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Der Spiegel, 19.07.2010, Nr. 29, Seite 64

Titelgeschichte

"Ich stelle das Handy nie aus"

Familienministerin Kristina Schröder, 32 (CDU), über die Tücken der Erreichbarkeit und warum Politiker darunter besonders leiden

SPIEGEL: Es ist schon spät. Erwischt man Sie jetzt privat oder noch im Dienst?
Schröder: Im Dienst. Ich komme von meiner Bürgersprechstunde und bin auf dem Weg zu einer Parteisitzung.
SPIEGEL: In vielen Jobs gehört es mittlerweile zum guten Ton, immer erreichbar zu sein. Raubt die Arbeit uns die Freizeit?
Schröder: Die Gefahr besteht auf jeden Fall. Für die meisten Familien gibt immer noch der Beruf den Takt für das Privatleben an. Dabei gibt es zwei Probleme: Zum einen haben wir in Deutschland noch immer eine starke Präsenzkultur. Als Bester gilt, wer am längsten am Schreibtisch sitzt. Dazu kommt, dass man ständig erreichbar sein muss. Das führt zu einer permanenten inneren Anspannung.
SPIEGEL: Ist das nicht der Preis für die Freiheit, die uns das mobile Arbeiten ermöglicht?
Schröder: Der Preis ist aber zu hoch, wenn Beruf und Privatleben ständig ineinander übergehen. Bekommt man im Urlaub eine Mail aus dem Büro, dann geht es ja nicht nur um die halbe Stunde, in der man die bearbeitet. Man ist auch innerlich sofort wieder aus der Erholung draußen und mittendrin in der Arbeit.
SPIEGEL: Soll der Gesetzgeber den Chefs verbieten, sonntags anzurufen?
Schröder: Das Recht auf Urlaub und Freizeit gibt es. Was sich durchsetzen muss, ist eine Unternehmenskultur, die verantwortlich damit umgeht. Es muss wieder selbstverständlich sein, dass nur in absoluten Notfällen gestört wird. Deswegen freut mich, dass es erste Unternehmen wie die Telekom gibt, die ihren Mitarbeitern ausdrücklich sagen: Am Wochenende müsst ihr keine Mails beantworten.
SPIEGEL: Was kann die Politik tun? Unternehmen zwingen, freitags das Diensthandy einzuziehen?
Schröder: Das ist natürlich Unsinn. Trotzdem muss sich etwas ändern. Ich möchte die Unternehmen dabei unterstützen, Mindeststandards in ihrer Zeitkultur einzuführen. Werden Urlaub und Freizeit der Mitarbeiter wirklich gewürdigt? Gibt es flexible Arbeitszeitmodelle? Betriebe können mit uns im Rahmen des Projekts "Erfolgsfaktor Familie" eine Selbstverpflichtung darüber abschließen. Daran sollten sich alle Unternehmen beteiligen. Der Gedanke muss sich durchsetzen: Eine familienfreundliche Arbeitswelt zahlt sich für alle aus.
SPIEGEL: Wie sind Sie selbst erreichbar?
Schröder: Als Ministerin? Immer.
SPIEGEL: Und wann stellen Sie privat Ihr Handy aus?
Schröder: Nie. Ich stelle das Handy nie aus. Das würde mich zu sehr beunruhigen. Aber mein Büro weiß, dass es Zeiten gibt, in denen es sich nur melden darf, wenn die Hütte brennt. Ich bin wirklich ein großer Fan der Trennung von Beruf und Privatleben.
SPIEGEL: Wie kann man sich das in Ihrem Beruf vorstellen?
Schröder: Ich kämpfe für meine freie Zeit. Wenn im Urlaub SMS oder Mails kommen, die keine Notfälle sind, antworte ich ganz ehrlich, dass es jetzt nicht geht und ich mich in zwei Wochen darum kümmere. Wer hart arbeitet, dessen Freizeit muss man mit Respekt behandeln. Und diesen Respekt muss man sich manchmal eben einfordern.
SPIEGEL: Gelten für Politiker andere Maßstäbe?
Schröder: Ganz sicher. Manche Politiker geben schon gar nicht mehr zu, dass sie gerade im Urlaub sind. Sie denken, dass ihnen das negativ ausgelegt wird. Dazu kommt, dass wir besonders oft abends und an Wochenenden Termine haben. Das ist unglaublich familienfeindlich.
SPIEGEL: Haben Sie schon mal einen Anruf der Kanzlerin weggedrückt? Weil es gerade nicht passte?
Schröder: Nein. Wenn die Kanzlerin anruft, dann ist das immer wichtig.

Personen: Schröder, Kristina [CDU] - I#Interviews
Autor: Kullmann, Kerstin

126114, SPIE, 19.07.2010, Words: 559, NO: CODESCO-SP-2010-029-19249