist jeder dritte Job in der Branche gestrichen worden. Mehr als 23 000 Stellen fielen vor allem in der Modul- und Zellproduktion weg. Die Handwerksbetriebe konnten nur einen Teil davon auffangen. Im Gegensatz dazu sind in der Windbranche weiterhin die Fachkräfte knapp. In Produktion, Service und Wartung werden Mitarbeiter gesucht. Gefragt sind insbesondere Fachkräfte aus der Mechatronik und der Elektrotechnik. (7)


Was treibt das Wachstum der globalen Solarbranche?

Auch die internationale Solarindustrie musste in den vergangenen Jahren Federn lassen. Selbst die chinesischen Hersteller kamen nicht ungeschoren davon; so meldete etwa der einst weltweit größte chinesische Solaranlagenhersteller Suntech im März 2013 Zahlungsunfähigkeit (wurde vom Wettbewerber Shunfeng übernommen, arbeitet jetzt als Wuxi Suntech Power an der Wiederauferstehung). Noch ist der Konsolidierungsprozess nicht abgeschlossen, doch mittlerweile sieht es nach einer Trendwende aus - global gesehen. Produzenten, Zulieferer und Projektierer bestätigen, dass ein Aufschwung einsetzt. Der europäische Photovoltaikmarkt bietet nicht die größten Wachstumschancen. Die Regierungen fahren derzeit eine eher zögerliche oder sogar rückschrittliche Politik gegenüber dem Sonnenstrom. Am ehesten wachsen noch einige osteuropäische Märkte und Großbritannien. Der Weltmarkt aber wächst wieder stärker. Analysten der Deutschen Bank schätzen, dass er in den Jahren 2014 und 2015 um jeweils rund 25 Prozent zulegen wird. Bis 2020 wird weltweit mit einer Verdopplung der jährlichen Neuinstallation von Solarzellen gerechnet, bis 2025 sogar mit einer Versechsfachung. So lautet zumindest eine Prognose des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg.

Die Regionen USA, Japan und China sorgen für einen Schub. China und Japan verdreifachten im vergangenen Jahr ihre Photovoltaiknachfrage und zogen rund 40 Prozent der Welt-Solarnachfrage auf sich. Der Weltmarktführer kommt aus China; Yingli setzte 2013 zirca 3,25 Gigawatt (GW) Modulleistung ab. In den USA stieg die Photovoltaiknachfrage 2013 um 40 Prozent. Der größte westliche Anbieter war im vergangenen Jahr der amerikanische Dünnschichtspezialist First Solar mit 1,6 GW Modulleistung. Da kann die deutsche Solarworld als größtes europäisches Solarunternehmen mit zirka 0,6 GW nicht mithalten. Eine wachsende Solarstromnachfrage wird auch in Indien, Mexiko, Brasilien, Argentinien, in Südafrika, im Mittleren Osten und der Türkei beobachtet. Dort ergeben sich auch Absatzchancen für den deutschen Export. China und Japan hingegen sind für europäische Photovoltaikfirmen eher schwer zugänglich. In der Tat sehen die in Deutschland verbliebenen Photovoltaik-Hersteller wie Solarworld oder Hanwha Q-Cells ihre Absatzchancen hauptsächlich im Export. [Abb. 1]

Zwar haben etliche europäische Länder ihre Erneuerbaren-Förderung gekürzt, doch etliche andere Länder sind hinzugekommen. Mehr als 60 Staaten setzen auf einen Solarstrom-Einspeisetarif. Ausschreibungen und Auktionsverfahren neuer Kraftwerkskapazitäten oder Strombezugsvereinbarungen tragen dazu bei, dass in Solartechnik investiert wird.

Neue Technologien sind marktreif, effizienter und kostengünstiger. Solaranlagen sind mittlerweile so preisgünstig geworden, dass sie Strom insbesondere in sonnenverwöhnten Regionen billiger liefern können als jeder örtliche Versorger mit Diesel, Kohle, Atom oder Erdgas. Die Deutsche Bank hat berechnet, dass Kunden in Kalifornien, Mexiko, Frankreich und Spanien bis zu 40 Prozent ihrer Stromkosten sparen können, wenn sie ihre Energie mit einem Solarkraftwerk selbst erzeugen statt ihn extern zu beziehen. (8), (9), (10), (11)



Trends

Die Zahl der Aussteller auf der Intersolar Messe in München im Juni ist im Vergleich zum Vorjahr rückläufig. Schwerpunkte in diesem Jahr sind unter anderem die Eigenversorgung, Speichertechnologien sowie regenerative Wärme. (1)

Fallbeispiele

Die chinesische Hanergy-Gruppe sieht Potenzial in Südamerika. Im Brasilien plant der Konzern ein Werk für Dünnschichtmodule auf der Basis von Kupfer-Indium-Gallium-Diselenid (CIGS) oder Dünnschichtsilizium. (11)

Hanergy setzt auch auf die CIGS-Technologie, von der sich der Konzern niedrigere Kosten und höhere Wirkungsgrade im Vergleich zur multikristallinen Dickschicht-Technologie verspricht. (11)

Der deutsche Erneuerbaren-Projektierer Juwi aus Wörrstadt bei Mainz meldete, dass er für den niederländischen Stromerzeuger Sonnedix in der südafrikanischen Provinz Nordkap einen Solarpark mit 86 Megawatt Leistung errichten werde. (11)

Der Bonner Solarkonzern Solarworld AG entging im August vergangenen Jahres nur knapp der Insolvenz. Nur Kapital- und Schuldenschnitt retteten das Unternehmen, wenngleich mit hohen Verlusten für Aktionäre und Gläubiger. Im Jahr 2014 soll es wieder bergauf gehen. Dazu soll die von Bosch übernommene Zell- und Modulproduktion im thüringischen Arnstadt beitragen. Für neue finanzielle Stabilität soll der Eintritt des Emirats Katar sorgen, das mit dem Unternehmen Qatar Solar Technology nun größter Einzelaktionär ist. Solarworld will außerdem mit einer eigenen Fertigung in den USA vom Boom in Übersee profitieren. (13)

In Brasilien sollen die Solarfirmen Real Solar, Enerbra Indústria e Commercio de Paneis Solar und Bacilieri Equipamentos Elétricos insgesamt 377 Millionen US-Dollar in Solarprojekte in Río Grande investieren. (11)

Als Erfolgsbeispiel gilt ein kleines Berliner Start-up-Unternehmen mit einem pfiffigen Geschäftsmodell: Milk the Sun bietet einen Online-Marktplatz, der Betreiber von Photovoltaikanlagen und Investoren zusammenbringt. (14)




Zahlen & Fakten


Abbildung 1: International: Top-Hersteller von Solarmodulen 2012
HerstellerHerkunftslandin Megawatt
YingliChina2.300
First SolarUSA1.800
Trina SolarChina1.600
Canadian SolarKanada1.550
SuntechChina1.500
SharpJapan1.050
Jinko SolarChina900
SunpowerUSA850
REC GroupNorwegen750
Hanwha SolarOneSüdkorea750
SolarWorld AktiengesellschaftDeutschland570

Quelle: IHS Entnommen aus: Wirtschaftswoche, 28/2013, S. 50 (15)

Weiterführende Literatur:

(1.) Photovoltaikmarkt in Deutschland schrumpft weiter
aus www.powernews.org Meldung vom 04.06.2014 - 10:33

(2.) Problembranche oder Hoffnungsträger?
aus SONNE WIND & WÄRME, Heft 06/2014, S. 024-27

(3.) Daten und Infos zur deutschen Solarbranche
aus SONNE WIND & WÄRME, Heft 06/2014, S. 024-27

(4.) Unausgegorene Systeme auf dem Markt
aus www.powernews.org Meldung vom 02.06.2014 - 13:07

(5.) USA erheben neue Zölle auf Solarimporte aus China
aus manager-magazin.de vom 04.06.2014

(6.) Brüder, zur Sonne! Neue Hinweise legen nahe, dass chinesische Solarfirmen Mindestpreis-Abkommen mit der EU unterlaufen
aus Die Zeit vom 12.06.2014, Nr. 25, S. 26

(7.) Der Arbeitsmarkt teilt sich
aus SONNE WIND & WÄRME, Heft 03/2014, S. 22-23

(8.) Die großen Ziele des Herrn Luo. Investor aus China kauft Reste des insolventen Suntech-Konzerns
aus Handelsblatt Nr. 109 vom 10.06.2014 Seite 027

(9.) Die Sonnenwende. Die Branche der erneuerbaren Energien ist im Stimmungstief. Doch die Chancen für einen Aufschwung stehen gut - eine Kaufgelegenheit für antizyklische Anleger
aus EURO, 19.02.2014, Nr. 3, S. 116 - 119

(10.) Sieben Chinesen und ein Sachse
aus SONNE WIND & WÄRME, Heft 06/2014, S. 022

(11.) Neuer Schwung
aus SONNE WIND & WÄRME, Heft 06/2014, S. 022

(12.)Europäische Solarbranche sagt Chinesen Kampf an
aus Produktion Nr. 22 von 2014, Seite 3

(13.) Solarworld will wieder Fahrt aufnehmen
aus www.powernews.org Meldung vom 30.05.2014 - 14:55

(14.) Milk the Sun: "Die Solarkrise hat uns nicht getroffen"
aus Welt kompakt Nr. 110 vom 11.06.2014 Seite 27

(15.)International: Top Hersteller von Solarmodulen 2012
aus GENIOS Statistiken vom 06.08.2013

Anja Schneider
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 27.06.2014
Dokumentnummer: s_ene_20140627

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