Mehr Luxus als Laster - Die Zigarettenindustrie floriert

LEBENSMITTEL | GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2008 vom 22.09.2008

Beitrag

Das Marktumfeld für die Tabakindustrie ist schwieriger denn je. Doch unbeeindruckt von Anti-Raucher-Gesetzen, Werbeverboten und westlichen Gesundheitstrends verbucht die Branche satte Gewinne.

Jahre lang wurde die Tabakindustrie für tot erklärt. Zahlreiche Gerichtsprozesse machten ihr seit den neunziger Jahren zu schaffen - der spektakulärste endete gar mit der Verpflichtung der größten amerikanischen Tabakhersteller, 200 Milliarden Dollar an mehrere US-Bundesstaaten zu zahlen. Die Kunden achteten zunehmend auf eine gesunde Lebensweise, wollten ihre Gesundheit nicht länger aufs Spiel setzen und blieben aus. Hinzu kamen strenge Auflagen für Werbung und Anti-Raucher-Gesetze, die den Herstellern zu schaffen machten. Alles in allem kein günstiges Umfeld für die Branche. (1)


Mehr Umsatz, weniger Stückzahlen

Doch der Tabakindustrie geht es - allen Unkenrufen zum Trotz - so gut wie schon lange nicht mehr. Selbst in Ländern wie den Vereinigten Staaten, wo die Zahl der Raucher seit mehreren Jahren kontinuierlich zurück geht und umfassende Rauchverbote existieren, ist nach Aussage von Analysten noch ein Umsatzwachstum möglich. Der steigende Umsatz geht vor allem auf Preiserhöhungen in den angestammten Märkten in den USA und Europa zurück, mit denen die Konzerne die rückläufigen Mengen von Tabakwaren mehr als wett machen: Denn als Produkt mit Suchtwirkung ist Tabak weniger preissensibel als die meisten anderen Konsumgüter, so dass die Hersteller deutliche Preiserhöhungen durchsetzen können - und die Preise steigen derzeit schneller als die Stückzahlen fallen. So sind beispielsweise die Preise für Zigaretten in Großbritannien in den vergangenen vier Jahren um durchschnittlich sechs Prozent gestiegen, während die verkaufte Menge um vier Prozent zurück ging - insgesamt erzielten die Tabakhersteller also ein Umsatzwachstum. Analysten halten das Beispiel Großbritannien mit Blick auf die vergleichsweise geringe Preissensibilität von Rauchern für besonders aussagekräftig. Denn dort sind die Zigaretten mit durchschnittlich 7,25 Euro pro Schachtel am teuersten auf der Welt. Experten gehen daher davon aus, dass die Tabakindustrie auch in anderen Ländern bei den Preisen noch Spielraum haben.
Die weltweite Zigarettenproduktion wird jedoch nach Aussage von Experten nicht zuletzt dank der stetig wachsenden Nachfrage in Entwicklungs- und Schwellenländern wie China oder Indien deutlich zulegen - derzeit werden weltweit sechs Billionen Zigaretten pro Jahr produziert, 2025 sollen es nach Angaben der WHO bereits neun Billionen sein. (1), (2)

Der steigenden Zigarettenproduktion steht jedoch die Tatsache gegenüber, dass in diesem Jahr sechs Milliarden weniger versteuerte Tabakwaren abgesetzt werden als im Vorjahr, insgesamt voraussichtlich rund 85 Milliarden. Das hierzulande seit 1. Juli gültige Rauchverbot in Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen spielt dabei jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Das Anti-Raucher-Gesetz hat der Industrie lediglich ein Absatzminus von drei Prozent eingehandelt. Mittelfristig gehen die Konzerne von einem Minus von rund einem Prozent jährlich aus.
Kopfschmerzen bereiten der Branche vielmehr die Tabaksteuererhöhungen und der daraus resultierende Zigarettenschmuggel. Allein zwischen 2002 und 2005 wurde die Tabaksteuer fünf Mal erhöht. Im zweiten Quartal des Jahres wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts fünf Prozent weniger Zigaretten versteuert als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im ersten Quartal des Jahres ging die Zahl der versteuerten Zigaretten sogar um knapp neun Prozent zurück. Der Zigarettenschmuggel floriert wie nie zuvor. 22 bis 24 Milliarden Zigaretten werden jedes Jahr nicht versteuert, das ist jede fünfte Zigarette. Neben dem volkswirtschaftlichen Schaden entgehen Industrie und Handel auf diese Weise Umsätze in Höhe von einer Milliarde Euro. Besonders groß ist der Schaden bei gefälschter Ware aus China und Osteuropa - in Deutschland dominiert der illegale Import legaler Ware aus Ländern, in denen die Zigarettenpreise aus steuerlichen Gründen niedriger sind, wie etwa im Grenzbereich zu Polen und Tschechien.
Den größten Teil des Umsatzes (74,3 Prozent) machte die Industrie im vergangenen Jahr mit Zigaretten, gefolgt von Feinschnitt (18,8 Prozent), Zigarren/Zigarillos (sechs Prozent) und Pfeifentabak (0,8 Prozent). (2), (3), [Abb.1]


Wachstum in Schwellenländern

Doch selbst wenn die Renditen in den westlichen Märkten teilweise mehr als doppelt so hoch sind wie in den Entwicklungsländern - der Umsatz wächst moderat. Die Tabakindustrie versucht daher einerseits das Wachstum mit neuen Tabakprodukten, wie mit Zigaretten ohne Zusatzstoffen oder rauchfreien Produkten wie Kau- oder Schnupftabak, anzukurbeln.
Andererseits ist die Industrie damit beschäftigt neue Märkte zu erschließen. Während in der westlichen Industriewelt immer weniger geraucht wird, ist der Zigarettenkonsum in China und Indien so hoch wie noch nie. In Entwicklungs- und Schwellenländern gilt Rauchen häufig nicht als verwerfliches Laster, sondern als Statussymbol. In Russland werden inzwischen doppelt so viele Zigaretten verkauft wie 1991, in Kenia hat sich die Zahl der Raucher seit 2003 verdoppelt und in Indonesien wuchs der Markt für Zigaretten trotz Anti-Raucher-Kampagnen der Regierung im ersten Quartal des Jahres um fast neun Prozent. Die Expansion der Tabakkonzerne erweist sich in so manchem Schwellenland als große Herausforderung. Der für die Tabakindustrie attraktive chinesische Markt etwa, wo inzwischen jede dritte Zigarette weltweit geraucht wird, wird bislang noch vom staatseigenen Monopolisten CNTC kontrolliert.

Dennoch: Die Tabakindustrie blickt optimistisch in die Zukunft und rechnet in den kommenden Jahren mit mehr Umsatz und größeren Gewinnen. (1), (2)



Fallbeispiele



Die Konsolidierung in der Tabakbranche hält an. Der Tabakkonzern Philip Morris International übernimmt den zweitgrößten kanadischen Zigarettenhersteller Rothmans für zwei Milliarden US-Dollar. Philip Morris begründet die Übernahme mit der strategischen Bedeutung des kanadischen Marktes, Rothmans mit seinen Marken Rothmans, Craven A und Bensons & Hedges verspricht sich von der Übernahme größere Wachstumschancen. (4)

In der Europäischen Union sollen nach dem Willen der EU-Kommission in drei Jahren nur noch Zigaretten verkauft werden, die sich nach kurzer Zeit selbst löschen, wenn nicht daran gesogen wird. In mehreren Bundesstaaten der USA sind die Hersteller bereits verpflichtet selbst löschende Zigaretten zu verkaufen. Derartige Zigaretten zeichnen sich durch eine dichtere Zone im Papier aus, die zwar der Raucher durch das Ziehen überwinden kann, die Glut allein aber nicht. Die EU-Kommission schätzt, dass weggeworfene oder unbeaufsichtigt gelassene glühende Zigaretten für zahlreiche Brände EU-weit und mindestens 1 000 Todesfälle verantwortlich sind. (5), (6)


Zahlen & Fakten

Abbildung 1: Der Deutsche Tabakmarkt im ersten Halbjahr 2007



Quelle: DZV, VdB, Bloomberg, FAZ-Archiv

Entnommen aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2008

Weiterführende Literatur:

(1.) Schulz, Thomas, Profitabler Qualm, Der Spiegel, 1.9.2008, NR. 36, S. 86
aus Der Spiegel, 01.09.2008, Nr. 36, Seite 86

(2.) Lindner, Roland / Ritter, Johannes, In die Zange genommen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1808.2008, NR. 192, S. 17
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2008, Nr. 192, S. 17

(3.) O.V., Tabaksteuereinnahmen sinken deutlich, Spiegel Online, 18.07.2008
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2008, Nr. 192, S. 17

(4.) O.V., Philip Morris kauft Rothmans in Kanada, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.08.2008, Nr. 179, S. 16
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2008, Nr. 179, S. 16

(5.) O.V., Zigarettennormen bis 2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2008, Nr. 187, S. 16
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2008, Nr. 187, S. 16

(6.) O.V., Zigaretten sollen sich selbst löschen / EU-Kommission will Brandgefahr mindern, Mitteldeutsche Zeitung, 6.08.2008
aus Mitteldeutsche Zeitung vom 06.08.2008

Autor GENIOS BranchenWissen: K.Zirkel
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2008 vom 22.09.2008
Dokumentnummer: s_leb_20080922

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