Alzheimer-Demenz - Pharmaforschung gegen die Heilung der Krankheit des Vergessens läuft auf Hochtouren

MEDIZIN & PHARMA | GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2009 vom 21.09.2009


Diagnose Alzheimer-Demenz für 700 000 deutsche Patienten

Im Alltagsgeschehen vergisst man schon mal etwas und schiebt es dann auf sein Alzheimer-Gedächtnis. Solange man damit scherzen kann, hat man gut lachen. Denjenigen, die ernsthaft unter der Diagnose Alzheimer-Demenz zu leben und zu leiden haben, ist in der Regel das Lachen vergangen.

Alzheimer-Demenz, die Krankheit des Vergessens, geht mit einer fortschreitenden Zerstörung der geistigen Fähigkeiten der Person einher. Es ist eine typische Alterskrankheit; die meisten Betroffenen sind 80 Jahre und älter. Mit steigendem Alter steigt die Zahl der Erkrankungen: Haben von den 75-Jährigen noch sechs Prozent Alzheimer, sind es bei den 85-Jährigen 20 Prozent.

Derzeit gibt es in Deutschland rund 700 000 Alzheimer-Kranke. In rund 40 Jahren werden es wohl sehr viel mehr sein, da unsere Gesellschaft dann deutlich älter ist. Die Mediziner rechnen mit einer Verdoppelung der Krankenzahl bis 2050. [Abb. 1] Schätzungen zufolge leiden in den USA etwa 4,5 Millionen Menschen an Alzheimer. Weltweit haben rund 24 Millionen Menschen Alzheimer oder eine andere Form der Demenz. Bis 2050 könnte die Zahl auf 100 Millionen steigen, schätzte die Internationale Alzheimer-Konferenz, die Mitte Juli in Wien stattfand. (1)

Viel Pflegepersonal wird dann erforderlich sein, denn im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit brauchen die Alzheimer-Patienten im Alltag die Hilfe von Angehörigen (zwei Drittel der Alzheimerpatienten werden derzeit noch zu Hause betreut!) oder ausgebildeten Pflegekräften.


Zugelassene Medikamente zögern den geistigen Verfall hinaus, heilen aber nicht

Schon vor 4 400 Jahren beschrieb der ägyptische Wesir Ptahhotep die Leiden des im Alter nachlassenden Geistes. Doch ein Medikament zur Heilung gibt es bislang nicht. Vier Medikamente sind zur Behandlung derzeit zugelassen und zögern den Verfall bis zu zwei Jahren hinaus: die drei AChE-Hemmer Donepezil, Galantamin und Rivastigmin und der NMDA-Antagonist Memantin.

AChE-Hemmer: Bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Krankheit lässt sich der Verfall der geistigen Fähigkeiten durch Medikamente bremsen, die das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) hemmen; sie heißen deshalb auch AChE-Hemmer. Dieses Enzym sorgt für den raschen Abbau des Botenstoffs Acetylcholin. Durch seine Hemmung wird die Signalübertragung durch die noch funktionstüchtigen Nervenzellen verstärkt, was den Ausfall einiger Nervenzellen zu einem gewissen Grade auffängt. In Studien wurde gezeigt, dass sich mit den drei zugelassenen AChE-Hemmern die geistige Leistungsfähigkeit in den ersten Behandlungsmonaten geringfügig steigern lässt, danach sinkt sie allmählich wieder ab, sodass nach neun bis zwölf Monaten der Ausgangszustand wieder erreicht ist. Insgesamt wird ein Hinauszögern des Fortschreitens der Erkrankung um ein bis zwei Jahre erreicht.

Zu dieser Kategorie zählt das Medikament Aricept des Weltmarktführers Pfizer und der japanischen Eisai. Es ist das bislang umsatzstärkste Mittel in der Alzheimer-Behandlung und erzielte 2008 einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar.

Der NMDA-Antagonist: Bei moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz ist der Wirkstoff Memantin wirksam und zugelassen. Er verbessert bzw. erhält geistige, alltagspraktische und allgemeine Fähigkeiten, die Selbstständigkeit bleibt dadurch länger erhalten. Studien zufolge kann die Betreuungszeit um bis zu 1,5 Stunden pro Tag reduziert werden, was vor allem für pflegende Angehörige von großer Bedeutung ist. Der Wirkstoff wird als NMDA-Rezeptorantagonist (N-Methyl-D-Aspartat-Antagonist) klassifiziert; bislang gibt es kein anderes Medikament dieser Klasse. Memantin verhindert die krankhaft erhöhte Glutamatkonzentration zwischen den Nervenzellen und kann diese so vor der Schädigung und Zerstörung besser schützen. Signale können so wieder besser weitergeleitet werden. Memantin ist übrigens der einzige Wirkstoff, der in Deutschland erfunden und von der Frankfurter Pharmafirma Merz auf den Markt gebracht wurde. Alle anderen Wirkstoffe - auch die noch nicht zugelassenen - stammen aus ausländischen Labors. (2)


Pharmaforschung zur Entwicklung neuer Medikamente läuft auf Hochtouren

Die Pharmaindustrie hat das Potential, das in der zukünftigen Behandlung von Alzheimer-Demenz steckt, längst erkannt. Zahlreiche Forschungsteams arbeiten auf Hochtouren. Der Verband der Forschenden Arzneimittelunternehmen (vfa) erklärt, dass fast die Hälfte seiner Mitgliedsunternehmen in mindestens einem ihrer weltweiten Forschungszentren daran arbeitet. Sechs Projekte gibt es derzeit, die bis 2013 auf den Markt kommen könnten. Fünf davon sind therapeutische Medikamente, und eines ein Diagnostikum, das Veränderungen, die Alzheimer im Gehirn bewirkt, nachweisen soll. [Abb. 2] Derzeit werden international etwa 120 Studien mit Patienten durchgeführt, um neue Alzheimermedikamente zu erproben. Wie gut sie wirken, wird man erst in einigen Jahren wissen. Zahlreiche Forschungsprojekte mussten schon erfolglos abgebrochen werden.

Der Markt lockt mit erwarteten Jahresumsätzen von etwa 25 Milliarden Dollar weltweit und könnte damit zu einem der wichtigsten in der Branche werden. Im vergangenen Jahr betrugen die Einnahmen aus Alzheimer-Medikamenten allein in den USA etwa 3,5 Mrd. Dollar. (1)

Es gibt im Wesentlichen zwei Ansatzpunkte für die Forscher, nämlich die zwei Sorten anomaler Eiweißablagerungen, die im Verlauf der Krankheit im Gehirn entstehen. (2)

Erstens: Beta-Amyloid-Plaques (BAP)
Das sind Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen. Alois Alzheimer hat vor rund hundert Jahren im Hirngewebe einer verstorbenen demenzkranken Patientin massenhaft Eiweißablagerungen zwischen den Hirnzellen entdeckt, eben diese so genannten Plaques. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Beta-Amyloid-Plaques wesentlich zum Absterben von Nervenzellen beitragen. Deshalb setzen die meisten neuen Medikamente, die derzeit in Studien mit Patienten erprobt werden, am Beta-Amyloid-Protein an. Die einen verhindern die Erzeugung des Beta-Amyloid-Proteins, die anderen verhindern seine Nerven-Giftigkeit und wieder andere funktionieren über künstlich hergestellte monoklonale Antikörper, die sich an die Beta-Amyloid-Proteine heften und diese so markieren. Das Immunsystem baut die markierten Proteine dann ab.
Die Forscher arbeiten auch an therapeutisch einsetzbaren Impfstoffen, die dafür sorgen, dass im Körper des Patienten selbst Antikörper gebildet werden, die Beta-Amyloid-Protein markieren und so seinen Abbau einleiten. Doch noch sind die Nebenwirkungen zu hoch und keines der Medikamente zur Behandlung zugelassen.

Zweitens: Tau-Fibrillen
Das sind Faserbündel aus Eiweiß in den Nervenzellen. Sie sind für den Transport von Botenstoffen untauglich, und viele Wissenschaftler nehmen an, dass sie wesentlich zum Tod von Nervenzellen beitragen. Daher werden Wirkstoffe entwickelt, die deren Bildung verhindern sollen (z.B. Methylenblau, Dimebolin).

Umstritten ist, ob das Inhalieren von Insulin die Hirnfunktionen verbessert. (3)


Alzheimer genetisch bedingt?

Vor kurzem war zu lesen, dass Forscher drei neue Risikogene entdeckt haben, die den Ausbruch der Alzheimer-Krankheit begünstigen können. Der künftige Direktor des Frankfurter Psychiatrie-Uniklinikums, Harald Hampel, habe mit Kollegen in umfangreichen Untersuchungen gezeigt, dass die Erkrankung genetisch bedingt sein könnte, teilte die Goethe-Universität mit. Im Rahmen der bisher weltweit größten Alzheimer-Genetikstudie seien mehr als 16 000 Personen untersucht worden. An der Untersuchung waren zwei internationale Forscherteams beteiligt. Bisher waren nach Darstellung der Universität nur vier Gene bekannt, die an der genetisch komplexen Krankheit beteiligt sind.

Die Pharmaforscher arbeiten bereits an Methoden, die eine frühzeitige Diagnose von Alzheimer ermöglichen, lange bevor es überhaupt zum Absterben der Gehirnzellen kommt und Krankheitssymptome auftreten. So wird erprobt, Substanzen einzusetzen, die sich spezifisch an Beta-Amyloid-Plaques binden und dann mit modernen Diagnosegeräten (PET-Scanner) im Kopf nachgewiesen werden können.


Abwärts: Rückschlag für Merz-Medikament!

Das Alzheimer-Medikament Axura mit dem Wirkstoff Memantine aus den Labors der Merz GmbH & Co. KGaA muss jetzt möglicherweise einen schweren Rückschlag hinnehmen. Denn das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) hat befunden, dass das Medikament Memantine Patienten mit mittlerer oder schwerer Alzheimer-Demenz keinen Nutzen bringt.
Folgt der Gemeinsame Bundesausschuss diesem Gutachten, würde Memantine von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr erstattet werden. Für Merz ist das ein harter Schlag. Memantine ist derzeit der größte Umsatzbringer. Das Präparat hat im Geschäftsjahr 2007/2008 bei Merz und seinen Vertriebspartnern, der dänischen Lundbeck für Europa und Forest Laboratories in den USA, zusammen 1,3 Milliarden Dollar erlöst. Der Patentschutz für Memantine läuft in Europa 2014 und in Amerika 2015 aus. (4), (5)


Aufwärts: Johnson & Johnson kauft sich in die Alzheimerforschung ein

Johnson & Johnson, der weltgrößte amerikanische Produzent für Gesundheitsprodukte, dürfte hingegen in der Alzheimerforschung einen erfolgversprechenden Coup gelandet haben. Er kaufte sich in das Alzheimer-Programm der irischen Elan und der amerikanischen Wyeth ein. Dieses beinhaltet mehrere Substanzen, darunter ein biotechnischer Wirkstoff in der abschließenden klinischen Testphase sowie ein potenzieller Impfstoff gegen Alzheimer. Hat das Programm Erfolg, steigt J&J zu einem der wichtigsten Unternehmen auf dem Gebiet der Alzheimer-Behandlung auf. (6)





Fallbeispiele

Weltweit gibt es aktuell laut Verband der forschenden Arzneimittelhersteller zehn Alzheimer-Forschungsprojekte, die sich in der dritten Phase, also der letzten der klinischen Prüfung vor dem Zulassungsantrag, befinden. Weitere 45 laufen laut Datenbank PharmaProjects in der zweiten Forschungsphase.
Der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer testet in Kooperation mit dem in Kalifornien (USA) ansässigen Unternehmen Medivation Inc. den Wirkstoff Dimebon gegen leichte und mittelschwere Demenz.
Andere fortgeschrittene Studien gibt es von Eli Lilly, deren Wirkstoffe den Abbau von Plaque fördern, beziehungsweise deren Bildung vermindern sollen. (7)

Auch in deutschen Pharmalabors wird an neuen Wirkstoffen geforscht.
Bayer (Wuppertal) forciert die Entwicklung einer neuen Substanz zur Früherkennung von Alzheimer, die bisher noch unter dem kryptischen Namen BAY 94-9172 firmiert. Bei Aussagen zum Umsatz hält sich der Konzern aber noch bedeckt.

Boehringer Ingelheim
(Biberach) will mit dem amerikanischen Wettbewerber Vitae Pharmaceuticals Medikamente zur Bekämpfung der Erkrankung entwickeln. (8)

Auch Abbott (Ludwigshafen), Roche (Penzberg) und Probiodrug (Halle) forschen an neuen Alzheimer-Medikamenten.

Zudem gewinnt die akademische Forschung zu Alzheimer in Deutschland an Bedeutung. Im Juni 2009 wurde das Helmholtz-Zentrum Bonn - Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen eingeweiht. Es soll die Forschung in Deutschland zu Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson bündeln und der Erforschung von Krankheitsursachen einen neuen Schub geben. Dadurch sollen neue Möglichkeiten für Prävention und Früherkennung, die Entwicklung wirksamerer Therapien und die besten Formen der Pflege und Versorgung eröffnet werden, um den Patienten künftig ein besseres Leben zu ermöglichen.
Im August 2009 hat zudem an der Universität des Saarlands, Campus Homburg, das Deutsche Institut für DemenzPrävention (DIDP) seine Arbeit aufgenommen. Es sucht nach neuen Strategien, wie Demenzen vorgebeugt werden kann.




Zahlen & Fakten Abbildung 1: Demenz breitet sich aus Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft Entnommen aus: Handelsblatt Nr. 130, 10.07.2009 Abbildung 2: Neue Medikamente, die mindestens die letzte Erprobungsphase mit Patienten (die Phase III) erreicht haben Quelle: Verband forschender Arzneimittelhersteller e.V. Entnommen aus: www.vfa.de Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Demenz breitet sich aus
Zahl der Kranken 2000 bis 2005*
Jahrin Millionen
20000,94
20101,21
20201,55
20301,82
20402,2
20502,62
*geschätzte Zahl der Kranken in Deutschland
Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft Entnommen aus: Handelsblatt Nr. 130, 10.07.2009
Abbildung 2: Neue Medikamente, die mindestens die letzte Erprobungsphase mit Patienten (die Phase III) erreicht haben
Wirkstoff des neuen MedikamentsWirkungsweiseStand der Entwicklung
Bapineuzumabfördert Abbau von PlaquesPhase III
Solanezumabfördert Abbau von PlaquesPhase III
Semagacestatmindert Bildung von PlaquesPhase III
DimebolinAntagonist des HistaminrezeptorsPhase III
Stand: 9. September 2009

Quelle: Verband forschender Arzneimittelhersteller e.V. Entnommen aus: www.vfa.de

Weiterführende Literatur:

(1.) Vielversprechende Pipeline. Johnson & Johnson hat sich in der Alzheimer-Forschung bestens positioniert
aus Handelsblatt Nr. 132 vom 14.07.09 Seite 28

(2.) Alzheimer: Topthema der Pharmaforschung
aus Handelsblatt Nr. 132 vom 14.07.09 Seite 28

(3.) Mit Insulin gegen Alzheimer
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2009, Nr. 173, S. N2

(4.) Iqwig entscheidet gegen Medikament von Merz
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2009, Nr. 211, S. 15

(5.) Rückschlag für Pharmafirma Merz
aus Handelsblatt Nr. 175 vom 11.09.09 Seite 16

(6.) Johnson & Johnson stärkt Alzheimer-Forschung. Pharmariese beteiligt sich an irischer Firma Elan
aus Handelsblatt Nr. 125 vom 03.07.09 Seite 12

(7.) DIE PHARMABRANCHE entdeckt Alzheimer-Therapien als großes Wachstumsfeld. Schwerer Kampf gegen das Vergessen
aus Handelsblatt Nr. 130 vom 10.07.09 Seite 12

(8.) Kampf um den Alzheimer-Markt. Zahlreiche Medikamente vor der Zulassung
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2009, Nr. 159, S. 14

Autor GENIOS BranchenWissen: A.Schneider<b>Autor GENIOS BranchenWissen: </b><b><i>A.Schneider</i></b>
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2009 vom 21.09.2009
Dokumentnummer: s_pha_20090921

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