Wenn Kleidung mitdenkt - Smart Textiles erobern den Markt

TEXTIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2007 vom 24.07.2007

Beitrag

Funktionale Textilien sind aus den Regalen der Einzelhändler längst nicht mehr wegzudenken. Zunehmend wird Alltagskleidung nun mit modernsten High-Tech- und Nanotechnologie-Materialien gespickt - die neueste Entwicklung heißt Smart Textiles, intelligente Textilien.

Bügelfreie Hemden, atmungsaktive Schuhe und Blousons gehören längst zum Sortiment der Textilhändler. Die Nachfrage der Verbraucher nach Bekleidung mit immer größerem Zusatznutzen wie kühlend, antibakteriell, antistatisch etc. ist ungebrochen. Der neueste Trend ist mit Elektronik ausgestattete Kleidung, die in der Lage ist, mit dem Träger zu kommunizieren. Smart Textiles - auch Sfits, smart fabrics oder interactive textiles genannt - heißt die neueste Errungenschaft der Hersteller. Smart Textiles heißt übersetzt intelligente Bekleidung. Sie ist "smart" vor allem durch die Integration von intelligenten, in der Regel elektronischen Komponenten und bietet dadurch einen Mehrwert. Die Technologie basiert auf winzigen Chips und Sensoren, die auf die textilen Gewebe eingebracht sind, in den Stoff eingewebte feine Leiterbahnen sorgen für die elektrischen Verbindungen. Sie fungieren als eine Art tragbarer Computer, können aber auch medizinische Funktionen wie das Messen von Blutdruck oder das Zuführen von Medikamenten übernehmen.



Es schallt aus der Snowboard-Jacke

Intelligente Textilien haben den Herstellern in den vergangenen Jahren ein deutlich steigendes Wachstum beschert. Und das in einem Markt, in dem die Umsätze mit traditionellen Textilien und Bekleidung rückläufig sind. Technische Textilien - dazu gehören auch Smart Textiles - gelten global als der am schnellsten wachsende Sektor des Textilmarkts. Sie verlassen derzeit das Prototypenstadium und beginnen langsam auf dem Markt Fuß zu fassen. Experten schätzen das weltweite Marktvolumen von Smart Textiles auf rund eine Milliarde Dollar. 16 Forschungsinstitute und zahlreiche Unternehmen arbeiten derzeit in Deutschland an dieser Generation von intelligenten Textilien. Das Potenzial ist groß, ebenso die Möglichkeiten, die sich gerade für deutsche Textilhersteller ergeben - zumal die chinesische Konkurrenz der Billighersteller in punkto Innovationskraft (noch) nicht mit der heimischen Industrie mithalten kann. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Entwicklung von Smart Textiles finanziell. Eingesetzt werden Smart Textiles vor allem im Bereich Sport- und Schutzbekleidung. (1), (2)

Nach den Anfängen im Bereich Sport, Schutzbekleidung, Outdoor und Fashion erobern intelligente Textilien nun den Markt der Gesundheitsvorsorge, des Alltagsmanagements und des Entertainment. Erste Beispiele für intelligente Bekleidung reichen bis zum Anfang der 1990er Jahre zurück. Damals waren T-Shirts beliebt, die ihre Farbe je nach Temperatur änderten, oder ihr Muster erst bei Sonneneinstrahlung preisgaben. Ein Klassiker ist die in der Jacke oder Hose eingebaute Handy-Freisprecheinrichtung. In der Kleidung ist ein wasserdichtes Funkmodul eingearbeitet, das per Bluetooth mit dem Mobiltelefon kommuniziert. Bedient wird es über textile waschbare Knöpfe, die an den am besten erreichbaren Stellen platziert werden. Die Firmen Lodenfrey und Bäumler setzen diese Technik bereits in ihrer Kleidung ein.
In der Kapuze der Daunenjacken des Snowboard-Ausrüsters Burton sorgen integrierte Lautsprecher für Beschallung, an den Außenseiten der Taschen ist eine witterungsfeste Kontrolleinheit befestigt, mit der sich iPod und Mobiltelefon mittels Bluetooth steuern lassen, ohne dass sie aus der Tasche heraus geholt werden müssen. Die Firma Nike entwickelte im vergangenen Jahr den Laufschuh Air Zoom Moire. In den Schuh ist ein Chip integriert, der während des Trainings Daten über die erbrachte Leistung via iPod übermittelt - diese können später über einen Computer abgefragt werden. (3)


Intelligente Textilien sind auch in der Lage medizinische Funktionen wie das Messen von Blutdruck oder das Zuführen von Medikamenten zu übernehmen. Sie können ferner Körperfunktionen speichern und für Dritte abrufbar machen. Vorreiter waren das japanische und amerikanische Militär, das seine Soldaten mit einem Life-Shirt ausstattete, das deren Herzfrequenz im Einsatz überwachte. Die Nutzung dieser technologischen Vorrichtung bietet sich auch zur medizinischen Betreuung einer immer älter werdenden Bevölkerung an. So könnten Smart Textiles beispielsweise der Dehydrierung entgegen wirken, eine der häufigsten Todesursachen bei Senioren. Das Life-Shirt misst den pH-Wert der Haut und sendet im Notfall einen Impuls, den Wasserhaushalt auszugleichen. In die gleiche Richtung geht spezielle Babywäsche, die die Herztöne des Säuglings kontrolliert und auf diese Weise dem plötzlichen Kindstod vorbeugt. Sport-BHs kontrollieren die Herzfrequenz und senden die Daten an einen am Handgelenk getragenen Monitor. Und ein mit Silberfäden ausgerüstetes Gewebe (E-Blocker), das an den Innentaschen von Sakkos und Jacken angebracht ist, schirmt elektromagnetische Strahlung von Handys - und damit vom Besitzer ab. (3)


Die diesjährige Computermesse Cebit widmete dem Thema Smart Textiles auf 250 Quadratmetern sogar eine Sonderschau. Als eine der neuesten Entwicklungen wurden Smart Textiles in Form von Unterhaltungselektronik zum Anziehen vorgestellt - etwa iPods im T-Shirt oder Spielkonsolen in der Jacke, ebenso Anzüge mit Solarzellen, die Handys wieder aufladen, oder Jogginghosen, die bei Dunkelheit von alleine leuchten. (4), (5), (6)



T-Shirts gegen schwere Beine und Schlaflosigkeit

Kosmetischen Textilien, auch Kosmetotextilien genannt, sagen Experten hervorragende Wachstumsprognosen voraus. Unter dem Begriff sind Textilien mit Wellness-Inhaltsstoffen gemeint, die während des Tragens die Haut pflegen, kühlen oder vitalisieren. Noch sind viele Unternehmen in der Experimentierphase, Verbraucher bisweilen noch skeptisch, was die Effektivität der Materialien angeht. Die Textilien entsprechen den Anforderungen gewöhnlicher kosmetischer Produkte. Eine Untersuchung der Anti-Cellulite-Jeans etwa hat gezeigt, dass die Orangenhaut der Probandinnen bei längerem Tragen nachweislich geglättet wurde; denselben Effekt erzielten auch Cosmeto-BHs, die die Brust straffen. Seit Neuestem sind auch Textilien mit aromatherapeutischer Wirkung auf dem Markt erhältlich. Ätherische Öle werden ähnlich wie kosmetische Öle mikroverkapselt und in Handtücher, Strumpfhosen oder T-Shirts waschresistent verankert. So können Textilien - je nach Bedarf des Trägers - beruhigend oder kühlend wirken oder Beschwerden wie schwere Füße oder Schlaflosigkeit lindern. Sport-Tops mit eingebauten verkapselten kühlenden Substanzen wie Menthol sind derzeit der Trend bei mehreren großen Bekleidungsherstellern.
Auch in punkto Insektenschutz erweisen Funktionstextilien ihren Trägern große Dienste. So wurde ein von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenes Insektizid in Textilien eingebunden, das bis zu 25 Wäschen überdauerte. (7)

Kritiker werfen den intelligenten Textilien vor, sie seien zu verspielt und hätten mitunter angesichts hoher Preise - eine Jacke mit integriertem MP3-Spieler und Mobiltelefon kostet bis zu 1 000 Euro - nur geringe Chancen sich auf dem Markt durchzusetzen. Nicht zu leugnen sind die praktischen Probleme: Vor dem Waschen müssen die technischen Applikationen in der Regel herausgenommen werden.

Ob sich Smart Textiles auf dem Massenmarkt durchsetzen werden, hängt zum großen Teil davon ab, ob sie dem Verbraucher nicht nur sinnvoll, sondern auch sinnlich erscheinen. Denn neben Funktionalität spielt auch die emotionale Akzeptanz durch die Verbraucher eine große Rolle. (1)



Fallbeispiele



Francesca Rosella, Gründerin der britischen Firma CuteCircuit, hat im vergangenen Jahr das Hug Shirt auf den Markt gebracht, das die Sehnsucht von Liebespaaren, die unter einer Fernbeziehung leiden, lindert. Der Clou des T-Shirts: Es verteilt Umarmungen. Dazu müssen diejenigen, die sich umarmen wollen, das T-Shirt tragen. Sobald sich der Wunsch nach einem Austausch von Zärtlichkeiten regt, umarmen sich die Liebenden selber. Eingebaute elektronische Sensoren messen Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlag und Intensität der Umarmung und übertragen die Daten per Handy an den Empfänger. Das Time Magazine kürte das Hug Shirt 2006 zu einer der besten Erfindungen des Jahres. (3)

Erstmals wurde dieses Jahr der Preis SmartTextiles Product of the Year Award verliehen, der an den Handytaschen-Hersteller Mahoki ging. Die care.e.packs schirmen zu 99,9 Prozent elektromagnetische Strahlung ab. (4)

Nicht etwa im Rahmen einer Textilmesse, sondern auf der Internationalen Funkausstellung stellte Philips im vergangenen Jahr seine Lumalive-Technologie auf selbst leuchtende T-Shirts vor. In die Fasern von T-Shirts sind LEDs eingebaut, die mit ihrer langen Lebensdauer und dem geringen Stromverbrauch jede Glühlampe übertreffen. Mit Hilfe von Fernbedienung, Mobiltelefon oder SMS kann das T-Shirt mit Bildern und Texten bespielt werden. Der Inhalt wird über eine Software von Philips bereit gestellt und kann per USB-Verbindung vom Computer auf das LED-Display geladen werden. Lumalives sollen als Werbemittel eingesetzt werden, zum Beispiel in Form einer mobilen Plakatwand oder als variables Werkzeug für alle Arten von Events. (3)


Zahlen & Fakten

- Smart Textiles gelten global als der am schnellsten wachsende Markt der Textilbranche. Das Marktvolumen von Smart Textiles wird weltweit auf eine Milliarde Dollar geschätzt.

- 16 Forschungsinstitute und zahlreiche Unternehmen in Deutschland arbeiten an dieser Generation von intelligenten Textilien.

- Während die Umsätze mit traditionellen Textilien und Bekleidung rückläufig sind, sorgten Smart Textiles in den vergangenen Jahren für ein deutlich steigendes Wachstum.

- Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Entwicklung intelligenter Textilien.

- Intelligente Textilien sind auch in der Lage medizinische Funktionen wie das Messen von Blutdruck oder das Zuführen von Medikamenten zu übernehmen.

- Kosmetotextilien - Textilien mit Wellness-Inhaltsstoffen, die während des Tragens die Haut pflegen, kühlen oder vitalisieren - sagen Experten hervorragende Wachstumsprognosen voraus.

- Erstmals in diesem Jahr wurde der SmartTextiles Product of the Year Award verliehen, der an das Unternehmen Mahoki ging - die Handytaschen care.e.packs schirmen zu 99,9 Prozent elektromagnetische Strahlung ab.

Weiterführende Literatur:

(1.) Littmann, Peter, Marken-Zeichen, Handelsblatt, 18.01.2007, S. 18
aus Handelsblatt Nr. 013 vom 18.01.07 Seite 18

(2.) Koslowski, Hans-J., Trends bei Wellness- und smart Textiles, melliand Textilberichte, Nr. 4, 6.04.2007, S. 187
aus melliand Textilberichte Nr. 04 vom 06.04.2006 Seite 187

(3.) Bohn, Alex, Mein Kleid denkt mit, Süddeutsche Zeitung, 31.03.2007
aus Süddeutsche Zeitung, 31.03.2007, Ausgabe Deutschland, S. ROM5

(4.) O.V., Da dudelt de Lederhose, Spiegel online, 21.03.2007
aus Süddeutsche Zeitung, 31.03.2007, Ausgabe Deutschland, S. ROM5

(5.) O.V., Outdoor-Jacke mit GPS-Navigation, Handelsblatt online, 6.03.2007
aus HANDELSBLATT online 06.03.2007 10:30:00

(6.) O.V., Anzieh-Elektronik, Focus, Nr. 11, 12.03.2007, S. 144
aus Focus, 12.03.2007; Ausgabe: 11; Seite: 144-144

(7.) O.V., Starke Impulse für Kosmetotextilien, melliand Textilberichte, Nr. 5, 4.05.2007, S. 360
aus melliand Textilberichte Nr. 05 vom 04.05.2007 Seite 360

Autor GENIOS BranchenWissen: K.Zirkel
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2007 vom 24.07.2007
Dokumentnummer: s_tex_20070724

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