Functional Food - Wellness-Kick oder Marketing-Trick

LEBENSMITTEL | GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2005 vom 20.04.2005

Beitrag

Der Begriff Wellness begegnet den Konsumenten in allen Bereichen des Daseins, wen wundert es also, wenn sich die Lebensmittelindustrie zurzeit massiv mit dieser Thematik auseinandersetzt. Das Zauberwort heißt Functional Food, sprich funktionelles Nahrungsmittel. Wellness-Kick oder Marketing-Trick?


Was ist eigentlich Functional Food?

Bei Functional Food handelt es sich um Nahrungsmittel, die mit überwiegend natürlichen Nährstoffen wie Mineralstoffe, Ballaststoffe, Vitamine oder probiotischen Bakterienkulturen ergänzt werden und dem Verbraucher einen zusätzlichen Gesundheitsnutzen versprechen, der auch noch schmecken soll. (4), (5), (6)


Wellness und Gesundheit als zentrales Konsummotiv

Zukunftsvisionen: Durch Fortschritte in der Biologie werden immer mehr Informationen über die Verknüpfungen von Proteinfunktionen, Genen und Gesundheit zur Verfügung stehen. Neue verbesserte Diagnosefähigkeiten werden z.B. die Analyse des genetischen Profils eines Verbrauchers ermöglichen, samt dessen Veranlagung zu Krankheiten und Allergien, und so weiter und so fort. Man wird identifizieren können, welche Nahrungsbestandteile dem Einzelnen schaden und welche seine Gesundheit fördern. Hier kommt dann der Einstieg der Nahrungsmittelhersteller, der die persönlichen Informationen der einzelnen Kunden verwenden kann und ihnen individuelle Ernährungsprogramme mit den dazugehörigen Nahrungsmitteln liefern wird. Wunschtraum oder Horrorvorstellung? (2), (5), (7)

Noch ist es allerdings so, dass der gesundheitsbewusste Konsument mit weniger individuellem, aber doch mittlerweile relativ vielseitigem Functional Food, seine Gesundheit und Wellness selbst unterstützen kann. In der heutigen Zeit beeinflusst der Gesundheitsgedanke mittlerweile ganz massiv das Verbraucherverhalten. (1), (2), (5)


Best Agers und junge Mütter auf der Suche nach ausgewogener Ernährung

Interessanterweise findet vor allem die ältere Generation Gefallen an Functional Food. Der neue Seniorenteller soll heute mehr als die Minimierung einer normalen Portion sein. Gefragt sind funktionelle Nahrungsmittel auf dem Teller, da durch die kleineren Portionen der Tagesbedarf an Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen kaum noch gedeckt wird. Durch das sehr ausgeprägte Gesundheitsbewusstsein, das die Verbraucher inzwischen vor allem in der zweiten Lebenshälfte prägt, haben viele ältere Leute häufig ihre Essgewohnheiten umgestellt. Es wird gesünder ung bewußter gegessen. Dementsprechend reagierten bereits die Foodlieferanten und bieten diverse vitale Konzepte, so dass man auf dem besagten Seniorenteller, ob zu Hause oder unterwegs, immer häufiger Functional Food findet. (3)

Ein weiterer großer Markt für Functional Food sind Babys und Kinder. Fast alle Hersteller von Babynahrung haben mittlerweile dem Trend entsprechend, funktionelle Milchpulver und Babybreie auf den Markt gebracht. (2)


Diverse Verbraucherschützer bezweifeln den wirklichen Wellness-Kick

Allerdings gibt es ein großes Fragezeichen in Bezug auf die tatsächliche Wirksamkeit von Functional Food. Es gibt kaum Studien bevor solche Produkte auf den Markt kommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass sie nicht schaden, aber selbst hier haben Ernährungswissenschaftler noch Zweifel. Sie sind zum einen der Meinung, dass man Functional Food eigentlich gar nicht braucht, zum anderen halten sie es sogar für bedenklich, dass völlig unkontrolliert immer mehr Nahrungsmittel mit den unterschiedlichsten Zusätzen in den Supermärkten zu finden sind. Kein Mensch weiß, ob zwischen ihnen negative Wechselwirkungen bestehen. Was sonst bei den meisten Medikamenten der Arzt kontrolliert, bleibt hier dem Einzelnen selbst überlassen. Möglicherweise eine gefährliche Variante der Mündigkeit des Verbrauchers? (2), (4), (6)
Kein Wunder also, dass Verbraucherschützer äußerst skeptisch reagieren und hinter dem Konzept von Functional Food einen reinen Marketing-Trick der Lebensmittelindustrie vermuten. In einer Zeit, in der Geiz geil ist und die Verbraucher nicht mehr uneingeschränkt dazu bereit sind für Markenprodukte viel Geld auszugeben, der Markt übersättigt ist und Billiganbieter äußerst beliebt sind, ist für die Lebensmittelindustrie zwangsweise ein Umdenken erforderlich. Der Gesundheitstrip der Konsumenten kommt der Lebensmittelbranche hier sehr entgegen, da Functional Food eine gute Chance bietet, teure Nahrungsmittel an den Kunden zu bringen. (2)

Functional Food ist auf jeden Fall ein "Megatrend" auf dem Lebensmittelmarkt. Diese Produkte sind zwar auch nicht nur gesund für den menschlichen Organismus, für die Wachstumsstrategie der Lebensmittelindustrie aber allemal. Die rechtliche Situation zur Vermarktung von Functional Food ist allerdings noch relativ ungeklärt, da das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz zurzeit gesundheitsbezogene Werbung eigentlich verbietet. (4)



Fallbeispiele



Beispiele für Functional Food

Sarotti Purpur von Stollwerck
Mit einem schonenden Herstellungsverfahren versucht man die natürlichen Polyphenole aus den tansanischen und ecuadorianischen Kakaobohnen weitgehend für das Endprodukt zu erhalten.
Im Endeffekt sollen sie angeblich immunstimulierend, Blutdruck senkend und gerinnungshemmend wirken, sprich dem Herzinfarkt vorbeugend. (8)

Unilever
Neben der Diätmargarine führte Unilever unter der Marke Becel pro-activ spezielle Joghurt- und Milchprodukte ein.
Ergebnis: Laut Statistik kaufen Verbraucher in den mittleren Jahren rund 40 Prozent dieser Waren. (3)


Beispiel für Probleme, die bei Functional Food auftreten können

Noch einmal Unilever
Bei der cholesterinsenkenden Margarine Becel pro-aktiv liegt das Problem bei der Dosierung.
Zwar wurde in aufwändigen Studien nachgewiesen, dass ein cholesterinsinkender Effekt durchaus vorhanden ist, allerdings nur bei einem Verzehr von 25 Gramm Margarine pro Tag. Die meisten Becel-Kunden verspeisen allerdings nur 10 Prozent davon pro Tag. Somit bleibt der Erfolg aus. (2)


Zahlen & Fakten

Prognose:

- bis zum Jahr 2010 soll der Marktanteil von Functional Food auf dem gesamten Lebensmittelmarkt bei 25 Prozent liegen

- im Jahr 2050 soll der Marktanteil sogar bis 50 Prozent angestiegen sein (nach einer Schätzung des Nestlé Konzerns) (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) Hoffmann, Kurt, Fachthema: Fleisch und Wurst, Die Wurst speckt ab, Lebensmittel Zeitung, 18.03.2005, S. 46
aus Lebensmittel Zeitung Nr. 11 vom 18.03.2005 Seite 046

(2.) Baier, Tina, Die Salami-Therapie, SZ Süddeutsche Zeitung, 24.02.2005, S. 11
aus Süddeutsche Zeitung, 24.02.2005, Ausgabe Deutschland, S. 11

(3.) Wilhelm, Sybille, Richtig abgeschmeckt, Lebensmittel Zeitung Spezial, 01.04.2005, S. 44
aus Lebensmittel Zeitung Spezial Nr.01 vom 01.04.2005 Seite 044

(4.) O.V., Vielen Versprechen fehlt der wissenschaftliche Beweis, Functional Food: Lebensmittel dürfen nicht mit besonderem Gesundheitswert werben, Mitteldeutsche Zeitung, 07.03.2005
aus Mitteldeutsche Zeitung vom 07.03.2005

(5.) Sigrist, Stefan, Radikale Food-Trends, Food Service, 28.02.2005, S.24
aus Food Service Nr.03 vom 28.02.2005 Seite 024

(6.) O.V., Schützt das Glas Wein Diabetiker vor dem Herzinfarkt? Medizinische Studien vorgestellt: Nutzen von angereicherten Nahrungsmitteln nicht unstrittig / Medikamente als Ursache für Kopfschmerzen, Wiesbadener Kurier, 07.04.2005
aus Food Service Nr.03 vom 28.02.2005 Seite 024

(7.) Rosbach, Britta, Verborgene Schätze, Lebensmittel Zeitung Spezial, 01.04.2005, S. 36
aus Lebensmittel Zeitung Spezial Nr.01 vom 01.04.2005 Seite 036

(8.) Queck, Matthias, Stollwerck lässt den Zucker weg, Lebensmittel Zeitung, 04.02.2005, S. 57
aus Lebensmittel Zeitung 05 vom 04.02.2005 Seite 057

Autor GENIOS BranchenWissen: E.Krug
Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2005 vom 20.04.2005
Dokumentnummer: s_leb_20050420

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