Rohstoffe - Bergbaukonzerne machen klar Schiff zur Wende

ENERGIE & ROHSTOFFE | GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 15.12.2014


Rohstoffpreise gesunken

Die konjunktursensitive Rohstoffbranche darf generell von einem langfristig steigenden Rohstoffbedarf der Welt ausgehen. Die aufholenden Schwellenländer brauchen Energie und Rohstoffe, um ihre Infrastruktur und Industrialisierung voranzutreiben. Zitiert wird immer wieder der gigantische Rohstoffhunger Chinas, auch wenn sich die Nachfrage zuletzt durchaus schwankend präsentierte und das Wirtschaftswachstum nicht mehr ganz so rasch voranschreitet. Dafür legen die USA seit kurzem eine erhöhte Nachfrage beispielsweise nach Metallen an den Tag. Dort ist eine Welle der Reindustrialisierung im Gange.

Kurzfristig, also in diesem Jahr und auch im nächsten, sind die Rohstoffkonzerne dabei, ihre Hausaufgaben zu erledigen und ihre ins Schlingern geratenen Unternehmen auf Kurs zu bringen. Jahrelang segelten sie stolz und gewinnreich in einem Rohstoffboom dahin, eroberten und erschlossen immer neue Minen und weiteten das Rohstoffangebot kräftig aus. Doch dann kam Gegenwind. Die Weltwirtschaft schwächelte, die Nachfrage legte nicht so stark zu wie die Produktion, die Förderkosten stiegen, die Umweltauflagen wurden strenger, die Arbeiter wollten mehr Geld. Prompt sanken in den vergangenen zwei, drei Jahren die Rohstoffpreise deutlich. (1), (2)


Eisenerzflut: Inszenierte Marktbereinigung

Vom Preisverfall besonders kräftig erwischt wurde Eisenerz. Sein Preis ist seit Anfang 2014 über 40 Prozent gesunken. Eisenerz ist heute mit Preisen von weniger als 100 Dollar je Tonne rund 40 Prozent billiger als im Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013. Die größten Eisenerzproduzenten Rio Tinto und BHP Billiton, Vale, Fortescue Metals, Hancock Prospectin und Anglo American hatten in den vergangenen drei Jahren das Angebot kräftig erhöht. Doch das Wirtschaftswachstum schwächelt weltweit. Auch in China, dem Hauptabnehmerland von Eisenerz, ist die Stahlproduktion zuletzt nur noch 2,6 Prozent gewachsen, nach 8,7 Prozent im vergangenen Jahr. Egal, die Eisenerzförderung soll auch in den nächsten Jahren auf vollen Touren laufen. Was führen die Produzenten im Schilde? Augenscheinlich eine Marktbereinigung. Das scheint zu gelingen. Anbieter in Randmärkten wie dem Iran, Indonesien oder Mexiko haben bereits aufgegeben. Es traf nicht nur das Eisenerz. Steinkohle ist heute rund 14 Prozent billiger als im Durchschnitt der vergangenen vier Jahre. Kupfer, das in der Elektronikproduktion reichlich benötigt wird, verlor bis zum Frühjahr 2014 fast 40 Prozent an Wert. (1), (3)


Paradigmenwechsel: Rendite statt Volumen

Mit den Preisen sanken die Aktienkurse der Rohstoffkonzerne. Diese machen jetzt klar zur Wende. Als erstes warfen sie ihre alten Manager über Bord. Tom Albanese, Cynthia Carroll, Marius Kloppers und andere mussten das Ruder verlassen. Die neuen Lenker traten an, sie nahmen Kurs auf Rendite statt Volumen und nahmen gleich mal riesige Abschreibungen vor. Zweifelhafte, überteuerte Minenprojekte wurden eingestellt und Explorationsvorhaben gekürzt. Die Kosten müssen reduziert werden, Arbeitsplätze wurden gestrichen. Der Schuldenballast muss abgeworfen und der Cashflow erhöht werden. Nicht betriebsnotwendige Unternehmensteile werden verkauft. So soll Geld in die Kassen fließen, das nicht zuletzt an die Aktionäre ausgeschüttet werden soll. Die Branche spricht von einem Paradigmenwechsel. (1), (2)

Die größten Rivalen im Rohstoffgeschäft sind BHP Billiton, Rio Tinto, Vale, Glencore Xstrata und Anglo American.
Als weltgrößter Bergbaukonzern gilt BHP Billiton, mit Sitz in London und Melbourne. Er arbeitet intensiv an Kosten- und Investitionskürzungen, Devestitionen sowie Schuldenabbau. Medienberichten zufolge plant BHP eine Aufspaltung des Unternehmens. Dabei sollen die Randgeschäfte mit Aluminium, Nickel, Mangan und Bauxit im kommenden Jahr 2015 in eine eigene Gesellschaft aufgegliedert werden. BHP will sich auf die Bereiche Eisenerz, Kupfer, Kohle, Erdöl und eventuell auch Kalisalz konzentrieren. (4), (5), (6)
Die Nummer 2 der Branche ist Rio Tinto, ebenfalls britisch-australisch, allerdings stärker vom Eisenerz abhängig. Neben dem Preisverfall beim Eisenerz machten dem Unternehmen milliardenschwere Fehleinkäufe im Aluminium- und Kohlesektor zu schaffen. Der neue Chef von Rio Tinto fährt einen strikten Sparkurs, um die Schulden abzubauen, wieder Gewinn auszuweisen und höhere Dividenden zu zahlen. Er baute 4 000 Stellen ab, senkte die Explorationsausgaben um eine Milliarde US-Dollar und die Betriebskosten um 2,3 Milliarden Dollar, weitere drei Milliarden sollen bis Jahresende eingespart werden. Auch Rio Tinto trennte sich von einigen Geschäftsteilen.
Beim brasilianischen Rohstoffkonzern Vale kann es im Grunde nur besser werden, hatte das Unternehmen doch im vierten Quartal 2013 den höchsten Quartalsverlust ausgewiesen, seit Vale Ende der Neunzigerjahre an die Börse gegangen war. (6), (7)
Der schweizerisch-britische Rohstoffkonzern Glencore, der Rohstoffproduktion und Rohstoffhandel in einem Unternehmen vereint und zu den führenden Förderern und Vermarktern von Kohle, Kupfer, Öl und Agrarrohstoffen zählt, ist weiter auf Expansionskurs durch Zukauf. Erst im Mai 2013 hatte Glencore für 44,6 Milliarden Dollar die britisch-schweizerische Xstrata gekauft. Der nach Börsenwert viertgrößte Bergbaukonzern der Welt war entstanden. Jetzt nimmt Glencore Xstrata offenbar ein weiteres Übernahmeziel ins Visier: nämlich Rio Tinto. Das Opfer sträubt sich noch. Gelingt der Deal, entsteht ein 160 Milliarden US-Dollar schwerer Gigant, der BHP Billiton auf Rang zwei verweisen würde.
Auch beim südafrikanisch-britischen Rohstoffkonzern AngloAmerican treibt der neue Unternehmenschef den Turnaround voran. Der Verlust ist zwar kleiner geworden, 2013 war die Rückkehr in die schwarzen Zahlen jedoch noch nicht gelungen. (8), (9), [Abb. 1]



Trends


Spannende Marktlage bei Kupfer, Nickel und Zink

Im März stiegen die Kupferpreise wieder, weil China starke Nachfrage entfaltete. Bei einigen Kupferprojekten gibt es Probleme; so kämpfen Projekte in Peru und Chile wie Toromocho oder Ministro Hales mit hohem Arsenikgehalt und der knappe Strom im Kongo erschwert die Expansion der Kupferminen von Glencore und Freeport McMoran. Auch bei Nickel und Zinn warnen Rohstoffexperten vor einer bevorstehenden Angebotsknappheit. In beiden Fällen spielt Indonesien eine Rolle. Seine Zinnvorkommen gehen zur Neige; seit Sommer 2013 ist Zinn um 20 Prozent teurer geworden. Bei Nickel stoppte Indonesien den Export nach China. Um 40 Prozent schossen die Preise in die Höhe. Bei Zink droht ein Angebotsdefizit, da unter anderem die kanadischen Minen Brunswick und Perserverance geschlossen wurden. (1), (2)



Fallbeispiele

Die Schweiz gehört zu den größten Rohstoffhandelsplätzen der Welt. Das Zentrum ist Genf, weiterer nennenswerter Handel findet in Zug und Lugano statt. Gemäß offiziellen Statistiken zählt die Schweizer Rohstoffbranche rund 500 Unternehmen, die 20 Milliarden Franken (3,5 Prozent) zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern. Die Zahl der in Schweizer Rohstofffirmen Beschäftigten wird auf 10 000 bis 12 000 geschätzt. Der Branche werden zwielichtige Geschäftspraktiken, Intransparenz, Ausbeutung rohstoffreicher, armer Länder mit schwachen Regierungen, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Umweltzerstörungen vorgeworfen. Die Unternehmensstrukturen sind verschachtelt, kaum nachvollziehbar; dies ermöglicht Steueroptimierungen, undurchsichtige Finanzflüsse und riskante Börsengeschäfte. Die drei bisherigen regionalen Branchenvereinigungen reagieren jetzt und schließen sich zu einem nationalen Verband zusammen. Die neue Vereinigung will das Verständnis für Rohstoffe, den Rohstoffabbau und den Rohstoffhandel fördern und aufzeigen, wie die Rohstoffbranche ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnimmt. (10), (11), (12), (13)

Die Demokratische Republik Kongo gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt. Beispielsweise gibt es seltene Erze, etwa Coltan, das man für Handys braucht. Doch die Menschen sind arm, leben von Entwicklungshilfe. Glencore hat sich dort zu günstiger Zeit die Abbaurechte gesichert, schafft Arbeitsplätze - in der Tat, das ist gut! - zahlt Steuern auf Gewinne - sofern welche ausgewiesen werden! - und trägt eine Mitverantwortung für die nicht endenden Konflikte im Kongo. (14)




Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Top Rohstoffkonzerne nach Umsatz und Gewinn
Anteil vom
UmsatzGewinnUmsatz
Unternehmenin Milliarden Dollarin Prozent
Glencore/Xstrata220,19,94,5
BHP Billiton72,215,421,3
Rio Tinto60,56,810,9
Vale59,022,738,5
Anglo American30,67,925,8

Quelle: Unternehmensangaben Entnommen aus: Wirtschaftswoche, 41/2012, S. 61 (15)

Weiterführende Literatur:

(1.) Ungestillter Rohstoffhunger
aus EURO, 18.06.2014, Nr. 7, S. 76 - 78

(2.) Paradigmenwechsel in der Rohstoffindustrie. Kupfer, Zink, Nickel sowie Platin und Palladium sind die Favoriten für 2014
aus Finanz und Wirtschaft vom 05.04.2014, Seite 27

(3.) Aktionärsfreundliche Politik...der Rohstoffmultis ist gefährdet
aus Finanz und Wirtschaft vom 04.10.2014, Seite 10,11

(4.) Wenn sich Räder rückwärts drehen
aus Euro am Sonntag, 05.04.2014, Nr. 14, S. 28 - 29

(5.) Neue Struktur, neue Probleme
aus Euro am Sonntag, 23.08.2014, Nr. 34, S. 23

(6.) Top-Bergbaukonzerne räumen auf. International Verstärkter Fokus auf Kostensenkungen und moderaterer Kapitaleinsatz führen zu verbesserten Ergebnissen.
aus Finanz und Wirtschaft vom 05.03.2014, Seite 5

(7.) Sparkurs beschert Rio Tinto Milliardengewinn
aus manager-magazin.de vom 13.02.2014

(8.) Glencore versucht es durch die Hintertür
aus manager-magazin.de vom 07.10.2014

(9.) Noch lange nicht satt
aus Börse Online, 25.09.2014, Nr. 39, S. 26

(10.) Rohstoffbranche gibt sich neue Organisationsstruktur SchweizDie drei bisherigen regionalen Branchenvereinigungen schliessen sich zu einem nationalen Verband zusammen.
aus Finanz und Wirtschaft vom 04.10.2014, Seite 10,11

(11.) Der Rohstoffhandel schätzt Genf für seine Diskretion
aus Berner Zeitung vom 08.10.2014, Seite 10

(12.) Ausbeutung
aus Berner Zeitung vom 23.08.2014, Seite 24

(13.) Intransparenz!
aus Berner Zeitung vom 23.08.2014, Seite 24

(14.) Glencore spielt mit der Regierung des Kongo
aus Tagesanzeiger vom 10.09.2014 Seite 6

(15.)International: Top Rohstoffkonzerne
aus GENIOS Statistiken vom 27.05.2013

Anja Schneider
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 15.12.2014
Dokumentnummer: s_ene_20141215

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