Factory Outlet Center - Segen für die Hersteller oder Fluch für die Händler

TEXTIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2010 vom 21.04.2010

Eigentlich sollen Outlet Center nur in Innenstädten von Oberzentren gebaut werden dürfen. So hat die Stuttgarter Landesregierung gerade ihre Gegnerschaft gegen neue Fabrikverkaufszentren in Baden-Württemberg deutlich gemacht. Aus den Reihen der Politiker heißt es: Es sei notwendig, die Zentren der Kommunen zu stärken und deren Attraktivität zu erhöhen. (1)

Doch immer häufiger finden sich hier Gegenbeispiele oder Ausnahmen, wie beispielsweise in Selb (Bayern). Besonders interessant dürfte das Ochtrup-Urteil sein. Dabei hatte der Verfassungsgerichtshof für Nordrhein-Westfalen auf eine Klage der Betreiber eines Centers in Ochtrup entschieden, dass die Bestimmung des Landes NRW, wonach Outlet Center mit mehr als 5 000 Quadratmeter Verkaufsfläche nur in Gemeinden mit mehr als 100 000 Einwohnern ausgewiesen werden dürfen, mit der NRW-Landesverfassung nicht vereinbar ist. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Urteil auf weitere Genehmigungsverfahren in ganz Deutschland auswirken wird.

Dass in Deutschland auf Sicht noch einige weitere Outlet Center entstehen werden, steht für Experten fest. 20 bis 25, so schätzen sie, könnten in Deutschland Platz finden. Europaweit hat sich die Zahl der FOC seit 2003 auf insgesamt 142 fast verdoppelt - dabei geht es hier um Outlets mit mindestens 5 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die einheitlich geplant und räumlich zusammenhängend ist. Besonders viele Outlet Center finden sich in Italien, wo sich die Zahl versechsfacht hat. In Großbritannien dürfte das Ende mit 41 Centern erreicht sein - damit ist das Königreich europäischer Spitzenreiter. In Deutschland gibt es bereits einige konkrete Projekte, die in Planung sind: Wiedmar bei Leipzig, Montabaur, Soltau, Gronau sollen ein neues Einkaufsparadies bekommen. (2)

In Wolfsburg ist ein Pilotprojekt entstanden: das erste innerstädtische Outlet Center wurde 2007 eröffnet - direkt zwischen Hauptbahnhof und Autostadt. Und hier hat der örtliche Einzelhandel wohl profitiert vom neuen Angebot. Hier spricht man von Synergieeffekten und einer erhöhten Attraktivität des Standortes Wolfsburg. Doch im ersten halben Jahr hatte man auch in Wolfsburg die neue Konkurrenz zu spüren bekommen: Gerade im Bereich HAKA ging der Umsatz um zehn bis zwölf Prozent zurück. Die Händler führten dies vor allem auf Markenüberschneidungen zurück. Als ein Problem sehen die Händler zum einen, dass die Kunden verstärkt auf Rabatte setzen. Zudem darf das Designer Outlet Center Wolfsburg (DOW), das in einer touristischen Sonderzone liegt an 40 Sonntagen im Jahr geöffnet sein. Das führte zu Ärger bei den Einzelhändlern, die nur an vier Sonntagen öffnen dürfen. Nach einer neuen Regelung wird die Anzahl des verkaufsoffenen Sonntage im DOW auf acht heruntergeschraubt werden. (3), (4)


Outlet Center - des einen Freud, des anderen Leid

Warum denn nun ein Outlet Center? Klar, die Kunden freuen sich. Dabei sind die angebotenen Waren nicht automatisch billiger als im Einzelhandel. Für die Betreiber dürfte es ein äußerst lukratives Geschäft sein. Doch warum nutzen Marken - darunter gerade viele Luxusmarken und hochpreisige Anbieter die Outlet Center? Durch das Betreiben von Outlets könne man Überproduktionen und 1b-Ware kontrolliert vermarkten, sagt beispielsweise Coen Duetz, Deutschland-Masterfranchisenehmer von Gant. So könne man Flächen im Einzelhandel immer frisch halten. Immer mehr Markenanbieter entwickeln gar klare Strategien für die Vermarktung in Outlet Centern. Besonders stark vertreten sind beispielsweise Fossil (in sechs deutschen Outlets) und Tom Tailor (15 Shops). Es gehört also schon fast zum guten Ton, ein Outlet im FOC zu betreiben. Und immer häufiger bringen die Hersteller nicht nur Restanten in die Outlets. Made For Outlet nennt sich das im Experten-Jargon - kurz MFO. Manch einer vermutet gar, dass etwa die Hälfte der Ware nur für FOCs produziert wird. (2)


Risiko oder Chance für den Einzelhändler?

Für den Einzelhandel an Outlet-Standorten stellt die Ansiedelung eines solchen Rabatt-Giganten immer ein Risiko dar. Auch wenn die Kunden größtenteils von weiter weg anreisen, sinken die Umsätze der örtlichen Händler besonders anfangs. Manche Unternehmer reagieren: Sie nehmen Marken, die besonders gut im FOC vertreten sind aus dem Sortiment. Mit anderen Markenanbietern lassen sich dagegen sogar bessere Konditionen aushandeln.

Mancher Händler hatte gehofft, von den Kundenströmen zu profitieren und diese in die Innenstadt umzuleiten - dies klappt aber kaum. So besinnen sich die Einzelhändler eben stärker auf ihre Vorzüge: Service und Beratung. Zudem fordern Einzelhändler immer stärkere Zugeständnisse von den Herstellern - darunter auch die Rücknahme von Resten, die dann ja wieder in die Outlets fließen können. (2)


Outlet Center via World Wide Web

Der Outlet-Markt hat sich nun auch das Internet erobert. Zunächst war dieses Geschäft einigen speziellen Clubs vorbehalten. Einkaufen ist dabei erst nach vorheriger - kostenloser - Mitgliedschaft möglich. Branchenführer ist hier der französische Anbieter Ventée Privée mit einem Umsatz von 680 Millionen Euro. Die Betreiber des französischen Shoppingclubs, der mittlerweile auf acht Millionen Kunden verweist, versuchen immer den jeweiligen Marktführer eines Segments dabei zu haben. Die Shopping-Clubs Brands4friends, Ventée Privée oder BuyVIP haben im vergangenen Jahr zusammen rund 150 Millionen Euro in Deutschland erlöst. Dabei ist der Aufwand vor allem für die Marken äußerst gering. (5), (6)
Nun ist mit Ebay ein großes Kaliber in den Markt eingestiegen. Unter mode.ebay.de können auch Restanten von 16 Marken ersteigert und gekauft werden. Mit dabei sind hier: Bellybutton, Belmondo, Eastpak, Felina, Fila, Speedo, Trigema und Triumph, die über ihre Markenshops wie bisher ihre Produkte anbieten.

Bei Ebay bietet man im Outlet-Bereich den zugelassenen Marken zwei Modelle an: Bei der "Direkten Integration" baut der Markenanbieter seinen Shop selbst in die Ebay-Umgebung ein. Er kann die Ware zum Festpreis oder aber als Auktion laufen lassen und kann zudem Verkaufsaktionen auf kurze Zeiträume beschränken. Entscheidet sich ein Markenanbieter für Ebay als Full-Service-Provider, so kann der Hersteller aus zwölf Dienstleistern wählen, die für ihn den Online-Shop entwickeln und verwalten. Beim Anbieter Ebay, bei dem gewerbliche Händler in Deutschland von April 2008 bis März 2009 Waren im Wert von 3,1 Milliarden Euro verkauften, will man den Outlet-Markt neben Live-Shopping und Markenshops zur dritten Säule machen. (7)



Trends

Man darf gespannt sein, wie sich der Markt der FOCs in Deutschland entwickelt. Dabei hängt vieles von der Genehmigungspolitik und möglichen Protesten ab. An den Kunden dürfte es sicher nicht liegen, wenn Deutschland ein weißer Fleck auf der Karte der Outlet Center bleibt. Denn gerade in Grenzgebieten zu Holland, Belgien, Frankreich und auch der Schweiz zeigt es sich: Die Deutschen kaufen gerne billig im Outlet Center. Dort kommen teilweise 50 Prozent der Kunden aus Deutschland.

Fallbeispiele

Die wohl bekanntesten und wohl auch umsatzstärksten Factory Outlet Center in Deutschland sind wohl Wertheim Village und Ingolstadt Village, die Value Retail betreibt. Die Briten betreiben insgesamt neun Center. Die beiden deutschen FOCs sind nach mehreren Erweiterungen mittlerweile 22 000 Quadratmeter groß. Wertheim Village ist nach den jüngsten Neueröffnungen von Escada und Windsor laut Retail&Operations Director Steven Cunningham komplett vermietet. In Ingolstadt, hier sind gerade Marc OPolo und Escada gestartet, seien 98 Prozent der Läden vermietet. Die durchschnittliche Produktivität in Wertheim liegt laut Cunningham bei 5 500 Euro je Quadratmeter, in Ingolstadt bei 4 600 Euro auf den Quadratmeter. (2)

Noch größer als die beiden Villages sollen die Zweibrückener The Style Outlets nach der dritten Erweiterung werden: rund 28 000 Quadratmeter Verkaufsfläche sollen im Herbst 2010 erreicht sein. Dann sollen etwa 30 neue Marken einziehen; insgesamt werden in Zweibrücken 130 Läden zu finden sein. Auch im vergangenen Jahr meldeten die Betreiber trotz Krise positive Zahlen: Im Vergleich zu 2008 konnten die Geschäfte, die von 2,5 Millionen Menschen besucht wurden, ihre Umsätze um 26 Prozent steigern. (8)

McArthurGlen gilt als FOC-Marktführer. Nun ist er auch auf dem deutschen Markt zu finden. Die Briten haben das B5 in Wustermark bei Berlin übernommen, das im Juni 2009 mit 40 Läden und 7 500 Quadratmeter Verkaufsfläche neu eröffnete. Im Sommer 2010 soll es um 60 Läden mit 9 000 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitert werden. Und der Marktführer will sich weiter in Deutschland engagieren und sucht weitere Projekte. (8)

Eines der größten deutschen Fabrikverkaufszentren ist der Ochtum Park in Stuhr bei Bremen. Diesen hatte der Betreiber Dr. Rolf Müllmann auf einem Grundstück an der A1 und der B6 mit einem Nahversorgungszentrum Mitte der 90er Jahre gestartet. Insgesamt sind auf dem Areal, das Müllmann und seiner Frau Michaela gehört, 37 Geschäfte mit 16 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, davon entfallen rund 3 700 Quadratmeter auf Fachmärkte wie Takko und Street Schuhe. Und der Besitzer würde gerne weiter expandieren - möglich sind laut Bebauungsplan weitere 2 350 Quadratmeter. Dabei mangelt es auch nicht an Mietinteressenten - von 40 ist in Stuhr die Rede. (8)




Zahlen & Fakten



Pilotprojekt mit Zuwachs

Das Designer Outlet Center Wolfsburg, das eine Fläche von 11 500 Quadratmeter umfasst, soll laut Projektgesellschaft Outlet Centers International (OCI) 2009 im Vergleich zum Vorjahr 100 000 Besucher mehr gehabt haben. 2008 waren es 1,3 Millionen Besucher und 2009 1,4 Millionen. Beim Umsatz wurde ein Zuwachs von 27 Prozent, flächenbereinigt sieben Prozent, erreicht. Im vergangenen Jahr haben Polo Ralph Lauren, Tommy Hilfiger, Bogner und Marc OPolo je ein Outlet im DOW eröffnet. Im Dezember ist ein Pop-up-Outlet des US-Labels Ed Hardy by Christian Audigier dazu gekommen. Im Sommer 2011 beginnt die zweite Bauphase, dann soll das DOW um zusätzliche 10 000 Quadratmeter Mietfläche und rund 50 neue Geschäfte erweitert werden. (3), (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Regierung gegen neue Outlet Center
aus Stuttgarter Zeitung, 12.04.2010, S. 5

(2.) Im Reich der Reste
aus TextilWirtschaft 11 vom 18.03.2010 Seite 038

(3.) Mehr Image, aber nicht mehr Umsatz
aus TextilWirtschaft 11 vom 18.03.2010 Seite 042

(4.) DOC Wolfsburg: Mehr Umsatz, mehr Kunden
aus TextilWirtschaft 05 vom 04.02.2010 Seite 048

(5.) Einkaufen nur für Mitglieder
aus Stuttgarter Zeitung, 13.03.2010, S. 44

(6.)Falsches Spiel
aus TextilWirtschaft Nr. 11 vom 18.03.2010, Seite 16

(7.) Ebay geht unter die Restehändler
aus TextilWirtschaft 14 vom 08.04.2010 Seite 004

(8.) FOC-News
aus TextilWirtschaft 11 vom 18.03.2010 Seite 043

S.Kneer
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2010 vom 21.04.2010
Dokumentnummer: s_tex_20100421

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