Twitter - wem nützt es und wie kann man es nutzen

IT, ELEKTRONIK, TELEKOMMUNIKATION | GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2009 vom 20.04.2009

Beitrag

Twitter, eigentlich geschaffen für die Kommunikation zwischen Freunden, Verwandten und Kollegen, taugt auch für das Marketing von Unternehmen und politischen Parteien. Welche Nutzungsmöglichkeiten gibt es, finden sie bereits Anklang, und wie sind die Erfahrungen damit?

Wie Facebook, Youtube und andere Online-Dienste ist Twitter als soziales Netzwerk Teil des sogenannten Web 2.0. Bei jeder "Tweet" genannten Twitter-Nachricht handelt es sich um eine Art SMS an eine unbegrenzte Anzahl anderer registrierter Teilnehmer. Ein Tweet ist auf nur 140 Zeichen begrenzt und kann per Handy, Smartphone oder mit dem PC versandt und empfangen werden. Unter dem Motto "What are you doing?" richtet sich Twitter an Freunde, Familienangehörige und Kollegen. Twittern ist äußerst simpel und bisher kostenlos. (1), (2)


Professionelles Twittern

Die Eigenschaften sozialer Netzwerke eignen sich prinzipiell auch für das Marketing von Unternehmen und politischer Parteien, also dort, wo Kommunikation außerhalb persönlicher Beziehungen besonders bedeutsam ist. Facebook und Youtube spielen dabei bereits eine große Rolle, doch auch der noch junge Kurznachrichtendienst Twitter mischt inzwischen mit. (3)
Bisher eher noch ein Hype, besitzt Twitter zum Beispiel im Wahlkampf des "Superwahljahrs" 2009 durchaus Mobilisierungspotential, da eine steigende Zahl Menschen in Deutschland den Dienst nutzt - wenn auch der Anteil in der Bevölkerung im Gegensatz zu Twitters Ursprungsland den USA noch eher gering ist. Gerade in den ersten Monaten des Jahres 2009 sind die Zahlen jedoch sprunghaft gestiegen. Noch Anfang dieses Jahres gab es weltweit ca. sechs Millionen Nutzer, doch schon im März wies das Unternehmen selbst allein für die USA 14 Millionen Mitglieder aus (ca. vier Prozent der Bevölkerung). Die Zahl der Mitglieder in Deutschland wird auf etwa 80 000 Personen (ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung) geschätzt. Es handelt sich also um eine noch kleine aber wachsende Nische. (4), (5)
Mitgliedschaft bedeutet selbstverständlich noch nicht regelmäßige Nutzung. Diese hängt zweifellos auch von einem attraktiven Angebot ab. Gerade Personen, die sich zu einem Thema selbst und ernsthaft zu Wort melden, wünschen dabei ernst genommen und nicht mit simplen Werbebotschaften abgespeist zu werden.


Online-Wahlkampf 2009

Angeregt durch den großen Erfolg Barack Obamas, versuchen alle großen deutschen Parteien, ihren Wahlkampf in diesem Jahr verstärkt auch online zu führen und dabei das Gespräch mit dem Wahlvolk zu suchen. Die Hoffnung liegt in einer höheren Reichweite. Allerdings ist die Zahl der Online-Anhänger noch recht klein. Die Liberalen sind anzahlmäßig mit 10 100 Anhängern Vorreiter gegenüber CDU (5 400) und SPD (5 200). Immer mehr Kandidaten nutzen laut einer Studie dabei auch Twitter. (3)
Unter Parteimanagern gelten die Kommunikationsmöglichkeiten des Kurznachrichtendienstes mit seinen Nachrichten von maximal 140 Zeichen indes als zu eingeschränkt, um die gewünschten Botschaften zu übermitteln. So bleibt es der Motivation einzelner Kandidaten überlassen, Twitters Potentiale zu nutzen. (3), (6)
Womöglich verhalten sich die Parteien damit allzu vorsichtig. Wie alle mobilen und Online-Dienste lässt sich per Handy und Internet wohl vor allem die jüngere Generation ansprechen, die mit dieser Technik selbstverständlich umgeht, aber nicht unbedingt in eine Wahlveranstaltung oder einen Ortsverein zu locken ist. Abgesehen davon ist es ein Fehler, Twitter lediglich als einen weiteren Mitteilungskanal zu begreifen. Twitter lebt von wechselseitiger Kommunikation, also von dem Gespräch zwischen mindestens zwei Beteiligten. Gerade in der Politik sollte man meinen, dass ein solches Wechselspiel von erheblicher Bedeutung ist. Es erlaubt einen Blick auf Stimmungen, gibt Anregungen und eine gewisse Art der Legitimation, die über das Abgeben einer Stimme hinausgeht. Twitter besitzt die Fähigkeit, dies zu unterstützen. Dabei könnten pro Nachricht auch 140 Zeichen genügen.


Unternehmenskommunikation

Dem Produktmarketing bietet Twitter nicht zu vernachlässigende Möglichkeiten. Plattformunabhängigkeit der Technik sowie eine wachsende Empfängergruppe sind dabei die Basis. Mit Hilfe des kostenlosen Dienstes lässt sich Werbung günstig verbreiten, allerdings kann hiermit keine konventionelle Werbung mit vorgefertigten Botschaften für alle gemeint sein. Diese wird wenige Anhänger finden. (2)
Wesentlich ist es, den Followern, also den Abonnenten eines Tweets, zuzuhören, auf ihre Anregungen einzugehen und sie im Produktmanagement zu nutzen. Dazu gehört eine gut funktionierende Supportstelle als Alternative zur zum Teil endlosen Telefonwarteschleife, an deren Ende der Kunde noch schlecht informiert wird oder sich zumindest schlecht informiert fühlt. Der Vorteil: Jeder interessierte Follower kann die entsprechenden Tweets mitlesen. Dies erspart ihm und dem Unternehmen nicht nur eine eigene Anfrage oder Beschwerde. Die höhere Transparenz ist auch ein Anreiz, ausschließlich kompetentes und motiviertes Personal an dieser für Kunden so wesentlichen Stelle zu beschäftigen und dieses zu fördern und nicht zu demotivieren. (4)
Unerwünschte Werbebotschaften sind in jedem Fall zu vermeiden! Beidseitige Kommunikation dagegen stärkt die Bindung. Follower, die ja freiwillige Abonnenten sind, sind in der Regel an Mitteilungen des Unternehmens interessiert. Wichtig ist auch der Netzwerkeffekt: Die Zahl der möglichen Kunden dürfte größer sein als die der Follower, wenn Abonnenten Informationen aus Werbebotschaften per Mund-zu-Mund-Propaganda weitergeben. Dies setzt Glaubwürdigkeit voraus. (2)
Wem es gelingt, der kann sich auch als Meinungsmacher für ein noch nicht abgedecktes Fachgebiet profilieren. Allerdings sollte dieses Fachgebiet auch Interessenten finden, und auch hier gilt: Erst einmal zuhören! Etwas Geduld ist auf jeden Fall erforderlich, wenn man ein Twitter-Konto einrichtet, denn dieses muss erst bekannt werden. (2), (4)
Trotz all dieser Optionen wissen zumindest Verantwortliche in börsennotierten deutschen Unternehmen bisher mit Twitter wenig anzufangen. Zwar unterhalten einige einen Account, doch genutzt werden davon nur fünf Prozent. Von 110 befragten Unternehmen twittern nur sechs aktiv. Einige überprüfen immerhin ihr Image, indem sie verfolgen, was über sie getwittert wird. Vielleicht ist es erforderlich, die Einstellung des eigenen Unternehmens zum Kunden sowie zur Kommunikation mit ihm zu verändern. (7)


Aufgepasst

Wie alle Dienste im Internet ist auch Twitter nicht gefeit gegen Hacking und Spam, Computerviren, Phishing etc. Soziale Netzwerke wie Twitter leben von dem Vertrauen, das ihre Nutzer einander entgegenbringen. Dies wird gern ausgenutzt. Ein besonderes Problem sind allerdings die zeitweise sehr häufigen Ausfälle des Dienstes. Ein Manko ist wie in allen sozialen Netzwerken auch die fehlende Qualitätskontrolle. Gerade mit Twitter verbreiten sich Nachrichten rasant, auch wenn sie falsch sind. (1), (8), (9), (10)


Fazit

Twitter bietet zahlreiche Optionen für Unternehmen wie für politische Parteien und Kandidaten, mit ihren jeweiligen Zielgruppen in beidseitigen Kontakt zu treten, Wünsche, Bedürfnisse und Interessen (besser) kennenzulernen und somit zielgruppennäher zu agieren. Leider werden diese Potentiale in Deutschland bisher nur unzureichend genutzt. Twitter ist jedoch eine bedenkenswerte Alternative und Ergänzung zur herkömmlichen Kommunikation. Wie bei jedem Online-Dienst ist eine gewisse Umsicht erforderlich, in jedem Fall jedoch eine gesunde Einstellung zum Kunden und zu seinem Wünschen und Bedürfnissen. Es wird auch nicht genügen, den Bürger oder Kunden sprechen zu lassen und seine Meinung anschließend zu ignorieren.



Fallbeispiele



Der Müsli-Versand MyMüsli nutzt Twitter erfolgreich, um Produktanregungen seiner Kunden zu erhalten. Gründer Max Wittrock hebt die Vorteile der schnellen und direkten Kommunikation hervor sowie die Tatsache, dass man ausschließlich wirklich interessierte Personen anspricht. (4)

Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) nutzt Twitter und hat derzeit ca. 2 000 Follower. (9)

Kajo Wasserhövel (SPD) befürchtet einen Kontrollverlust der Parteizentrale, sollte sich der Wahlkampf allzu sehr ins Netz verlagern. Peter Radunski (CDU) beklagt, dass im Vergleich zum Wahlkampf Barack Obamas in Deutschland zu wenig finanzielle Mittel für den Online-Wahlkampf vorhanden seien und den Kandidaten ohnehin das nötige Charisma des amerikanischen Präsidenten fehle. (6)

Twitter bewies sein bemerkenswertes Mobilisierungspotential im Zusammenhang mit einer Abmahnung der Deutschen Bahn gegen einen Blogger. (9)


Zahlen & Fakten

-Im Februar 2009 gab es in Deutschland etwa 80 000 registrierte Twitter-Mitglieder. Der Dienst erlebte in den vorangegangenen Wochen weltweit erhebliche Zuwächse. Im vergangenen Jahr verneunfachte sich die Zahl der Mitglieder. (4), (5)

-Bei politischen Online-Netzwerken führt die FDP mit 10 100 Anhängern, gefolgt von CDU (5 400) und SPD (5 200). Das Netzwerk von Bündnis 90/Die Grünen war zum Zeitpunkt der zugrundeliegenden Quelle noch nicht am Start. (3)

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Twitter-Partie / Heute schon getwittert? Manche halten diese neue Form der Kurznachricht für revolutionär, andere für völlig überflüssig. Was ist wirklich dran?, Computer Bild, Nr. 5 vom 16.02.2009, Seite 8
aus Computer Bild Nr. 5 vom 16.02.2009 Seite 8

(2.) O.V., Twittern für Profis, Computerwoche, 30.01.2009, Nr. 05
aus Computerwoche, 30.01.2009, Nr. 05

(3.) Gillmann, Barbara / Delhaes, Daniel / Knüwer, Thomas, Brüder zum Netze, zu Facebook / SIEGEN WIE OBAMA Der US-Onlinewahlkampf und die Folgen. Heute: die Strategien der großen Parteien, Handelsblatt, Nr. 055 vom 19.03.09, Seite 19
aus Handelsblatt Nr. 055 vom 19.03.09 Seite 19

(4.) Knüwer, Thomas / Löwer, Chris, Wenn der Kunde zwitschert / Unternehmen entdecken den Kurznachrichtendienst Twitter als Instrument zum Gespräch mit dem Kunden, Handelsblatt, Nr. 040 vom 26.02.09, Seite 19
aus Handelsblatt Nr. 040 vom 26.02.09 Seite 19

(5.) O.V., Twitter wächst um 1200 Prozent, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2009, Nr. 83, S. 16
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2009, Nr. 83, S. 16

(6.) Gillmann, Barbara, Deutsche Parteimanager träumen vom Erfolg à la USA - In der Praxis tun sie sich äußerst schwer, Siegen wie Obama? - No we can't ..., Handelsblatt, Nr. 065 vom 02.04.09, Seite 4
aus Handelsblatt Nr. 065 vom 02.04.09 Seite 4

(7.) O.V., Deutsche Firmen nutzen Twitter bisher kaum, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2009, Nr. 86, S. 16
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2009, Nr. 86, S. 16

(8.) O.V., Micro-Blogging-Portal Twitter erneut gehackt / Das Micro-Blogging-Portal Twitter.com ist erneut Hacker-Angriffen zum Opfer gefallen. Dabei haben die Hacker mehr als 700 Accounts manipuliert und über diese die Nachricht verschickt "hey! 23/Female, Computer-Informations-Dienst vom 10. März 2009
aus COMPUTER-INFORMATIONS-DIENST vom 10.März 2009

(9.) O.V., Bonsai-Blogs - Warum Twitter und Co. mehr als ein Web-2.0-Modegag sind, c't - Magazin für Computertechnik, 05/2009, S. 9
aus c't - Magazin für Computertechnik, 05/2009, S. 98

(10.) O.V., Risiko Web 2.0: Zusatzanwendungen sind Web-2.0-Zeitbomben / Facebook: Gehackte Accounts bringen Kontakte in Gefahr, Computer Zeitung, Heft 9, 2009
aus Computer Zeitung, Heft 9, 2009

Autor GENIOS BranchenWissen: K.Werth
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2009 vom 20.04.2009
Dokumentnummer: s_tel_20090420

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